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Inhaltsübersicht
1. Hintergründe zum Drogenkonsum in den zwanziger Jahren
2. Kokain
3. Göttin und Idol– Anita Berber & Marlene Dietrich
4.
Hanf und Haschischkonsum
5. Drogen in Literatur und Kunst der Zwanziger Jahre
LITERATURVERZEICHNIS (folgt)
1. Hintergründe
zum Drogenkonsum in den zwanziger Jahren (jg) „Du, ich war
am Wochenende wieder auf m Beat und diesmal hab ich mir ne Pille geschmissen.“
„Warum?“ „Aus Neugierde. Ich wollte es einfach mal probieren.“
„Und wie war`s?“ „Geil.“ „Was ist das Besondere?“
„Den genauen Vorgang kann ich Dir schlecht beschreiben – zum einen
spürte ich Bewegungsdrang, zum anderen fiel es mir schwer, für einen
bestimmten Zeitraum klar zu denken - aber alles war schön und liebevoll.
Man fängt sogar selbst an, alles sehr liebevoll zu betrachten.“ „Ja,
aber hast Du solche Gefühle im Alltag nicht?“ „Selten!“
So in etwa, könnte ein Gespräch zwischen zwei Jugendlichen im Jahr 2003
ablaufen. In unserem Untersuchungszeitraum der zwanziger Jahre gab es diese Form
der Drogenkultur zwar noch nicht, denn weder Techno- oder Houseclubs noch das
MDMA = Extasy hatten bis dahin Einzug gehalten, dennoch werden im oberen Gespräch
Motive und Wirkungsweisen angesprochen, die auch in der vergangenen Zeit nach
Erfüllung suchten. Uns sollen in diesem Zusammenhang vor allem die Hintergründe
interessieren, die die Menschen in den Zwanzigern animierten, Rauschmittel in
den Lebensalltag einzubeziehen. Nach dem ersten Weltkrieg erlebte Deutschland
mit dem Entstehen der Weimarer Republik eine völlig neue Entwicklung von
Politik und Geisteshaltung. Die Künste gelangten zu hoher Blüte, es
entstand eine Fülle von Büchern und Zeitschriften, Opern und Schauspielen,
Gemälden und Bauwerken, die heute zur Weltkultur gehören. Vor allem
die Produkte einer glühenden Unterhaltungsindustrie aber waren es, die bis
heute dieser Zeit einen Hauch nostalgischer Verklärung geben, der in dem
Begriff von den goldenen zwanziger Jahren Ausdruck fand. Unbemerkt geblieben zu
sein, scheint aber der Umstand, dass es höchstens die fünf Jahre zwischen
1924 und 1929 waren, in denen die Entwicklung Deutschlands relativ krisenfrei
verlief. Viele Menschen litten zunächst unter den Folgen des ersten Weltkriegs,
teils aus purer wirtschaftlicher Not, teils auch aus Schamgefühl gegenüber
der erlittenen Niederlage und Schuldgefühlen angesichts des einst so begeistert
angezettelten Krieges. Neuland betraten die Menschen mit der Ausrufung der Weimarer
Republik, die mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie beispielsweise
der großen Inflation, Anfang der zwanziger Jahre. Das alles bedeutet, dass
die Bevölkerung in stetiger Unruhe leben musste, ohne eine konkrete Aussicht,
auf eine gesicherte Zukunft zu haben. Todessehnsüchte grassierten, Zeitgenossen
sprachen von einer bösen verworrenen Zeit. Steffan Zweig schrieb, er glaube
die Geschichte ziemlich gründlich zu kennen, aber seines Wissens habe sie
nie eine ähnliche Tollhauszeit in solchen riesigen Proportionen produziert.
Bedingt durch den Sturz aller Werte, im sprichwörtlichem wie im übertragenen
Sinne, habe eine Art Irrsinn vor allem die bürgerlichen Kreise ergriffen.
Auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Zukunft, ergriffen viele Menschen
die Möglichkeit sich durch Drogenkonsum das Leben zu vereinfachen. Viele
sehnten sich danach, der realen Welt zu entfliehen und ihre eigenen Traumwelten
zu finden und mit Morphium, Opium, Kokain, Meskalin, Hanf und anderen Rauschmitteln,
ließ sich das eigene künstliche Paradies sogar kurzfristig verwirklichen.
Die Drogen übernahmen hier also folgende Aufgaben: Fluchthelfer aus der
Realität Erreichen eines Zustands innerer Zufriedenheit Ablenkung
und Entspannung Förderung des dringenden Geselligkeitsbedürfnisses
Appetitzügler Förderung der Leistungsfähigkeit Aber nicht
nur Angst und Verzweiflung oder Ratlosigkeit verführten die Menschen zum
Drogenkonsum. Auch die Freisetzung einer ungeahnten Kreativität, vor allem
durch halluzinogene Drogen, erweckte die Neugierde speziell in Intellektuellen
oder Künstlerkreisen, außerdem ging die Entwicklung der Drogenkultur
soweit, dass besonders eine Droge, das Kokain sich als Statussymbol etablierte.
So wurde die Modedroge Kokain, in allen Schichten immer beliebter. Man konnte
Kokain an jeder Straßenecke kaufen. In den Inflationsjahren war das weiße
Pulver die Champagnerdroge der Reichen. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre führten
in den deutschen Großstädten zu einer allgemeinen Lockerung der Sitten.
Mit der Aufhebung der polizeilichen Vorzensur hatte nun kaum verhüllte Pornographie
in Literatur und Film Hochkonjunktur. In der schwülen Atmosphäre der
Vergnügungslokale blühten Prostitution und Rauschgifthandel. In Berlin,
das in den zwanziger Jahren nicht nur eine europäische Kunstmetropole, sondern
auch die europäische Kokainmetropole darstellte, waren von den 4,5 Millionen
Einwohnern, 10-20 tausend Kokainkonsumenten. Berlin ist das Zentrum des wilhelminischen
Reiches, das mit Kriegsende zusammenbricht. Autoritäten gelten nichts mehr,
aber auch Ideale nicht; Verantwortung ist nichts, Genuss alles. Die Expressionisten
sind die ersten, die Kokain, Morphium und Heroin nehmen und in ihren Kunstwerken
darstellen. Berlin, groß jung und anonym. Auch eine Vielzahl von Gedichten,
Novellen und Romanen mit Kokain als Thema, kursierten in den ersten Jahrzehnten
des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch in Musik und Tanz finden Drogen ihren Ausdruck.
Zuhälter und Prostituierte konsumieren Kokain, da eine gesteigerte Sexualleistung
Erleichterung im Job verspricht. Kokain gibt es fast überall: in illegalen
Nachtclubs, den in Kellerwohnungen eingerichteten Spelunken, in denen im schummrigen
Licht drittklassige Nackttänze aufgeführt werden. "Schlepper"
- heute würde man sie "Kleindealer" nennen - patrouillieren auf
den Strassen. Die vielgestaltige Drogenszene kann nur existieren, weil es süchtige,
geldgierige oder einfach nur gewissenlose Ärzte und Apotheker gibt. Kokain
kann in diesen Jahren in größeren Mengen nur von wenigen Pharmafirmen
hergestellt werden, von Merck etwa oder Hoechst und Bayer. Von dort gelangt es
über Apotheken und Ärzte auf den medizinischen Markt. Offiziell bekommen
nur wenige Kranke Kokain in Reinform vom Arzt verschrieben - und wenn, dann in
geringen Mengen (0,05 Gramm). Jeder Apotheker ist verpflichtet, alle auf gefährliche
Droge lautenden Rezepte in seinem "Kokainbuch" zu registrieren.
Bei einer Berliner Apotheke sind eingehende und bereitwillig bediente Kokain-Rezepte
in "über 95 v.H. grobe Fälschungen..., die von einem Fachmann sofort
als solche erkannt werden mussten", wie ein Referent im Innenministerium
1924 empört feststellt. Der Polizei fallen aber oft auch "echte",
also von Ärzten tatsächlich ausgestellte Rezepte auf. Da verschreibt
ein Arzt 100 Gramm reines Kokain, ein anderer 300 Gramm (mehr als der Jahresbedarf
einer mittleren Apotheke). Doch allenfalls halbherzig gehen die Behörden
gegen die Kokainsucht vor, und das hat Gründe. Ein Regierungsrat des Preußischen
Ministeriums für Volkswohlfahrt notiert 1928: "Die deutsche chemische
Industrie verdient im Ausfuhrhandel viel Geld für Deutschland. Es muss daher
volkwirtschaftlich die größte Rücksicht auf die chemische Industrie
genommen werden. Deutschland hat unzweifelhaft einen sehr hohen Export an Morphin,
Kokain und Heroin, an dem recht viel verdient wird." Um 1930, also schon
vor Hitlers Machtantritt und der Nazi-Barbarei gegen Avantgarde und Exzentriker,
ist es jedoch mit dem "Kokainismus" vorbei. Der ausgezehrte Körper
ist nicht mehr das Ideal, sondern der sportlich - durchtrainierte Körper,
Naturerlebnis statt Nachtleben, Neue Sachlichkeit statt wildem Expressionismus
und Dada. Und schließlich geht den Leuten das Geld aus. Kokain ist eine
teure, eine "Champangnerdroge". Die Weltwirtschaftskrise lässt
die Zahl der kaufkräftigen Kunden zusammenschmelzen. 2.
Kokain (sb) Kokain (je nach Verarbeitung auch als Koks, Schnee, Coke,
Crack und Rocks bezeichnet) ist ein weißes kristallartiges Pulver, das mit
Hilfe verschiedener chemischer Prozesse aus den Blättern des Kokastrauches
(Erythroxylon coca) gewonnen wird. Es wirkt sowohl berauschend wie auch örtlich
betäubend. Kokain gehört zu den illegalen Suchtmitteln, deren Besitz
sowie dessen Handel nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten sind und strafrechtlich
verfolgt werden. Ein kurzer Blick in Geschichte und Herkunft Der immergrüne
Kokastrauch ist in Südamerika heimisch, wo er vermutlich bereits 2.500 v.
Chr. als Kulturpflanze angebaut wurde. Vor allem in Peru und Bolivien besitzt
das Kauen der unverarbeiteten Kokablätter eine jahrhundertelange Tradition.
Zunächst war der Genuss der Kokablätter nur im Rahmen kultischer Handlungen
erlaubt. Mit der spanischen Eroberung breitete sich der Konsum jedoch bald unter
der einheimischen Bevölkerung aus, die mit Hilfe dieser Droge versuchte,
ihren Hunger zu unterdrücken wie auch ihre Leistungsfähigkeit und Ausdauer
bei der schweren Arbeit zu steigern. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts
wurde das aktive Alkaloid des Kokastrauches erstmals chemisch isoliert und erhielt
die Bezeichnung "Kokain". Schon bald wurde diese Substanz zur Behandlung
von Depressionen und zur lokalen Betäubung vor allem bei Augenoperationen
eingesetzt. Gut 25 Jahre nach ihrer Entdeckung wurde sie in den USA einem Getränk
zugesetzt, das unter dem Namen Coca-Cola als Allheilmittel vermarktet wurde. (Bis
1903 enthielt 1 Liter Coca Cola etwa 250 mg Kokain.) Aufgrund der sich häufenden
Todesfälle im Zusammenhang mit kokainhaltigen Getränken wurde der Kokainzusatz
in Getränken jedoch 1914 gesetzlich verboten. Als Rauschmittel wurde
Kokain sowohl in den USA als auch in Deutschland erst in den 20er Jahren des 20.
Jahrhunderts populär. Mit dem Aufkommen der Amphetamine ging der Kokainkonsum
allerdings in den 30er Jahren tendenziell zurück und kam erst in den 70er
Jahren erneut in Mode. Das Rauchen von Crack kam als eine bis dahin unbekannte
Anwendungsform in den 80er Jahren in den USA auf. Seit Anfang der 90er Jahre hat
im Westen Deutschlands das Schnupfen von Kokain insbesondere unter jungen Erwachsenen
an Popularität gewonnen, während in den USA der Anteil der Bevölkerung,
der Erfahrungen mit Kokain gemacht hat, inzwischen als rückläufig gilt.
3. Göttin und Idol– Anita Berber& Marlene Dietrich
(rdh) Anita Berber, die skandalöse Tänzerin, und Marlene Dietrich,
die unnahbare Schauspielerin: beide waren berühmt, beide von androgyner Gestalt.
Sie galten als verrucht, Vamp und Femme fatale; das Sinnbild der neuen, begehrenden
Frau; als die Verkörperung des weiblichen Bohèmiens und Dandys schlechthin.
Beide lebten in Berlin, dem „Zentrum“ der Goldenen Zwanziger in Deutschland.
Selbst ihre Biographien weisen Parallelen auf. Denn sowohl Anita als auch Marlene
wuchsen weitgehend vaterlos auf, umgeben von Müttern, Großmüttern,
Tanten, und beide verbrachten einen Teil ihrer Ausbildungszeit in Weimar.
Dennoch waren sie trotz ihrer Ähnlichkeit grundverschieden. Der extrem-skandalöse
Lebensstil der Berber hatte gar nichts gemein mit der preußischen Disziplin
einer Dietrich - die „Venus der neuen Sachlichkeit“ mit ihrer Symbiose
von Unschuld und Laster, Mutter und Liebesgöttin. Die Berber zog Skandale
förmlich an, sie nahm Morphium und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac
und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte
den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene
Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden:
verschwenderisch. Nicht aber aus Prasserei, sondern weil ihr das Wort Zukunft
völlig egal war. Dadurch wurde sie zum Idol der Inflation, zu ihrer Todesgöttin.
Die sich selbst verbrennende Berber, die mit 29 Jahren starb, war Sinnbild des
puren Exzesses; die disziplinierte Dietrich, ein Muster wilhelminischer Zucht
und Körperkontrolle, wurde 91 Jahre alt. Ihre eisglitzernde Unnahbarkeit
– das Geheimnis des späteren Weltstars – war schlicht verinnerlichtes
Preußentum und resultierte aus dem Regiment der Mutter, eine Generalswitwe
- Marlene nannte sie einen „guten General“ -, die die preußischen
Tugenden Pflichterfüllung, Gefühlskontrolle, Selbstbeherrschung und
unbedingte Loyalität an ihre Töchter weitergab.
Ganz anders der
Charme der Berber. Dinah Nelken, mit der sie die Tanzschule besuchte, beschrieb
sie folgendermaßen: „Sie war ganz unschuldig und reizend. Sie war
von Natur aus ein heiterer Mensch […] spontan und hemmungslos… Bei
aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär
zu wirken.“ Das Modejournal Elegante Welt suchte ihren „eigenartigen
Reiz“ mit ihrer „knabenhaften“ Statur und „herben Schlankheit“
zu begründen. Doch die Modewelt wurde nicht nur aufmerksam auf sie, Anita
Berber prägte auch die Mode der Zeit. Sie war die erste Frau, die einen Smoking
trug: „Eine Zeit lang machten ihr in Berlin die mondänen Weiber alles
nach. Bis aufs Monokel. Sie gingen á la Berber.“ berichtet Siegfried
Geyer. Auch Marlene Dietrich prägte die Modewelt: durch ihre Rolle im Blauen
Engel. „Das Mannweib, das so unvergleichlich dragonerhaft über die
Bühne stolzieren konnte“, wurde zum Idol der lesbischen Welt. Es habe
damals einen Trend gegeben, sich wie die Dietrich anzuziehen, erzählt eine
Zeitgenossin. Beide, die Berber wie die Dietrich, zeigten ihre Körper
nur zu gern auf der Bühne. Doch Anita zog sich komplett aus, auch für
die Kunst. 1925 stand sie für Otto Dix Modell, der sie so alt malte, wie
sie nie wurde: ausgezehrt, eingefallen, faltig, der Mund blutrot, der Teint blass
und die Augen todesdunkel. Dix’ Ehefrau Martha erlebte sie so: „Während
sich Anita eine Stunde lang schminkte, trank sie dazu eine Flasche Cognac.“
Doch sie verkaufte ihren Körper nicht nur als Modell, sie bot ihn auch physisch
feil. Martha Dix: „Jemand sprach sie an, und sie sagte ,200 Mark.’
Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen.“
Undenkbar bei einer Dietrich, obwohl beide auch ihren Hang zur Bisexualität
auslebten und in entsprechenden Etablissements verkehrten. Dennoch war die unbeherrschte,
unbeherrschbare Berber der totale Kontrapunkt zur disziplinierten Dietrich. Sie
machte Schluss mit jeder preußischen Disziplin. Sie war berüchtigt
für ihre Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. So manches Mal
fiel ein Auftritt aus, weil sie betrunken war oder von Morphium und Kokain benebelt.
Zu einem Journalisten sagte sie einmal: „Ich weiß genau, was mit mir
los ist. Ich bin verkommen. Ich schnupfe Kokain. Ich habe schon entzündete
Nasenflügel davon…“ Anita Berber schaffte es nicht wie die
Dietrich, in der Widerspiegelung von fremden Wünschen und Ängsten die
Balance zu halten. Sie wurde von ihrem Publikum gespalten, weil kaum jemand sie
– nicht einmal die Berber sich selbst – in Gänze aushalten konnte.
Die Dietrich aber konnte „lächeln wie ein Idol, wie die archaischen
Griechengötter und dabei harmlos aussehen“, schrieb Franz Hessel. „Mag
die Situation noch so bedenklich, mag ihr Kostüm noch so frech und herausfordernd
sein, sie breitet über Kleid und Welt ihr holdes Lächeln. Darin ist
nichts, was erobern oder erobert werden will. Es ist sanftmütig erregend
und stillend zugleich.“ Unerreichbar hoch der Altar, den Hessel und andere
der Dietrich errichteten, auf dass sie unantastbar bliebe: die Ekstase des Verzichts
als das Geheimnis der Star-Verehrung. Etwas, das die Berber nicht schaffte.
4. Hanf und Haschischkonsum
(dr) 4.1. Allgemeines -
Hanf fand im zwanzigsten Jahrhundert zunächst Verwendung in der Medizin
- Anwendung zur Bekämpfung von Warzen, Hühneraugen, Hornhaut aber auch
bei psychischen Problemen - Es entwickelte sich ein medizinisches Drogenbewußtsein,
dass heute größtenteils noch aktuell ist - Berauschende Wirkung
galt zunächst als ein Aspekt der Heilung -> erst durch Louis Lewin
begann man zwischen heilender Wirkung und suchtbringendem Rausch zu unterscheiden
-> Drogen wurden nun auch ein moralisches Problem mit entweder- oder- Kategorien
4.2. Haschischkonsum im Alltag
- Haschisch wurde in fast allen Schichten
konsumiert Galt als: -eine angenehme Erholung -ein Spaziergang der
Phantasie am Abend -ein meditativer Zustand - Haschisch zu rauchen war
in der Gesellschaft salonfähig und normal „So haben wir alle
einmal angefangen. Jeder hat sich das ganz Besondere dabei erwartet, bis es etwas
Normales wurde.“ (Albert Paris Gütersloh) 4.3. Haschischkonsum
in der Kunst 4.3.1 Beispiel Gustav Klimt: - Klimt rauchte kleinere
Mengen Haschisch in seinem Atelier - Begann im Rausch konzentriert zu arbeiten
und malte dann Bilder, die laut eigener Aussage mit einer bestimmten Farbigkeit
versehen waren 4.3.2 Beispiel Alfred Kubin: - Kubin litt an depressiven
Nervenkrämpfen - Er erhielt dagegen eine Cannabistinktur und nahm diese
in höheren Dosen als empfohlen - Malte daraufhin in der Jahrhundertwende
viele Zeichnungen mit „visionärdämonischem“ Inhalt -
Kubins Bekanntheitsgrad stieg infolge an 4.3.3 Fazit für die Kunstwelt: -
Künstler stellten in ihren Werken ihre Betrachtungsweise der Zeit dar
- Diese Betrachtungsweise wurde jedoch vom Haschischkonsum sehr stark beeinflusst 4.4.
Haschischkonsum der ärmeren Schichten und der Landbevölkerung -
Hanfanbau zur Fasergewinnung war wichtige Einnahmequelle für Landbevölkerung
- Nebenprodukt war „Vogerlhanf“ an Feldern - Hanfsamen dienten
der Hausmedizin (geg. Bronchialerkrankungen) und der Produktion von „Billig-Tabak“,
der bei Tabak-Knappheit geraucht wurde - Rauschige Wirkung galt dabei als
erwünscht, gar als „Sinn der Sache“ 4.5. Fazit: -
Hanf und Haschischkonsum waren ins Leben der Menschen integriert und waren normal
- Keiner dachte ernsthaft daran, daß man Drogen konsumierte und sich somit
evtl. schädigen könnte 5. Drogen in Literatur und
Kunst der Zwanziger Jahre (km) Die Literatur dieser Zeit ist reich
an Beispielen, die den Kokaingenuss dokumentieren. Schon Jahre vorher dichteten
Georg Trakl und der junge Gottfried Benn über ihre Erfahrungen mit Kokain.
1918 erschien der Novellenband „Kokain“ des Dichters Walter Rheiner,
der an einer Überdosis der Droge starb. Sein Tod wurde damals von Conrad
Felixmüller in einem Gemälde festgehalten. Im Bild wird der Tod wie
eine Art Erlösung dargestellt, mit entzückter Mine schwebt der Dichter
zum Fenster hinaus. Es verweist gleichzeitig auf die Nähe von Rausch &
Tod, indem es den Moment der Grenzüberschreitung darstellt, während
sich die rechte Hand noch am Vorhang als äußerste Grenze der materiellen
Realität klammert, ist in der linken Hand des Dichters die Kokainspritze
als ein Symbol des Aufbruchs in eine andere Welt erkennbar. Nachfolgend sind
einige Beispiel für Drogenkonsum und sein Niederschlag in der zeitgenössischen
Literatur aufgelistet: • 1919 erscheint in der Zeitschrift „Jugend“
in Berlin ein Gedicht mit dem Titel „Wir schnupfen und wir spritzen“.
• 1922 veröffentlicht Johannes R. Becher alias Dino Segre den Roman
„Cocaina Romanzo“, der den Einfluss der Droge in modernen Pariser
Gesellschaften schildert. • 1923 erscheint der Novellenband „Kokain“
von Otto Rung sowie „Le Grand Ecart“ von Jean Cocteau, in dem ein
Selbstmordversuch mit Kokain beschrieben wird. • 1929 erscheint Theodor
Pliviers Erzählung „Koka“, als Nachhall darauf veröffentlicht
1937 Max Brod seinen Roman „Annerl, Roman des Kokain“. Anhand
von 2 Beispielen möchte ich nun genauer schildern, welchen Einfluss Drogen
auf die Literatur der damaligen Zeit hatten. 1. Georg Trakl Georg Trakl
begleiteten Drogen schon von Anfang seiner intellektuellen Erfahrung, über
seinen künstlerischen Reifeprozess bis hin zu seinem frühen Tod 1914.
Er kannte die Wirkung von Äther, Chloroform, Veronal, Morphium, Opium, Kokain
und Meskalin, zudem war er ein maßloser Trinker. Sein literarisches Vorbild
waren die Dichtungen von Rimbaud, dessen Ziel ein infernales Chaos von Rhythmen
und Bildern war. Trakls Lyrik war charakterisiert durch rauschhafte, exzessive
Bilder, verursacht durch seine überspannte Einbildungskraft, zudem orientierte
er sich in Sprache und Bildlichkeit an der Fleur du Mal. Die Betonung farblicher
Reize gehört zu seinem hervorstechendsten Merkmal, was auf einen Konsum der
Droge Meskalin schließen lässt, da diese für ungewöhnlich
intensive Farbvisionen bekannt ist und die Wahrnehmung über den Rausch hinaus
verändert. Farbe ist ein von der Gegenständlichkeit befreiter Stoff,
der die hinter den Dingen stehende Welt „pur“ erleben lässt.
Die bedeutendste Farbe Trakls und anderer „Rauschkünstler“ ist
Blau, da sie für das Wesen des Unendlichen steht. 2. Gottfried Benn
Auch die Literatur Gottfried Benns hatte das Bestreben nach „Zusammenhangsdurchstoßung“
und „Wirklichkeitszertrümmerung“, die das hierarchische System
der Sprache auflösen will. Ein Beispiel hierfür ist sein Gedicht „Kokain“
von 1917. Den Ich-Zerfall, den süßen, tiefersehnten, den
gibst du mir: schon ist die Kehle rau, Schon ist der fremde Klang an unerwähnten
Gebilden meines Ichs am Unterbau. Nicht mehr am Schwerte, das der Mutter
Scheide Entsprang, um da und dort ein Werk zu tun, Und stählern schlägt
-: gesunken in die Heide, Wo Hügel kaum enthüllter Formen ruhn! Ein
lautes Glatt, ein kleines Etwas, Eben – Und nun entsteigt für Hauche
eines Wehns Das Ur, geballt, nicht-seine beben Hirnschauer mürbisten
Vorrübergehns. Zersprengtes Ich – o aufgetrunkene Schwäre
– Verwehte Fieber – süß zerborstene Wehr – :
Verströme, o verströme du – gebäre Blutbäuchig das
Entformte her. Die Droge wird als mächtiger Erlöser gepriesen,
der die Seele des Sprechers von den Zwängen des Wachbewusstseins befreit.
Der „Ich-Zerfall“ erhält seine Bedeutung nicht nur in der Entfernung
von Qualen der Alltagsrealität, sondern wird als Vorraussetzung zur Schaffung
neuer Strukturen begrüßt. Zuerst sorgt der Rausch bei Benn für
tabula rasa, die zum Schauplatz unbegrenzter Möglichkeiten wird. Als nächstes
erschließt die Droge ein ansonsten unzugängliches Rohstofflager, das
Unterbewusstsein, „an unerwähnten Gebilden meines Ichs am Unterbau“.
Auf der durch den Rausch geschaffenen Baustelle des Geistes können nun Gebilde
babylonischen Ausmaßes entstehen, das „Ur“ steht für etwas
Ungeheuerliches, das tiefste Geheimnis oder jene Kraft, die die Welt im innersten
zusammenhält (Goethes Faust), welches im Rausch Gestalt annimmt. Benn schildert
das Rauscherlebnis wie eine Geburt „Verströme, o verströme du
– gebäre blutbäuchig das Entformte her“, wobei hier die
Erkenntnis des tiefsten Grundes geboren wird, die nur flüchtig sein kann.
Die Befreiung von der Diktatur des Wachbewusstseins ist hierbei kein Selbstzweck,
sondern Mittel zu neuer Kreativität, deren Resultate im wiedererlangten Wachbewusstsein
intellektuell verarbeitet und fixiert werden.
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