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Sonnenstrahlen blinzeln durch die
Fensterscheiben, verdubter Debussy kratzt aus den Boxen. Tabakrauchschwaden der
vorangegangenen Nacht hängen noch im Raum der Bar. An einem Sonntag im
August, so nennt sie sich, Kastanienallee 103, Prenzlauer Berg. Ein Februarmorgen.
Den Laden habe ich soeben auf dem Weg von der Pappelallee her entdeckt, hinweg über die Kreuzung Schönhauser-Danziger. Vor mir dampft eine Schale arabischen
Kaffees, daneben ein Buch: Rudolf Bahro - Glaube an das Veränderbare.
Eine Biographie von Guntolf Herzberg und Kurt Seifert, erschienen 2002 im
Links-Verlag. Ich bin unterwegs auf den Wegen dieser Biografie. Doch wo beginnt
man eine solche am besten zu erzählen? Von Beginn an? Oder eher vom Ende
her, als Retrospektive? Vielleicht in der Pappelallee 83, Berlin-Prenzlauer Berg,
einige Tage im Oktober 1979. Ein Grenzstein im Leben Rudolf Bahros - Kritiker,
,Kommunist', Dissident. Autor des weltweit rezipierten Buches Die Alternative.
Zur Kritik des real existierenden Sozialismus. Hier, in der Nr. 83, wohnte
seine Frau Gundula mit den Kindern; hier ging er oft ein und aus in diesen wenigen
Tagen im Herbst `79, nachdem er aus der Haft in Bautzen entlassen worden war.
Kurze Besinnung vor seiner Ausreise in die BRD, zurückschauend - sicherlich,
und nach vorn. Doch wie kam er bis hier her?
Guntolf Herzberg und Kurt Seifert
versuchen in ihrer Biografie Rudolf Bahro - Glaube an das Veränderbare
ihn als kritischen Denker vorzustellen, eingeflochten in die Beschreibung der
Persönlichkeit Bahros, von der der Denker Bahro nicht zu trennen ist und
ohne die er schwer erklärbar bliebe. Die umfangreiche Biografie ist nur 5
Jahre nach dessen Tod 1997 erschienen - vielleicht, um diesen Denker und Kritiker
nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte er doch in seinen letzten Jahren
mit zunehmendem Miss- und Unverständnis der Öffentlichkeit zu kämpfen.
Für viele war sein Ideen- und Gedankenkosmos kaum mehr nachvollziehbar. Sein
"weite[r] Weg vom gläubigen Leninisten zum spirituellen Kritiker der
Moderne" ist indes nicht einfach zu verstehen; zu oft wechselt Bahro im Laufe
seines Lebens die Denkrichtung. Diesen Weg des in Ost und West immer unbequem
gebliebenen Denkers zeichnen Herzberg und Seifert auf 656 Seiten detailreich nach.
Es gelingt ihnen, den Denker Bahro nachvollziehbar zu machen - unabhängig
davon, ob und wie gut der Leser mit Bahros Hauptwerken Die Alternative und
Die Logik der Rettung vertraut ist. Sie teilen Bahros Leben in drei
Teile: der erste gehört der Zeit in der DDR, der gründlich recherchiert
und in guter Kenntnis sämtlicher Stasi-Akten von Herzberg verfasst wurde.
Detailreich und spannend veranschaulicht er die Gedankenwelt Bahros. Nur die vielen
in Klammern gesetzten Informationen strapazieren die Geduld des Lesers ebenso,
wie dass jede noch so kleine Tagebuchaufzeichnung beider Autoren nachgelesen werden
müssen. Der zweite, von Seifert verantwortete Teil beschreibt die Zeit
in der BRD: die politische Neuorientierung im westlichen Europa, Bahros Kritik
am System der zwei Blöcke, die Entwicklung hin zum spirituellen Kritiker
bis hinein in den deutsch-deutschen Herbst 1989. Die Ereignisse der Wende
leiten den letzten Teil des Buches ein, der sich neben den letzten Lebens- und
Wirkungsjahren an der Humboldt-Universität Berlin und dem Leidensweg des
an Leukämie Erkrankten auch Bahros schwierigem Verhältnis zu Frauen
annimmt - ein mutiges, wenngleich konfliktreiches Thema. Neben der eigenen Problematik
des Themas charakterisiert dieses Kapitel auch die Persönlichkeit Bahros
sehr deutlich, hier in der Schattierung des Privaten. Die Autoren beschreiben
ihn als von einem Sendebewusstsein beseelten, sich als vorausschauend sehenden
Kritiker, der wenigstens einen Lexikonartikel wert sein wollte. Bereits durch
sein Buch Die Alternative, sagte er einst, wollte er berühmt werden.
Diese Haltung spiegelt sich nach Meinung der Autoren auch in seinem relativ verantwortungslosen
Verhalten seinen (Ehe-)Frauen gegenüber - seine zweite Frau Beatrice springt
schließlich 1993 von der Berliner Siegessäule. Herzbergs und
Seiferts Interesse an Bahro geht über das rein fachliche hinaus; beide sind
ihm auch persönlich verbunden: Herzberg gehört in den Jahren 1976/ 77
in den Kreis von Bahros Helfern zur Fertigstellung der Alternative. Der
studierte Philosoph widmet seine Forschungen seit der Wende den Vorgängen
um Rudolf Bahro und publizierte dazu bereits mehrfach. Seifert lernt Bahro Anfang
der Achtziger Jahre in der BRD während einiger längerer Interviews kennen.
Die Biografen stützen sich auf private Unterlagen, zahlreiche Selbstzeugnisse
Bahros und Archivdokumente, vor allem aber auf Stasiunterlagen und Zeitzeugen,
welche neben der Stellungnahme einer Zeitzeugin (ehem. IM) an den Verleger des
Buches Christoph Links in dem umfangreichen Anhang dokumentiert sind. Bahro
wird 1935 in Bad Flinsberg, Niederschlesien, geboren. Der Verlust seiner Mutter
und zweier Geschwister ist für das Flüchtlingskind traumatisch. Mit
18 tritt er in die SED ein, beginnt 1954 an der HU Berlin Philosophie zu studieren
- und fällt zum ersten Mal der Staatssicherheit auf. Er hängt 1956 eine
Wandzeitung in der Universität auf, in der er sich mit den Ereignissen vom
Herbst in Polen und Ungarn solidarisiert und die bewusst lückenhaften Informationen
über die Ereignisse seitens der politischen Führung anklagt. Nach
dem Ende des Studiums 1959 geht er für zwei Jahre als Dorfzeitungsredakteur
in den Oderbruch und heiratet. Weiter führt ihn sein Weg als Parteizeitungsredakteur
an die Universität Greifswald, wo er bis 1962 bleibt. Noch stimmt er mit
Überzeugung den Verhältnissen in der DDR zu. In diese Zeit fällt
auch eine sehr kurze Phase der Stasi-Mitarbeit, über die Bahro später
resümiert, er wäre wohl dafür einfach nicht geeignet gewesen. 1960
veröffentlicht er unter dem Titel In diese Richtung eine Broschüre
mit eigenen Gedichten. Nach einer Position im Zentralvorstand der Gewerkschaft
Wissenschaft in Berlin folgt 1965 der erste interessante Posten: er wird stellvertretender
Chefredakteur der Wochenzeitschrift Forum - "eine der lebendigsten
Zeitschriften der DDR" . Zu dieser Zeit beginnt bei ihm das große
Nachdenken über die Fehler der politischen Entwicklung in der DDR. Und auch
im Forum eckt er an: er sagt zu oft ,aber'. Die urlaubsbedingte Abwesenheit
seines Chefredakteurs nutzt er, um Volker Brauns umstrittenes Stück Kipper
Paul Bauch abzudrucken. Das Stück hatte aber nach Meinung des Politbüros
keinesfalls diskutiert werden sollen. So endet seine Zeit als Forumsredakteur;
er wird in die Produktion geschickt und landet in der "Gummibude" in
Berlin-Weißensee. Hier beginnt er mit seiner Dissertation über den
Einsatz von Hochschulkadern in sozialistischen Betrieben. Die TU Merseburg wird
sie als "unwissenschaftlich" ablehnen. Erst in der BRD findet sie Anerkennung.
Im Rahmen dieser Arbeit werden ihm immer mehr die Schwachstellen des Systems bewusst.
Der Prager Frühling und die anschließend in die CSSR einrollenden sowjetischen
Panzer führen für Bahro zum völligen inneren Bruch mit dem bestehenden
System. Parallel zu seiner Dissertation arbeitet er an der Alternative,
die schließlich Anfang September 1977 in einem Kölner Verlag veröffentlicht
wird. Kurz vor der Publizierung druckt der Spiegel Auszüge daraus
ab. Was nun folgt, ist klar: prompt wird Bahro verhaftet und - trotz engagierter
Verteidigung durch Gregor Gysi - verurteilt: zu 8 Jahren wegen Geheimnisverrats
und Nachrichtenübermittlung. Aus der Berliner U-Haft wird er nach Bautzen
II verlegt, wo er bis zu seiner Entlassung aufgrund einer Amnestiewelle im Oktober
1979 bleibt. Anschließend reist er mit Frau, Kindern und Geliebter in die
BRD aus. Interessant aber ist, dass die Stasi schon längst vor der Fertigstellung
von Bahros Alternative wusste, mindestens lagen ihr Auszüge daraus
vor. Bis heute fragt es sich also, warum das Ministerium nicht schon eher eingriff.
Sicher kann diese Frage die 2002 erschienene Bahro-Biografie auch nicht beantworten;
die häufig so detail-peniblen Stasi-Akten schweigen in diesem Punkt.
Der Ausreise in die BRD folgt eine Phase der Neuorientierung im westlichen Europa,
die Zeit als GRÜNEN-Vorstandsmitglied und sein Austritt aus der Partei 1985,
wiederum Neuorientierung - mit Besuch bei Shree Rajneesh Baghwhan in Oregon. Er
entwickelt sich zum spirituellen Kritiker seiner Zeit. Im Herbst 1989 bricht
Bahro sofort aus der Eifel auf und eilt nach Ostberlin. Er möchte dabei sein,
mitgestalten, die DDR vor dem von ihm kritisierten Kapitalismus bewahren - in
einer Situation, da sich die Mehrzahl der DDR-Bürger nach Mikrowelle und
VW sehnt. Entsprechend unverstanden bleibt auch seine Rede auf dem Außerordentlichen
Parteitag der SED-PDS. Er gründet Anfang der neunziger Jahre das Institut
für Sozialökologie an der HU Berlin. Der Tod seiner zweiten Frau Beatrice
1993 stürzt ihn in eine tiefe Krise: er setzt mit seinen studium generale
- Vorlesungen über Sozialökologie für ein Semester aus. Schließlich
widmet er sich verstärkt dem - theoretischen - Verhältnis zwischen Mann
und Frau in der Welt, vielmehr: dem Verhältnis von männlichem und weiblichem
Element. Die Megamaschine, die seiner Meinung nach vom (abstrakt) männlichen
dominiert würde, sei eine der Hauptursachen für die Apokalypse, auf
die die Menschheit zusteuere. Dieser sei nur beizukommen, indem der Mensch vollständig
umdenke und alte Verhaltensmuster ablege - auf spirituellem Weg. Seine Gratwanderung
zwischen Spiritualität und Wissenschaftlichkeit belegt nicht nur sein Antrag
an die Deutsche Forschungsgesellschaft in seiner Position als Professor für
Sozialökologie. Die letzten Lebensjahre sind vom Krebs gezeichnet, dem
er schließlich 1997 in Berlin erliegt. Noch in seinen letzten Tagen diskutiert
er im Fieberwahn heftig mit Dschingis Khan und Karl dem Großen über
den Zustand der Welt. Wenige Gehminuten von der Bar in der Kastanienallee
entfernt hat der Links-Verlag sein Domizil, der 2002 Herzbergs und Seiferts Bahro-Biografie
publizierte. Dorthin führt mich mein Weg, nachdem ich meine Schale Kaffee
geleert habe: zu dem Verleger Christoph Links. Links zählt in der DDR (d.h.
für die Stasi) zu Bahros mittelbarem Freundeskreis, wenngleich die beiden
Männer sich zu dieser Zeit nie begegnen. Links' bester Freund Rudi Wetzel
ist während Bahros Haftzeit in Bautzen II dessen Kurier. Wetzel (und Links)
sorgen für die Vervielfältigung der Alternative in der DDR, d.h.
sie tippen sie ab und organisieren die Kontakte zu bundesdeutschen Medien. In
der Zeit der Wende 1989, da Bahro wieder nach Berlin eilt, treffen sie sich zum
ersten Mal und sitzen die ganze Nacht zusammen. In dieser Nacht verspricht Links,
Bahros nächstes Buch in seinem noch zu gründenden Verlag zu publizieren.
Doch dazu wird es nicht kommen. Ich laufe durch die Ziegelstein gefärbten
Höfe der Kulturbrauerei in der Schönhauser Allee, Kopfsteinpflaster
spiegelt grauen Himmel. Kino, Theater, Gastronomie. Immer noch ein Rest Kardamom
auf meinen Lippen. Nach einigem Suchen entdecke ich die kleine Tafel neben einer
Tür: Verlag Chr. Links. Gehe hinein, steige Stufen hinauf. Eine Glastür
gibt den Blick auf das Entree des Verlags frei: helles Büroambiente. Wolken
wabern an Fenstern vorbei. "Es lag mir sehr am Herzen, gerade dieses Buch
zu veröffentlichen" erzählt mir Christoph Links, als ich ihn auf
die Bahro-Biografie anspreche. Ein verspätetes Einlösen des Versprechens
von 1989. Wir sitzen in seinem Büro, blicken über Glasdächer auf
Backsteinmauern. Er lächelt. Ich kehre zurück in die Pappelallee
83. Blicke die Straße hinab, zu Christoph Links, zu Gysi, nach Bautzen.
Denke an die GRÜNEN, an Baghwhan, an den Herbst 1989, das Institut für
Sozialökologie. Auch von hier kann man eine Biografie erzählen: mitten
im Prenzlauer Berg, an einem Dienstag im Februar.
Herzberg, Guntolf, Seifert, Kurt: Rudolf Bahro. Glaube an das Veränderbare.
Eine Biografie, Berlin 2002, 656 Seiten. <<
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Autor:
Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena Verantaltung: Totalitarismus und Politische Religion (HpS)
WS 2002/03 (D: Niethammer) Benotung: 2,0 |