Aufbruch in die Moderne - Drogen in den Goldenen Zwanzigern (Skript)

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Inhaltsübersicht

1. Hintergründe zum Drogenkonsum in den zwanziger Jahren
2. Kokain
3. Göttin und Idol– Anita Berber & Marlene Dietrich
4. Hanf und Haschischkonsum
5. Drogen in Literatur und Kunst der Zwanziger Jahre


LITERATURVERZEICHNIS (folgt)

1. Hintergründe zum Drogenkonsum in den zwanziger Jahren

(jg) „Du, ich war am Wochenende wieder auf m Beat und diesmal hab ich mir ne Pille geschmissen.“ „Warum?“ „Aus Neugierde. Ich wollte es einfach mal probieren.“ „Und wie war`s?“ „Geil.“ „Was ist das Besondere?“ „Den genauen Vorgang kann ich Dir schlecht beschreiben – zum einen spürte ich Bewegungsdrang, zum anderen fiel es mir schwer, für einen bestimmten Zeitraum klar zu denken - aber alles war schön und liebevoll. Man fängt sogar selbst an, alles sehr liebevoll zu betrachten.“ „Ja, aber hast Du solche Gefühle im Alltag nicht?“ „Selten!“
So in etwa, könnte ein Gespräch zwischen zwei Jugendlichen im Jahr 2003 ablaufen. In unserem Untersuchungszeitraum der zwanziger Jahre gab es diese Form der Drogenkultur zwar noch nicht, denn weder Techno- oder Houseclubs noch das MDMA = Extasy hatten bis dahin Einzug gehalten, dennoch werden im oberen Gespräch Motive und Wirkungsweisen angesprochen, die auch in der vergangenen Zeit nach Erfüllung suchten. Uns sollen in diesem Zusammenhang vor allem die Hintergründe interessieren, die die Menschen in den Zwanzigern animierten, Rauschmittel in den Lebensalltag einzubeziehen.
Nach dem ersten Weltkrieg erlebte Deutschland mit dem Entstehen der Weimarer Republik eine völlig neue Entwicklung von Politik und Geisteshaltung. Die Künste gelangten zu hoher Blüte, es entstand eine Fülle von Büchern und Zeitschriften, Opern und Schauspielen, Gemälden und Bauwerken, die heute zur Weltkultur gehören. Vor allem die Produkte einer glühenden Unterhaltungsindustrie aber waren es, die bis heute dieser Zeit einen Hauch nostalgischer Verklärung geben, der in dem Begriff von den goldenen zwanziger Jahren Ausdruck fand. Unbemerkt geblieben zu sein, scheint aber der Umstand, dass es höchstens die fünf Jahre zwischen 1924 und 1929 waren, in denen die Entwicklung Deutschlands relativ krisenfrei verlief. Viele Menschen litten zunächst unter den Folgen des ersten Weltkriegs, teils aus purer wirtschaftlicher Not, teils auch aus Schamgefühl gegenüber der erlittenen Niederlage und Schuldgefühlen angesichts des einst so begeistert angezettelten Krieges. Neuland betraten die Menschen mit der Ausrufung der Weimarer Republik, die mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie beispielsweise der großen Inflation, Anfang der zwanziger Jahre. Das alles bedeutet, dass die Bevölkerung in stetiger Unruhe leben musste, ohne eine konkrete Aussicht, auf eine gesicherte Zukunft zu haben. Todessehnsüchte grassierten, Zeitgenossen sprachen von einer bösen verworrenen Zeit. Steffan Zweig schrieb, er glaube die Geschichte ziemlich gründlich zu kennen, aber seines Wissens habe sie nie eine ähnliche Tollhauszeit in solchen riesigen Proportionen produziert. Bedingt durch den Sturz aller Werte, im sprichwörtlichem wie im übertragenen Sinne, habe eine Art Irrsinn vor allem die bürgerlichen Kreise ergriffen. Auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Zukunft, ergriffen viele Menschen die Möglichkeit sich durch Drogenkonsum das Leben zu vereinfachen. Viele sehnten sich danach, der realen Welt zu entfliehen und ihre eigenen Traumwelten zu finden und mit Morphium, Opium, Kokain, Meskalin, Hanf und anderen Rauschmitteln, ließ sich das eigene künstliche Paradies sogar kurzfristig verwirklichen. Die Drogen übernahmen hier also folgende Aufgaben:
Fluchthelfer aus der Realität
Erreichen eines Zustands innerer Zufriedenheit
Ablenkung und Entspannung
Förderung des dringenden Geselligkeitsbedürfnisses
Appetitzügler
Förderung der Leistungsfähigkeit
Aber nicht nur Angst und Verzweiflung oder Ratlosigkeit verführten die Menschen zum Drogenkonsum. Auch die Freisetzung einer ungeahnten Kreativität, vor allem durch halluzinogene Drogen, erweckte die Neugierde speziell in Intellektuellen oder Künstlerkreisen, außerdem ging die Entwicklung der Drogenkultur soweit, dass besonders eine Droge, das Kokain sich als Statussymbol etablierte. So wurde die Modedroge Kokain, in allen Schichten immer beliebter. Man konnte Kokain an jeder Straßenecke kaufen. In den Inflationsjahren war das weiße Pulver die Champagnerdroge der Reichen. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre führten in den deutschen Großstädten zu einer allgemeinen Lockerung der Sitten. Mit der Aufhebung der polizeilichen Vorzensur hatte nun kaum verhüllte Pornographie in Literatur und Film Hochkonjunktur. In der schwülen Atmosphäre der Vergnügungslokale blühten Prostitution und Rauschgifthandel. In Berlin, das in den zwanziger Jahren nicht nur eine europäische Kunstmetropole, sondern auch die europäische Kokainmetropole darstellte, waren von den 4,5 Millionen Einwohnern, 10-20 tausend Kokainkonsumenten. Berlin ist das Zentrum des wilhelminischen Reiches, das mit Kriegsende zusammenbricht. Autoritäten gelten nichts mehr, aber auch Ideale nicht; Verantwortung ist nichts, Genuss alles. Die Expressionisten sind die ersten, die Kokain, Morphium und Heroin nehmen und in ihren Kunstwerken darstellen. Berlin, groß jung und anonym. Auch eine Vielzahl von Gedichten, Novellen und Romanen mit Kokain als Thema, kursierten in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch in Musik und Tanz finden Drogen ihren Ausdruck. Zuhälter und Prostituierte konsumieren Kokain, da eine gesteigerte Sexualleistung Erleichterung im Job verspricht. Kokain gibt es fast überall: in illegalen Nachtclubs, den in Kellerwohnungen eingerichteten Spelunken, in denen im schummrigen Licht drittklassige Nackttänze aufgeführt werden. "Schlepper" - heute würde man sie "Kleindealer" nennen - patrouillieren auf den Strassen. Die vielgestaltige Drogenszene kann nur existieren, weil es süchtige, geldgierige oder einfach nur gewissenlose Ärzte und Apotheker gibt. Kokain kann in diesen Jahren in größeren Mengen nur von wenigen Pharmafirmen hergestellt werden, von Merck etwa oder Hoechst und Bayer. Von dort gelangt es über Apotheken und Ärzte auf den medizinischen Markt. Offiziell bekommen nur wenige Kranke Kokain in Reinform vom Arzt verschrieben - und wenn, dann in geringen Mengen (0,05 Gramm). Jeder Apotheker ist verpflichtet, alle auf gefährliche Droge lautenden Rezepte in seinem "Kokainbuch" zu registrieren.
Bei einer Berliner Apotheke sind eingehende und bereitwillig bediente Kokain-Rezepte in "über 95 v.H. grobe Fälschungen..., die von einem Fachmann sofort als solche erkannt werden mussten", wie ein Referent im Innenministerium 1924 empört feststellt. Der Polizei fallen aber oft auch "echte", also von Ärzten tatsächlich ausgestellte Rezepte auf. Da verschreibt ein Arzt 100 Gramm reines Kokain, ein anderer 300 Gramm (mehr als der Jahresbedarf einer mittleren Apotheke).
Doch allenfalls halbherzig gehen die Behörden gegen die Kokainsucht vor, und das hat Gründe. Ein Regierungsrat des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt notiert 1928: "Die deutsche chemische Industrie verdient im Ausfuhrhandel viel Geld für Deutschland. Es muss daher volkwirtschaftlich die größte Rücksicht auf die chemische Industrie genommen werden. Deutschland hat unzweifelhaft einen sehr hohen Export an Morphin, Kokain und Heroin, an dem recht viel verdient wird."
Um 1930, also schon vor Hitlers Machtantritt und der Nazi-Barbarei gegen Avantgarde und Exzentriker, ist es jedoch mit dem "Kokainismus" vorbei. Der ausgezehrte Körper ist nicht mehr das Ideal, sondern der sportlich - durchtrainierte Körper, Naturerlebnis statt Nachtleben, Neue Sachlichkeit statt wildem Expressionismus und Dada. Und schließlich geht den Leuten das Geld aus. Kokain ist eine teure, eine "Champangnerdroge". Die Weltwirtschaftskrise lässt die Zahl der kaufkräftigen Kunden zusammenschmelzen.

2. Kokain
(sb) Kokain (je nach Verarbeitung auch als Koks, Schnee, Coke, Crack und Rocks bezeichnet) ist ein weißes kristallartiges Pulver, das mit Hilfe verschiedener chemischer Prozesse aus den Blättern des Kokastrauches (Erythroxylon coca) gewonnen wird. Es wirkt sowohl berauschend wie auch örtlich betäubend. Kokain gehört zu den illegalen Suchtmitteln, deren Besitz sowie dessen Handel nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten sind und strafrechtlich verfolgt werden.
Ein kurzer Blick in Geschichte und Herkunft
Der immergrüne Kokastrauch ist in Südamerika heimisch, wo er vermutlich bereits 2.500 v. Chr. als Kulturpflanze angebaut wurde. Vor allem in Peru und Bolivien besitzt das Kauen der unverarbeiteten Kokablätter eine jahrhundertelange Tradition. Zunächst war der Genuss der Kokablätter nur im Rahmen kultischer Handlungen erlaubt. Mit der spanischen Eroberung breitete sich der Konsum jedoch bald unter der einheimischen Bevölkerung aus, die mit Hilfe dieser Droge versuchte, ihren Hunger zu unterdrücken wie auch ihre Leistungsfähigkeit und Ausdauer bei der schweren Arbeit zu steigern.
In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das aktive Alkaloid des Kokastrauches erstmals chemisch isoliert und erhielt die Bezeichnung "Kokain". Schon bald wurde diese Substanz zur Behandlung von Depressionen und zur lokalen Betäubung vor allem bei Augenoperationen eingesetzt. Gut 25 Jahre nach ihrer Entdeckung wurde sie in den USA einem Getränk zugesetzt, das unter dem Namen Coca-Cola als Allheilmittel vermarktet wurde. (Bis 1903 enthielt 1 Liter Coca Cola etwa 250 mg Kokain.) Aufgrund der sich häufenden Todesfälle im Zusammenhang mit kokainhaltigen Getränken wurde der Kokainzusatz in Getränken jedoch 1914 gesetzlich verboten.
Als Rauschmittel wurde Kokain sowohl in den USA als auch in Deutschland erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts populär. Mit dem Aufkommen der Amphetamine ging der Kokainkonsum allerdings in den 30er Jahren tendenziell zurück und kam erst in den 70er Jahren erneut in Mode. Das Rauchen von Crack kam als eine bis dahin unbekannte Anwendungsform in den 80er Jahren in den USA auf. Seit Anfang der 90er Jahre hat im Westen Deutschlands das Schnupfen von Kokain insbesondere unter jungen Erwachsenen an Popularität gewonnen, während in den USA der Anteil der Bevölkerung, der Erfahrungen mit Kokain gemacht hat, inzwischen als rückläufig gilt.


3. Göttin und Idol– Anita Berber& Marlene Dietrich
(rdh) Anita Berber, die skandalöse Tänzerin, und Marlene Dietrich, die unnahbare Schauspielerin: beide waren berühmt, beide von androgyner Gestalt. Sie galten als verrucht, Vamp und Femme fatale; das Sinnbild der neuen, begehrenden Frau; als die Verkörperung des weiblichen Bohèmiens und Dandys schlechthin. Beide lebten in Berlin, dem „Zentrum“ der Goldenen Zwanziger in Deutschland. Selbst ihre Biographien weisen Parallelen auf. Denn sowohl Anita als auch Marlene wuchsen weitgehend vaterlos auf, umgeben von Müttern, Großmüttern, Tanten, und beide verbrachten einen Teil ihrer Ausbildungszeit in Weimar.
Dennoch waren sie trotz ihrer Ähnlichkeit grundverschieden. Der extrem-skandalöse Lebensstil der Berber hatte gar nichts gemein mit der preußischen Disziplin einer Dietrich - die „Venus der neuen Sachlichkeit“ mit ihrer Symbiose von Unschuld und Laster, Mutter und Liebesgöttin. Die Berber zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphium und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden: verschwenderisch. Nicht aber aus Prasserei, sondern weil ihr das Wort Zukunft völlig egal war. Dadurch wurde sie zum Idol der Inflation, zu ihrer Todesgöttin. Die sich selbst verbrennende Berber, die mit 29 Jahren starb, war Sinnbild des puren Exzesses; die disziplinierte Dietrich, ein Muster wilhelminischer Zucht und Körperkontrolle, wurde 91 Jahre alt. Ihre eisglitzernde Unnahbarkeit – das Geheimnis des späteren Weltstars – war schlicht verinnerlichtes Preußentum und resultierte aus dem Regiment der Mutter, eine Generalswitwe - Marlene nannte sie einen „guten General“ -, die die preußischen Tugenden Pflichterfüllung, Gefühlskontrolle, Selbstbeherrschung und unbedingte Loyalität an ihre Töchter weitergab.
Ganz anders der Charme der Berber. Dinah Nelken, mit der sie die Tanzschule besuchte, beschrieb sie folgendermaßen: „Sie war ganz unschuldig und reizend. Sie war von Natur aus ein heiterer Mensch […] spontan und hemmungslos… Bei aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär zu wirken.“ Das Modejournal Elegante Welt suchte ihren „eigenartigen Reiz“ mit ihrer „knabenhaften“ Statur und „herben Schlankheit“ zu begründen. Doch die Modewelt wurde nicht nur aufmerksam auf sie, Anita Berber prägte auch die Mode der Zeit. Sie war die erste Frau, die einen Smoking trug: „Eine Zeit lang machten ihr in Berlin die mondänen Weiber alles nach. Bis aufs Monokel. Sie gingen á la Berber.“ berichtet Siegfried Geyer. Auch Marlene Dietrich prägte die Modewelt: durch ihre Rolle im Blauen Engel. „Das Mannweib, das so unvergleichlich dragonerhaft über die Bühne stolzieren konnte“, wurde zum Idol der lesbischen Welt. Es habe damals einen Trend gegeben, sich wie die Dietrich anzuziehen, erzählt eine Zeitgenossin.
Beide, die Berber wie die Dietrich, zeigten ihre Körper nur zu gern auf der Bühne. Doch Anita zog sich komplett aus, auch für die Kunst. 1925 stand sie für Otto Dix Modell, der sie so alt malte, wie sie nie wurde: ausgezehrt, eingefallen, faltig, der Mund blutrot, der Teint blass und die Augen todesdunkel. Dix’ Ehefrau Martha erlebte sie so: „Während sich Anita eine Stunde lang schminkte, trank sie dazu eine Flasche Cognac.“ Doch sie verkaufte ihren Körper nicht nur als Modell, sie bot ihn auch physisch feil. Martha Dix: „Jemand sprach sie an, und sie sagte ,200 Mark.’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen.“ Undenkbar bei einer Dietrich, obwohl beide auch ihren Hang zur Bisexualität auslebten und in entsprechenden Etablissements verkehrten. Dennoch war die unbeherrschte, unbeherrschbare Berber der totale Kontrapunkt zur disziplinierten Dietrich. Sie machte Schluss mit jeder preußischen Disziplin. Sie war berüchtigt für ihre Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. So manches Mal fiel ein Auftritt aus, weil sie betrunken war oder von Morphium und Kokain benebelt. Zu einem Journalisten sagte sie einmal: „Ich weiß genau, was mit mir los ist. Ich bin verkommen. Ich schnupfe Kokain. Ich habe schon entzündete Nasenflügel davon…“
Anita Berber schaffte es nicht wie die Dietrich, in der Widerspiegelung von fremden Wünschen und Ängsten die Balance zu halten. Sie wurde von ihrem Publikum gespalten, weil kaum jemand sie – nicht einmal die Berber sich selbst – in Gänze aushalten konnte. Die Dietrich aber konnte „lächeln wie ein Idol, wie die archaischen Griechengötter und dabei harmlos aussehen“, schrieb Franz Hessel. „Mag die Situation noch so bedenklich, mag ihr Kostüm noch so frech und herausfordernd sein, sie breitet über Kleid und Welt ihr holdes Lächeln. Darin ist nichts, was erobern oder erobert werden will. Es ist sanftmütig erregend und stillend zugleich.“ Unerreichbar hoch der Altar, den Hessel und andere der Dietrich errichteten, auf dass sie unantastbar bliebe: die Ekstase des Verzichts als das Geheimnis der Star-Verehrung. Etwas, das die Berber nicht schaffte.


4. Hanf und Haschischkonsum

(dr)
4.1. Allgemeines

- Hanf fand im zwanzigsten Jahrhundert zunächst Verwendung in der Medizin
- Anwendung zur Bekämpfung von Warzen, Hühneraugen, Hornhaut aber auch bei psychischen Problemen
- Es entwickelte sich ein medizinisches Drogenbewußtsein, dass heute größtenteils noch aktuell ist
- Berauschende Wirkung galt zunächst als ein Aspekt der Heilung
-> erst durch Louis Lewin begann man zwischen heilender Wirkung und suchtbringendem Rausch zu unterscheiden
-> Drogen wurden nun auch ein moralisches Problem mit entweder- oder- Kategorien


4.2. Haschischkonsum im Alltag

- Haschisch wurde in fast allen Schichten konsumiert
Galt als:
-eine angenehme Erholung
-ein Spaziergang der Phantasie am Abend
-ein meditativer Zustand
- Haschisch zu rauchen war in der Gesellschaft salonfähig und normal

„So haben wir alle einmal angefangen. Jeder hat sich das ganz Besondere dabei erwartet, bis es etwas Normales wurde.“ (Albert Paris Gütersloh)

4.3. Haschischkonsum in der Kunst

4.3.1 Beispiel Gustav Klimt:

- Klimt rauchte kleinere Mengen Haschisch in seinem Atelier
- Begann im Rausch konzentriert zu arbeiten und malte dann Bilder, die laut eigener Aussage mit einer bestimmten Farbigkeit versehen waren

4.3.2 Beispiel Alfred Kubin:

- Kubin litt an depressiven Nervenkrämpfen
- Er erhielt dagegen eine Cannabistinktur und nahm diese in höheren Dosen als empfohlen
- Malte daraufhin in der Jahrhundertwende viele Zeichnungen mit „visionärdämonischem“ Inhalt
- Kubins Bekanntheitsgrad stieg infolge an

4.3.3 Fazit für die Kunstwelt:

- Künstler stellten in ihren Werken ihre Betrachtungsweise der Zeit dar
- Diese Betrachtungsweise wurde jedoch vom Haschischkonsum sehr stark beeinflusst

4.4. Haschischkonsum der ärmeren Schichten und der Landbevölkerung

- Hanfanbau zur Fasergewinnung war wichtige Einnahmequelle für Landbevölkerung
- Nebenprodukt war „Vogerlhanf“ an Feldern
- Hanfsamen dienten der Hausmedizin (geg. Bronchialerkrankungen) und der Produktion von „Billig-Tabak“, der bei Tabak-Knappheit geraucht wurde
- Rauschige Wirkung galt dabei als erwünscht, gar als „Sinn der Sache“

4.5. Fazit:

- Hanf und Haschischkonsum waren ins Leben der Menschen integriert und waren normal
- Keiner dachte ernsthaft daran, daß man Drogen konsumierte und sich somit evtl. schädigen könnte

5. Drogen in Literatur und Kunst der Zwanziger Jahre
(km) Die Literatur dieser Zeit ist reich an Beispielen, die den Kokaingenuss dokumentieren. Schon Jahre vorher dichteten Georg Trakl und der junge Gottfried Benn über ihre Erfahrungen mit Kokain. 1918 erschien der Novellenband „Kokain“ des Dichters Walter Rheiner, der an einer Überdosis der Droge starb.
Sein Tod wurde damals von Conrad Felixmüller in einem Gemälde festgehalten. Im Bild wird der Tod wie eine Art Erlösung dargestellt, mit entzückter Mine schwebt der Dichter zum Fenster hinaus. Es verweist gleichzeitig auf die Nähe von Rausch & Tod, indem es den Moment der Grenzüberschreitung darstellt, während sich die rechte Hand noch am Vorhang als äußerste Grenze der materiellen Realität klammert, ist in der linken Hand des Dichters die Kokainspritze als ein Symbol des Aufbruchs in eine andere Welt erkennbar.
Nachfolgend sind einige Beispiel für Drogenkonsum und sein Niederschlag in der zeitgenössischen Literatur aufgelistet:
• 1919 erscheint in der Zeitschrift „Jugend“ in Berlin ein Gedicht mit dem Titel „Wir schnupfen und wir spritzen“.
• 1922 veröffentlicht Johannes R. Becher alias Dino Segre den Roman „Cocaina Romanzo“, der den Einfluss der Droge in modernen Pariser Gesellschaften schildert.
• 1923 erscheint der Novellenband „Kokain“ von Otto Rung sowie „Le Grand Ecart“ von Jean Cocteau, in dem ein Selbstmordversuch mit Kokain beschrieben wird.
• 1929 erscheint Theodor Pliviers Erzählung „Koka“, als Nachhall darauf veröffentlicht 1937 Max Brod seinen Roman „Annerl, Roman des Kokain“.
Anhand von 2 Beispielen möchte ich nun genauer schildern, welchen Einfluss Drogen auf die Literatur der damaligen Zeit hatten.

1. Georg Trakl
Georg Trakl begleiteten Drogen schon von Anfang seiner intellektuellen Erfahrung, über seinen künstlerischen Reifeprozess bis hin zu seinem frühen Tod 1914. Er kannte die Wirkung von Äther, Chloroform, Veronal, Morphium, Opium, Kokain und Meskalin, zudem war er ein maßloser Trinker. Sein literarisches Vorbild waren die Dichtungen von Rimbaud, dessen Ziel ein infernales Chaos von Rhythmen und Bildern war. Trakls Lyrik war charakterisiert durch rauschhafte, exzessive Bilder, verursacht durch seine überspannte Einbildungskraft, zudem orientierte er sich in Sprache und Bildlichkeit an der Fleur du Mal. Die Betonung farblicher Reize gehört zu seinem hervorstechendsten Merkmal, was auf einen Konsum der Droge Meskalin schließen lässt, da diese für ungewöhnlich intensive Farbvisionen bekannt ist und die Wahrnehmung über den Rausch hinaus verändert. Farbe ist ein von der Gegenständlichkeit befreiter Stoff, der die hinter den Dingen stehende Welt „pur“ erleben lässt. Die bedeutendste Farbe Trakls und anderer „Rauschkünstler“ ist Blau, da sie für das Wesen des Unendlichen steht.

2. Gottfried Benn
Auch die Literatur Gottfried Benns hatte das Bestreben nach „Zusammenhangsdurchstoßung“ und „Wirklichkeitszertrümmerung“, die das hierarchische System der Sprache auflösen will. Ein Beispiel hierfür ist sein Gedicht „Kokain“ von 1917.

Den Ich-Zerfall, den süßen, tiefersehnten,
den gibst du mir: schon ist die Kehle rau,
Schon ist der fremde Klang an unerwähnten
Gebilden meines Ichs am Unterbau.

Nicht mehr am Schwerte, das der Mutter Scheide
Entsprang, um da und dort ein Werk zu tun,
Und stählern schlägt -: gesunken in die Heide,
Wo Hügel kaum enthüllter Formen ruhn!

Ein lautes Glatt, ein kleines Etwas, Eben –
Und nun entsteigt für Hauche eines Wehns
Das Ur, geballt, nicht-seine beben
Hirnschauer mürbisten Vorrübergehns.

Zersprengtes Ich – o aufgetrunkene Schwäre –
Verwehte Fieber – süß zerborstene Wehr – :
Verströme, o verströme du – gebäre
Blutbäuchig das Entformte her.

Die Droge wird als mächtiger Erlöser gepriesen, der die Seele des Sprechers von den Zwängen des Wachbewusstseins befreit. Der „Ich-Zerfall“ erhält seine Bedeutung nicht nur in der Entfernung von Qualen der Alltagsrealität, sondern wird als Vorraussetzung zur Schaffung neuer Strukturen begrüßt. Zuerst sorgt der Rausch bei Benn für tabula rasa, die zum Schauplatz unbegrenzter Möglichkeiten wird. Als nächstes erschließt die Droge ein ansonsten unzugängliches Rohstofflager, das Unterbewusstsein, „an unerwähnten Gebilden meines Ichs am Unterbau“. Auf der durch den Rausch geschaffenen Baustelle des Geistes können nun Gebilde babylonischen Ausmaßes entstehen, das „Ur“ steht für etwas Ungeheuerliches, das tiefste Geheimnis oder jene Kraft, die die Welt im innersten zusammenhält (Goethes Faust), welches im Rausch Gestalt annimmt. Benn schildert das Rauscherlebnis wie eine Geburt „Verströme, o verströme du – gebäre blutbäuchig das Entformte her“, wobei hier die Erkenntnis des tiefsten Grundes geboren wird, die nur flüchtig sein kann. Die Befreiung von der Diktatur des Wachbewusstseins ist hierbei kein Selbstzweck, sondern Mittel zu neuer Kreativität, deren Resultate im wiedererlangten Wachbewusstsein intellektuell verarbeitet und fixiert werden.


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LITERATURVERZEICHNIS

(folgt)

Autoren: Jenny Grundmann; Sven Baumbach; Ricarda D. Herbrand; Daniel Riedel; Károly Müller
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: Aufbruch in die Moderne (Ü) WS 2002/03 (D: Gries)
Benotung: 1,0

(c) by jg, sb, rdh, dr, km 2003