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"Was ist denn nun das für ein gewaltiges
Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen
oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man,
sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate
sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller gesichert wird, und die aus
dem Wohl aller hervorgehen sollen..." Georg Büchner
1834 in "Der hessische Landbote" Inhalt: 0. QUASI
UN PROLOGO 1. EINLEITUNG 2. DIE IDEE DER NATION 3. NAPOLEON ANTE
PORTAS 3.1. EIN GEDICHT GOETHES UND DAS VERHÄLTNIS VON STAAT UND GESELLSCHAFT
3.2. FICHTE UNTER DEM EINDRUCK DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION 4.
FICHTES STAATS- UND NATIONSKONZEPTION AB 1806 4.1. VOLK UND NATION 4.2.
DIE SYNTHESE VON NATIONALISMUS UND KOSMOPOLITISMUS 4.3. EXKURS - EUROPAGEDANKEN
BEI FICHTE? 5. FAZIT QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
0. QUASI UN PROLOGO C.L.S. von Beyer und J.G. Fichte in
einem fiktiven Dialoge (1)
F: Ich finde es zweckmäßig,
dass dasjenige, was ich als den einzig möglichen Patriotismus unseres Zeitalters
und unserer Nation erkenne, hier durch eine kleine Diskussion mit dem Gegensatz
geklärt werden sollte. B: Die Fragen sind: Können Kosmopolitismus
und Patriotismus mit und bey einander bestehen? Und: Welcher von beyden muß,
wenn diese Verbindung nicht Statt hat, dem anderen weichen? F:
Ohne Zweifel soll doch der Patriotismus ein Gegensatz, und eine weitere Bestimmung
des Kosmopolitismus sein? Wir würden den Patriotismus begreifen, wenn wir
zuerst wüßten, was Kosmopolitismus sei, und sähen, wie dieser
im Patriotismus weiter bestimmt werde! B: Ich nenne den einen
Patrioten, der eine vorzügliche Anhänglichkeit an das Land und den Staat
hat, zu dem er entweder durch Geburt, oder nach eigner Wahl gehört. Kosmopolit
ist mir derjenige, cui patria est, ubi bene est. Bey diesem letzten Begriffe
kommt es freylich auf eine richtige Erklärung an; um den Kosmopoliten vom
Egoisten zu unterscheiden... F: Kosmopolitismus ist zugleich der
herrschende Wille, daß der Zweck des Daseins des Menschengeschlechtes im
Menschengeschlechte wirklich erreicht werde. Patriotismus ist der Wille, daß
dieser Zweck erreicht werde zu allererst in derjenigen Nation, deren Mitglieder
wir selber sind. B: Egoist ist jener, der bloß auf sein
Privatinteresse sieht, und dem es folglich gleichviel ist, wo er seyn und leben
mag, wenn nur daselbst sein Ehrgeiz, oder Eigennutz Nahrung findet. Der Kosmopolit
nimmt dabey nicht auf sein Individuum allein Rücksicht, und so unterscheidet
er sich von dem Patrioten, indem seine Anhänglichkeit und Theilnehmung weit
über die Grenzen des Staates hinausgeht, und alles, was die gesammte Menschheit
betrifft, zum Gegenstande hat. F: Aber Kosmopolitismus kann nur
eingreifen in die nächsten Umgebungen, in denen unmittelbar als lebendige
Kraft er lebet und das ist. Und so wird dann jeglicher Kosmopolit ganz nothwendig,
vermittelst seiner Beschränkung durch die Nation, Patriot; und Jeder der
in seiner Nation der kräftigste und regsamste Patriot wäre, ist eben
darum der regsamste Weltbürger... _______________
(1) Zusammengesetzt (mit durch den Dialog bedingten geringfügigen
Änderungen) von RDH aus folgenden Texten: C.L.S. von Beyer, Ueber Kosmopolitismus
und Patriotismus, in: Deutsche Monatszeitschrift, Bd. 1, 1795, S. 223-230. (Microfiche:
94 F 12/2) sowie J.G. Fichte, Der Patriotismus und sein Gegentheil, Patriotische
Dialogen vom Jahre 1807, in: Fichte im Kontext, Werke auf CD-ROM, 3. Auflage,
Berlin, Worms 2001. 1. EINLEITUNG Johann
Gottlieb Fichte (1762-1814): von ihm geht ein großer Einfluss auf die deutsche
Patriotismusströmung aus. Er war einer der Vordenker der Nationalstaatsentwicklung
im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Nicht nur NS-Ideologen bedienten
sich gern seiner Worte und bogen ihn zum Patrioten par excellence. Aber war Fichte
wirklich der Patriot schlechthin? Wurde er nicht vielmehr dazu gemacht
als dass er es selbst tat? Der Weltbürger Fichte und glühende Verehrer
der Französischen Revolution? Es steht außer Frage, dass Napoleon 1806
nicht nur "deutschen" Boden, sondern auch die Bühne der Fichte'schen
Philosophie betritt. Der eifrige Befürworter der Revolution wird nun zum
harten Gegner der realen Konsequenz namens Napoleon Bonaparte und damit zum Patrioten.
Dennoch reagiert Fichte kosmopolitisch auf Bonaparte. Universalistische Gedanken
ziehen sich bis in die Reden an die deutsche Nation von 1807/08 hindurch; sie
greifen mit den nationalen ineinander. Für Fichte, dessen Philosophie aus
der Aufklärung gespeist die Kant'sche ratio mit "Handeln!
Handeln!" zu verbinden sucht, um sie in eine praktische zu wandeln und
damit fortzuführen , gab es vor - und während - der napoleonischen Fremdherrschaft
keine Trennung von kosmopolitischer und patriotischer Gesinnung. Erstere schloss
letztere nicht aus, sondern bedingte sie, wie das Abschlusszitat Fichtes im vorangestellten
fiktiven Dialog zeigt . Dieses stammt aus dem Jahr 1807, also bereits nach Beginn
der französischen Besetzung und belegt, dass der nationale Fichte nicht von
dem Weltbürger Fichte zu trennen ist. Vielmehr wird der spätere Nationalismus
durch Fichtes Universalismus gebändigt, was die Umfunktionierung Fichtes
zum Paradebeispiel des Nationalisten schwierig machte und immer hieße, ihn
ohne den zugehörigen Kontext zu interpretieren. Nur so erklärt sich
der Titel einer Schrift Fichte und der Nationalsozialismus aus dem Jahr
1933. Anhand ausgewählter Schriften versucht diese Hausarbeit zu zeigen,
wie sich die Position Fichtes zu Staat und Nation um die Zäsur von 1806 -
also seit der französischen Revolution bis in die Zeit der napoleonischen
Heere - veränderte. Dabei soll versucht werden, Fichte hinsichtlich eventueller
Europa-Gedanken zu untersuchen. Folgende Texte Fichtes werden dafür hauptsächlich
herangezogen: die Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten
Europas, die sie bisher unterdrückten und der Beitrag zur Berichtigung
der Urtheile des Publicums über die französische Revolution von
1793 für den status quo ante Napoleonem; Fichtes Zeit in Berlin vertreten
die unter dem Titel Der Patriotismus und sein Gegentheil nachgelassenen
Texte von 1806-1807 und auszugsweise die Reden an die deutsche Nation 1807-1808.
Am Anfang soll ein kurzer Exkurs über die historische Entwicklung der Nationsidee
stehen, um die Rahmenbedingungen Fichtes darzustellen.
2. DIE IDEE DER NATION
| "So macht in unserem gegenwärtigen
Jahrhundert die Menschheit, besonders in Deutschland, ohne alles Aufsehen einen
großen Weg. Es ist wahr, der gothische Umriss des Gebäudes ist noch
fast allenthalben sichtbar; die neuen Nebengebäude sind noch bei weitem nicht
in ein festes Ganze vereinigt: aber sie sind doch da, und fangen an bewohnt zu
werden... Sie werden sich erweitern, und allmählich zu einem immer regelmässigeren
Ganzen vereinigen..." ( Fichte, Denkfreiheit, VI, 5) |
Der Nationalmythos
entstand in Deutschland, wie überall in Europa, um 1500. Doch mangelte es
dem Mythos am politischen und sprachlichen Rahmen. Der sprachliche wurde wenigstens
für den protestantischen Raum durch Luthers Bibelübersetzung in kräftigem
sächsisch-meißnischen Deutsch "genormt". Doch dies schuf
noch kein einheitliches Nationalgefühl, zumal ja erst Luther den Konfessionsstreit
verursachte und Deutschland dadurch eher teilte als vereinte. Zudem trug der Westfälische
Frieden 1648 auch nicht zur Einigung bei, im Gegenteil. An ein zentralstaatliches
Deutschland war nun erst recht nicht zu denken. Die geografische Zersplitterung
Deutschlands erschwerte auch die Bildung einer einheitlichen Nation zunehmend.
Es gab keine gemeinsame territoriale Grenze, an der sich eine deutsche Nation
hätte orientieren und definieren können wie etwa Großbritannien
oder Frankreich. Versuche, die deutsche Nation zu definieren, gab es indes. Ludwig
von Seckendorf z.B. versuchte 1656 in seinem Teutschen Fürsten-Staat das
Problem der Vielstaatlichkeit innerhalb der deutschen (~ sprechenden) Nation damit
zu erklären, dass es innerhalb der Nation weitere (ergo politische) Nationen
gäbe, definiert durch die Grenze der jeweiligen Fürstentümer. Doch
die deutsche Nation hatte außer ihrer Sprache nichts miteinander gemein,
wenngleich die Begriffe Staat und Nation schon in vormoderner Zeit durchaus eine
nicht zu unterschätzende Wirkungskraft besaßen: "Das Alte Reich
mag ein komplementärer Staat und zugleich das staatliche Dach einer gedachten
Nation gewesen sein, als National-Staat wurde es in keinem Fall konzipiert."
Im ausklingenden 18. Jahrhundert aber begann sich die Situation in Deutschland
zu verändern durch eine neue gesellschaftliche Schicht: die der Bildungsbürger.
Sie übten, anders als ihre klerikalen oder adligen Zeitgenossen, ihre Ämter
oder Berufe als Staatsbeamte, Professoren, Lehrer, Buchhändler, Schriftsteller,
Ärzte und Notare nicht Dank ihres Standes, sondern aufgrund ihrer Befähigung
aus. Und diese basierte in aller Regel auf ihrer akademischen Bildung. Aus der
Bildungsexplosion Ende des 18. Jahrhunderts resultierte eine Entwicklung zu deutscher
Nationalliteratur und deutschem National- und Musiktheater und einigte über
die territorialen Grenzen hinweg den deutschen Kulturgeschmack. "Wer in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutsch schrieb, tat dies nicht nur,
weil der literarische Markt es erforderte, sondern er bekannte sich damit auch
zur Einheit eines aufgeklärten bürgerlichen Geistes..." Über
die kulturelle Verständigung, die zunehmend politischen Charakter besaß,
hielt der nationale Gedanke in Deutschland Einzug und forcierte eine politische
Nationalkultur. Und es war die bürgerliche Schicht, welche die Entwicklung
des Nationsgefühls vorantrieb und eine gemeinsame kulturell-politische Basis
schaffte, auf der die deutsche Nation aufbauen konnte. Dennoch kann zunächst
nur von einer "politische[n] Kulturnation" in den Köpfen der Gebildeten
ausgegangen werden. Der deutschsprachigen Allgemeinheit fehlte noch die Basis
für das Nationalbewußtsein. Das fehlende national(staatliche)
Denken während des Alten Reiches lässt darauf schließen, dass
"es nicht nötig erschien, den status quo hinsichtlich einer stärkeren
Zentralisierung zu reformieren". Erst die Notwendigkeit der Vereinheitlichung
bzw. Zentralisierung der Leitung und Verwaltung in Deutschland aufgrund der sich
verändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation ließ
zu, den Wunsch oder gar die Notwendigkeit eines gemeinsamen deutschen Staates
immer mehr in Betracht zu ziehen. In einer Zeit der Sinn- und Wertekrisen, immer
neuer Entwurzelung, Vergangenheitsverlust und Zukunftseuphorie, wie zu Beginn
des 19. Jahrhunderts, gab plötzlich die Idee der Nation Orientierung und
Halt. Eine Identifikation mit der Nation vereinfachte komplizierte gesellschaftliche
und zwischenstaatliche Zusammenhänge und Fragen der Loyalität. Das Gefühl
der nationalen Gemeinschaft wurde insbesondere erlebt durch Feste wie die Völkerschlachtfeiern
nach dem Sieg über Napoleon; "sie schafften das authentische Gefühl
des Gemeinschaftserlebnisses und bestätigten die Zugehörigkeit des Einzelnen
zu einem größeren Ganzen." Mit diesem neuen Nationalgefühl
geht ein Wandel des Nationsbegriffs einher. Nation wurde jetzt nicht mehr (nur)
als Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft verstanden, sondern gewann als politischer
Begriff die Idee der Legitimation des Staates durch das Volk hinzu. Dem liegt
die Theorie des Franzosen Abbé Sieyès zugrunde, der in einer Flugschrift
"Was ist der Dritte Stand?" vom Januar 1789 klar hervorhebt, daß
nur der Dritte Stand, das unprivilegierte Volk, durch seine Arbeit die Gesellschaft
aufrecht erhält, und nicht der Erste oder Zweite Stand. Also könne auch
nur das Volk die Nation ausmachen und dadurch auch nur die Führung eines
Staates legitimieren. "Diese neue, revolutionäre Idee von der Nation
als dem politisch handelnden Volk war mehr als eine begriffliche Konstruktion:
sie war eine Waffe... [die] eine Mobilmachung nie zuvor geahnten Ausmaßes
ermöglichte..." Auf deutscher Seite kam die Theorie des Weimarer Johann
Gottfried Herders hinzu, der anders als Sieyès nicht von der politischen
Ebene, sondern von Sprache und Poesie ausging, welche die Grundlagen von (deutschem)
Volk und Nation seien. Diese zwei Nationalideen, die subjektiv-politische und
die objektiv-kulturelle, befruchteten und überkreuzten sich gegenseitig.
Im Europa des 19. Jahrhunderts entwickelten und differenzierten sich viele Varianten
von Ordnungs- und Legitimationsideen; sie alle gingen jedoch aus demselben Kosmos
der europäischen Ideenwelt hervor; selbst ihre extremen Zuspitzungen in Kommunismus
und Faschismus im 20. Jahrhundert entstammten ihm.
3. NAPOLEON
ANTE PORTAS 3.1. Ein Gedicht Goethes und das Verhältnis von
Staat und Gesellschaft
[...] Schaue dann umher nach Weisen, Und nach Mächtigen,
die befehlen, Jene werden unterweisen, Diese That und Kräfte stählen.
Wenn du, nützlich und gelassen, So dem Staate treu geblieben,
Wisse! Niemand wird dich hassen, Und dich werden alle lieben. Und
der Fürst erkennt die Treue, Sie erhält die That lebendig, Dann
bewährt sich auch das Neue, Nächst dem Alten, erst beständig. Und
vollbringst du, kräftig milde, Deiner Laufbahn reine Kreise, Wirst
du auch zum Musterbilde Jüngeren, nach Deiner Weise. [...]
(J.W.v.Goethe, ohne Titel, von 1815) | Vor kurzer
Zeit fiel mir der Abdruck dieses Gedichtes von Goethe in dessen Handschrift in
die Hände, der ein Zeitgenosse Fichtes war. Das Gedicht ohne Titel, das hier
nur auszugsweise wiedergegeben wurde, stammt vermutlich aus dem Jahr 1815 und
beschreibt das empfohlene Verhalten gegenüber den "Mächtigen",
wenn man etwas verändern und bewegen will.
An diesem Gedicht hätte
Fichte sicherlich Anstoß genommen, so er es gekannt hätte. Die Unterwerfung
unter einen Fürsten hinsichtlich des Handelns und Denkens, um etwas verändern
zu können, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen; sein "Wille zur
Umgestaltung" und sein "unermüdlicher Kampf für die Wahrheit
[,der] ihm nicht erlaubte, Kompromisse zu schließen" , hätten
ihm dies versagt. Er verurteilt die Erwartungen der Fürsten bezüglich
der Haltung ihrer Untertanen, wie sie Goethe in oben zitiertem Gedicht beschreibt.
Jene heißen ihre Untertanen die Wahrheit sagen, aber nur ihre Wahrheit,
und mischen sich damit in das Denken ein. In der Zurückforderung der Denkfreiheit
wendet er sich an die Fürsten Europas wie folgt: "Ist euch denn noch
nie eingefallen, zu untersuchen, wieviel von dieser Ehrfurcht ihr euch selbst
zu verdanken habt? [...] Von euren Höflingen werdet ihr es nie erfahren ...
Selbst vom Weisen würdet ihr es nie erfahren... Er würde auf eure Frage
dem Repräsentanten der Gesellschaft, nicht euch antworten." Er fordert
die Fürsten auf, sich der "moralischen Wahrheit" zu unterwerfen
und damit der Vernunft. Die Denkfreiheit ist für ihn unveräußerliches
Menschenrecht. Ergo kann kein Fürst die Denkfreiheit verbieten, auch nicht
per Vertrag: "Freie Untersuchung jedes möglichen Objects des Nachdenkens
ist ohne Zweifel ein Menschenrecht. Niemand darf seine Wahl, seine Richtung, seine
Grenzen bestimmen, als er selbst". Aufgabe der Fürsten sei vielmehr,
die Bildung zu fördern, um den Zweck des Menschengeschlechts, die "höchste
menschliche Bildung überhaupt" , zu erreichen. Andererseits erwartet
er von ihnen die "Beschützung unserer Rechte" . Ausschlaggebend
für diese Gedanken sind u.a. die Deklaration der Menschenrechte 1789. Interessant
ist, dass sich Fichte erst ab 1793 mit eben besprochenem Text und sodann, im selben
Jahr, mit dem Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die
französische Revolution zu diesem Thema äußert; ein Zeitpunkt,
an dem sich viele Revolutionsbefürworter in Deutschland bereits von ihr abwenden.
Viele enttäuscht die neue Realität der Revolution und damit ihre Erwartungen
an sie. So auch Georg Forster, der als Deputierter der eben errichteten Mainzer
Republik nach Paris reist, um dort vor dem Nationalkonvent die Bitte der Mainzer
um Aufnahme in die Französische Republik vorzutragen. Seine Enttäuschung
über die revolutionäre Wirklichkeit formulierte er in mehreren Briefen
an seine Frau. Gerade in dem Moment aber, da die Ideale der Revolution ein realpolitisches
Gesicht annehmen und beginnen, deutlich demokratische Züge tragen, begeistert
sich Fichte dafür. Nicht ohne Grund ist Fichtes Denken während der Zeit
der französischen Revolution und der Jakobinerherrschaft stark individualistisch
geprägt. Einflüsse Rousseaus und Robbespieres sind unübersehbar:
"...denn das Volk ist in der Tat und nach dem Rechte die höchste Gewalt,
über welche keine geht..." Ähnlich wie der eingangs angesprochene
Sieyès begründet Fichte die Legitimation einer Regierung auf das Volk,
bedingt durch den Staatsvertrag, welchem das Sittengesetz zugrunde liegt. Überhaupt
nimmt die Gesellschaft eine zentrale Rolle in Fichtes Philosophie ein. Hingegen
spielt Politik im eigentlichen Sinne eine eher untergeordnete. Der Grundgedanke
seiner Gesellschaft ist die des Menschen als soziales Wesen, das nicht losgelöst
von seiner Umwelt, sprich die es umgebende Gesellschaft betrachtet werden kann.
Nur in Wechselwirkung mit seinen Mitmenschen entwickelt sich der Mensch weiter.
Die Gesellschaft ist daher das Fundament jeglicher Ordnung in einem etwaigen Staat,
da sich die öffentlichen Beziehungen ebenso in dieser Struktur ausgestalten
wie die privaten Beziehungen; der Staat existiert nur "kraft der Gesellschaft"
. Im Beitrag finden sich zwei Definitionen des Gesellschaftsbegriffs: auf der
einen Seite meint Fichte die physische und moralische Beziehung zwischen den Menschen,
was die Koexistenz in einem gegebenen Raum ohne Gesellschaftsvertrag meint, in
welchem nur ein Gesetz Gültigkeit besitzt: das der Freiheit. Diese wird aber
durch das Sittengesetz begrenzt, weshalb Fichtes Naturzustand kein Kriegszustand
sein kann. Zum anderen beschreibt der Begriff das durch den Gesellschaftsvertrag
geregelte Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft als "das Verhältniss
gegenseitiger Rechte und Pflichten gegen einander" . Und auch hier herrscht
Freiheit, diesmal politische: "das Recht, kein Gesetz anzuerkennen, als
welches man sich selbst gab" . Die Unterscheidung in Gesellschaft und Staat
war um die Jahrhundertwende üblich; das Thema der Staatsbildung stand in
den größeren Ländern auf der politischen Tagesordnung. Diese Trennung
ist auch bei Fichte ein durchgängiges Element. Die Unterscheidung zwischen
Staats- und Gesellschaftsbegriff wird besonders in den Reden deutlich: der Staat
"will gewisses Recht, innerlichen Frieden, und dass jeder durch Fleiss seinen
Unterhalt und die Fristung seines sinnlichen Daseyns finde, so lange Gott sie
ihm gewähren will". aber das ist alles "nur Mittel, Bedingung und
Gerüst dessen, was die Vaterlandsliebe eigentlich will, das Aufblühen
des Ewigen und Göttlichen in der Welt immer reiner, vollkommener und getroffener
im unendlichen Fortgange" Hierin findet sich Fichtes gedanklicher Ausgangspunkt;
der Endzweck allen Daseins. Das Ziel, zu dessen Erreichung der Staat als
Mittel dient, ist dann später in den Reden die Bildung der deutschen Nation:
"dass dieser Zweck erreicht werde zu allererst in derjenigen Nation, deren
Mitglieder wir sind" . Der beste Staat ist für Fichte der, welcher sich
selbst überflüssig macht, indem er den Fortgang der Bildung fördert
hin zu besagtem Endzweck. Dieses Ziel würde nach Goethes Verhaltensmaßregel
in obigem Gedicht in Fichtes Augen nicht oder nur schwerlich erreicht werden können.
Denn ein Staat, unter den man sein Denken und Handeln unterwerfen müsste,
wäre nicht Mittel zum Endzweck, sondern propagierte ein dauerhaftes Existenzrecht.
3.2. Staatskonzeption unter dem Eindruck der französischen
Revolution |
"...Fichte, der große Zurechtrücker von
Urteilen des Publikums, dem kaum zuviel Demokratismus' in einer Schrift
stecken konnte..." *) | *)
Dicke, Klaus, "Lieber hätt' ich von Dir den Kranz des Friedens empfangen".
Rezeption und Wirkungsgeschichte von Kants Schrift in Jena 1795 - 1815, in: Kodalle,
K.-M., Der Vernunft-Frieden. Kants Entwurf im Widerstreit, Kritisches Jahrbuch
der Philosophie, Bd. 1, Jena 1996, S. 24. Für Fichte,
der - anders als eine Vielzahl Ideologen seiner Zeit - mit Hilfe seiner Philosophie
in die Geschichte praktisch eingreifen wollte, mussten die großen historischen
Ereignisse um die Jahrhundertwende zwangsläufig seine große Aufmerksamkeit
zur Folge haben. Wie bereits angesprochen, übten die Ideen und Entwicklungen
im benachbarten Frankreich einen nicht unerheblichen Einfluss auf Fichte aus.
Es finden sich bei ihm Gedanken sowohl von Rousseau als auch Robbespiere wieder.
Die Idee eines von unten schrittweise ins Werk gesetzten Entstehungsprozesses
einer politischen Einheit beispielsweise, wie Fichte ihn am Ende des dritten Capitels
im Beitrag beschreibt, geht auf Rousseau zurück. Fichtes Philosophie und
ihre Beziehungen zur Französischen Revolution betreffen einen konkreten Teil
der Revolution: die revolutionär-demokratische Diktatur der Jakobiner. Deutlich
wird dies beispielsweise daran, dass nach Constant Fichte im Handelsstaat "Prinzipien
entwickele, die sich in vielem mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik Robbespieres
deckten" . Zentral aber sind es Rousseaus Lehren, zu denen sich sowohl die
Jakobiner als auch Fichte bekennen. Du Contrat social und der volonté general
Rousseaus sind die Basis, auf die Fichte seine Theorie stellt und den er versucht
- ähnlich wie Kant - in philosophischem Sinne praktikabel zu machen, indem
er ihn rationalistisch interpretiert. Durch seine Korrektur von Rousseaus Lehre,
der Gesellschaftsvertrag sei kein Faktum, sondern ein Recht, gelingt es ihm, sein
Anliegen - das Recht auf Revolution - im Beitrag zu begründen. In
Fichtes Frühschriften ist der Staatsvertrag noch keine notwendige Konsequenz
des vom Sittengesetz erlaubten Zwangsrechts, die Errichtung des Staates keine
politische Notwendigkeit : "Der Staat kann keinen Menschen nötigen,
mit ihm in den Bürgervertrag zu treten; ebenso wenig kann irgend ein Mensch
den Staat nötigen, ihn darin aufzunehmen..." . Der Staat besitzt noch
nicht das "Monopol des Zwangsrechts und der Zwangsgewalt" , erhält
von Fichte noch keine politische Tragweite und wird damit zur "bürgerlichen
Gesellschaft". Hahn unterscheidet zwischen dem Staat als jener bürgerlichen,
insb. ökonomischen Gesellschaft und dem Staat als politische Gemeinschaft.
Zentral in Fichtes Denken sind die Gedanken der Aufklärung - Individuum
und freies Ich: "Fichte will seinem Individuum keine, auch nicht die geringste
Beschränkung auferlegen." Das Individuum ist niemandem als dem Sittengesetz,
ergo seinem eigenen Gewissen und damit Gott unterworfen. Fichte konstruiert den
Staat so, dass er eine Institution ist, die nur aus Individuen besteht; jedem
Individuum steht es frei, dem Staatsvertrag beizutreten. Ergo ist auch das Gesetz
im Staatsvertrag frei gewählt: "Wer legt mir nun in diesem Vertrag das
Gesetz auf? ... Wohl ich selbst." Dies führt zur Kampfansage an jedwede
Autorität. Fichte entwickelt ein republikanisches Modell, um den totalitären
Ansprüchen der Universalmonarchie entgegenzutreten. Letzterer wird er später
die Universalmonarchie der Wissenschaft gegenüber stellen. In der Grundlage
des Naturrechts (1796/97) aber schreibt Fichte bereits, "...wer in keinem
Staate ist, kann von dem ersten Staate, der ihn antrifft, rechtlich gezwungen
werden, sich entweder ihm zu unterwerfen oder aus seiner Nähe zu entweichen"
. Endzweck "jeder moralisch möglichen Staatsverbindung" aber
darf nicht "dem durch das Sittengesetz vorgeschriebenen Endzwecke jedes Einzelnen"
widersprechen. Und nicht nur das, sondern "auch noch den höchsten Endzweck
jedes Einzelnen befördern" . In seinen Revolutionsschriften dominiert
eine individualistische Einstellung, doch findet man nirgends eine "uneingeschränkte
Weigerung, staatliche Autorität anzuerkennen" . Die unbedingte Notwendigkeit
von Zwang seitens des Staates hat Fichte nie bezweifelt. Um zu seinem (Fichtes)
Ziel - die Einigung und höchste Bildung des Menschengeschlechts - zu gelangen,
ist ein "allmähliches Fortschreiten zur größeren Aufklärung
und mit ihr [die] Verbesserung der Staatsverfassung" vonnöten. Aufgabe
des Staates ist, den Weg hin zum Endzweck zu befördern, die Selbstbildung
eines jeden zu unterstützen - welches für Fichte unveräußerliches
Recht darstellt - , um sich schlussendlich selbst überflüssig zu machen
und damit zu eliminieren. Steht der Staat oder seine Verfassung diesem Ziel im
Wege, so begründet es Fichte, hat ein jeder das Recht auf Revolution. Napoleon
macht die Errungenschaft der Revolution zunichte: "Die Grundidee Fichtes
... war, zu demonstrieren, dass Napoleon, durch Unterdrückung des in der
Französischen Revolution errungenen Gedankens der Freiheit, die Welt um dieses
hohe Gut betrogen habe... Er erkennt der ... Revolution eine welthistorische,
und was noch mehr sagen will, eine sittliche Berechtigung zu; dass Napoleon die
Sache der Revolution verraten, erklärt er für [...] dessen schwerste
Schuld." 4. FICHTES STAATS- UND NATIONSKONZEPTION AB
1806 4.1. Volk und Nation
| "Nicht ruhig wie ein Weltweiser,
sondern gleichsam zornig und kampflustig stand [Fichte] auf seinem Katheter...
Ich habe ihn oft scherzend den Bonaparte der Philosophie genannt..." *) |
*) (So beschreibt
ihn Johann Georg Rist, der Fichte in Jena erlebte, in seinen Lebenserinnerungen)
Zentral für Fichte ist die Toleranz und Achtung gegenüber
der Verschiedenheiten der Völker: "werden [die Eigenthümlichkeiten
der Nationen] durch Vermischung und Verreibung abgestumpft, so entsteht Abtrennung
von der geistigen Natur aus dieser Flachheit, [und] aus dieser die Verschmelzung
aller zu dem gleichmäßigen und aneinanderhängenden Verderben".
Und weiter: "[Ein ursprüngliches Volk] kann kein Volk anderer Abkunft
und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen wollen, ohne wenigstens
fürs erste sich zu verwirren, und den gleichmäßigen Fortgang seiner
Bildung mächtig zu stören". Was aber ist denn das Volk? "...ein
Volk: das Ganze der in Gesellschaft mit einander fortlebenden und sich aus sich
selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesammt
unter einem gewissen besonderen Gesetze der Entwickelung des Göttlichen aus
ihm steht." Dem gegenüber steht die Nation, die in Deutschland
zu dieser Zeit noch nicht existent ist. Der deutschen Nation will er durch Erziehung
und Bildung zur Einigung verhelfen. Die Basis sind gleiche Wertvorstellungen und
Bildung, sie generieren die Nation. Und zu dieser kann jeder gehören, unabhängig
seiner ethnischen Zugehörigkeit, sofern er sich dieser gemeinsamen Erziehung
und Bildung unterwirft. Nach obigem Zitat kann dies aber nur langfristig geschehen.
Könnte dies also auch für ein geeintes Europa gelten? Eine solche Entwicklung
führt laut Fichte zur Vereinigung des gesamten Menschengeschlechts: "und
so würde[n] alle Bürger eines Staats und zuletzt das gesamte Menschengeschlecht
sich vereinigen zu gleicher gegenseitiger Achtung und achtender Behandlung"
, ohne die nationalen Grenzen aufzuheben und die Eigentümlichkeiten der Völker
zu verwaschen - sehr kosmopolitisch gedacht. Genau dies ist der Grund, warum Napoleon
von Fichte strikt abgelehnt wird: die einseitige Herrschaft eines Volkes über
alle anderen führt "zur Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der
Menschheit" - der französische Kaiser ignoriert eben dies. Die
Verschmelzung aller Völker zur Weltrepublik soll die Weltkultur befördern
hin zu einer Völkerrepublik der Kultur. Die Beziehungen zwischen den Nationalstaaten
in dieser Weltrepublik sollen gleich der zwischen Individuen eines Rechtsstaates
sein. Fichte entwickelt die Idee einer Gesellschaft der Völker als kleine
Variante des Völkerbundes, "der das Ziel des auch von ihm [Fichte] theoretisierten
Völkerrechts darstellt" . Die Gesellschaft in Verbindung mit der Nation
zu bringen bedeutet eine Vereinfachung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern,
als dies über den Staatsbegriff möglich wäre. Fichte entwickelt
daraus die Idee einer Gesellschaft von Völkern; die Schwierigkeiten, die
in den Beziehungen zwischen Staaten existierten, fielen weg, stellte man die Beziehung
zwischen Gesellschaften an ihrer statt her, so die Argumentation laut Pascale.
Fichtes Republik von einst als Antwort auf die Universalmonarchie wird
nun die Universalmonarchie der Wissenschaft. Nationen, die nicht durch das Prinzip
der Wissenschaft geleitet sind, nennt er undeutsche Nationen; sie hemmen die freie
Entfaltung eines durch die Wissenschaft gelangten Vernunftstaates unter Führung
der universalen (deutsch genannten) Nation: "...daß die abgesonderten
deutschen Staaten mit einander um den Preis der Wissenschaftlichkeit ringen sollten,
so ringen [die anderen] mit den übrigen deutschen Stämmen um den Preis
... des undeutschen Sinnes..." In den Reden scheint für Fichte die Wiederherstellung
einer Gesellschaft unter den Deutschen "trotz oder vielleicht sogar wegen
eines fehlenden Staates" möglich zu sein. Doch die "deutsche Staatskunst"
will kein "festes und gewisses Ding, ... sonder sie will.. einen festen und
gewissen Geist." Die Nation, die seit Napoleon so wichtig geworden
ist, bleibt bei Fichte vom Staat getrennt und soll es auch bleiben: "Wie
nur noch bei den Griechen in der alten Zeit, war ... der Staat und die Nation
sogar voneinander gesondert, und jedes für sich dargestellt, der erste in
den besonderen deutschen Reichen und Fürstenthümern, die letzte ...
im Reichsverbande..." . Für Fichte ist also das Alte Reich die Nation
der Kleinstaaten des deutschen Staates. Die höhere Bildung, die die Nation
generieren soll, aber soll zentralistisch, damit einheitlich, gelenkt sein. Ergo
ist Fichte in seiner föderativen Einstellung zur Nation Zentralist.
Was aber macht nun die Ficht'sche Nation aus? Sowohl Seckendorf als auch Herder
gingen von der gemeinsamen deutschen Sprache als Basis der deutschen Nation aus.
Auch Fichtes Nationsbegriff stützt sich auf die Sprache als Nationalsprache.
"Es gibt Nationen, weil es Nationalsprachen gibt." Denn "...die
Menschen [werden] von der Sprache [weit mehr]gebildet werden, denn die Sprache
von den Menschen." Fichtes Nation baut auf die Kontinuität der Sprache,
nur aus der Reinheit und Ursprünglichkeit der Sprache rekrutiert sich eine
Überlegenheit der deutschen Nation. In diesem Falle könnte man bestenfalls
von einem Sprachrassismus Fichtes sprechen, keinesfalls aber von einem biologischen.
Von letzterem distanziert sich Fichte ausdrücklich in seiner vierten Rede:
"Ebensowenig wollte man auf den Umstand ein Gewicht legen, dass in den eroberten
Ländern die germanische Abstammung mit den früheren Bewohnern vermischt
worden; denn Sieger; und Herrscher und Bildner des aus der Vermischung entstehenden
neuen Volkes waren doch nur die Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung,
die im Auslande bei den Galliern, Cantabriern u.s.w. geschah, im Mutterlande mit
Slaven wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so dass es keinem der aus Germaniern
entstammenden Völker heutzutage leicht fallen dürfte, eine grössere
Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzuthun." Fassen
wir kurz zusammen: die Nation konstituiert sich auf der Basis der gemeinsamen
Sprache, die den Menschen prägt, auch hinsichtlich seines Denkens. Das Denken
der Deutschen erhebt sich aufgrund der Sprachreinheit über das anderer. Und
weiter: aufgrund des besonderen Denkens soll daher "...der Deutsche durch
Wissenschaft die Regierung der Welt" übernehmen. Interessant ist, dass
Fichte sehr genau zwischen der staatlich-rechtlichen und der Sprach-Nation trennt,
wenngleich er von einer ursprünglichen Identität von Staat und Nation
ausgeht. . Die staatlich-rechtliche wird von ihm jedoch kaum berücksichtigt.
Die Nation Fichtes, so ein interessanter Ansatz Scholz', ist lediglich Hülle
für seine Ideen, die "im Kleide einer nationalen Sprache..., [aber]
nichts Nationales an sich haben." Deutsch sein heißt eigentlich: Fichteaner
sein. 4.2. Die Synthese von Nationalismus und Kosmopolitismus "Fichte
hatte schon im Jahre 1800 [...] Vaterlandsliebe und Weltbürgersinn als innigst
vereint' im Gebiete des vollkommenen gebildeten Menschen erklärt und von
einem kalten Kosmopolitismus nichts wissen wollen..." Das Bindeglied zwischen
dem universalen Ideal vor 1806 und dem nationalen von 1807/08 zeigt sich in den
Patriotismus-Dialogen von 1806/07. Darin entwickelt Fichte die Meinung, dass Kosmopolitismus
allein gar nicht existieren könne, sondern notwendigerweise in Patriotismus
münden müsse, wie das letzte Zitat im Dialog des Prologs deutlich belegt.
Rufen wir es uns nochmals in Erinnerung: "...[Kosmopolitismus] kann aber
nur eingreifen in die nächsten Umgebungen, in denen unmittelbar als lebendige
Kraft er lebet und das ist [...] Und so wird dann jeglicher Kosmopolit ganz nothwendig,
vermittelst seiner Beschränkung durch die Nation, Patriot; und Jeder der
in seiner Nation der kräftigste und regsamste Patriot wäre, ist eben
darum der regsamste Weltbürger..." Jeder Kosmopolit muss also automatisch
Patriot werden. Und je mehr einer Patriot ist, desto mehr ist er auch Kosmopolit.
Beide Gesinnungen fließen hier ineinander und bedingen sich wechselseitig,
worin die Originalität von Fichtes Definition besteht. Radrizzani bezeichnet
Fichtes Nationalismus als "weitere Bestimmung" des Kosmopolitismus;
das Ficht'sche Modell als eine Synthese dieser beiden. Und bereits Meinecke formulierte
dazu: "Vaterlandsliebe ist seine Tat, Weltbürgersinn ist sein Gedanke;
die erstere die Erscheinung, der zweite der innere Geist dieser Erscheinung..."
. Das Ziel ist die höchste Bildung des Menschengeschlechts. Auf den
Endzweck richtet sich der Wille, der - naturgemäß - nur in der unmittelbaren
Umgebung wirken kann. Fichte wird somit zum Patrioten, bleibt aber Kosmopolit,
"indem der letzte Zweck aller Nationalbildung doch immer der ist, dass diese
Bildung sich verbreite über das [menschliche] Geschlecht." Aber diese
Nationalbildung ist noch keine in geschichtlichem Sinne, sondern die, bereits
zitierte, "höchste menschliche Bildung überhaupt". 4.3.
Exkurs - Europagedanken bei Fichte? Europa nimmt in Fichtes Philosophie
generell keine besonders große Stellung ein. Dennoch finden sich einige
Punkte zum europäischen Zusammenhang, um den es an dieser Stelle gehen soll.
Im Vergleich zu den Reden beispielsweise sind Gedanken zu Europa etwas häufiger
in den Grundzügen zu finden. Hier spricht er zumindest von den europäischen
Gemeinsamkeiten, die er in der gemeinsamen kulturellen Basis sieht: "Eine
gemeinsame Cultur [...] mit verschiedenen Modifikationen" in den jeweiligen
europäischen Völkern. Das Ziel ist jedoch nicht die Vereinigung der
europäischen Völker, sondern der gesamten Menschheit. Europa ist für
Fichte als solches zu uninteressant, dazu ist er zu sehr Kosmopolit. Dennoch:
in den Grundzügen liest man, die (christlichen) Europäer seien "im
Wesen alle nur ein Volk" und würden "das gemeinsame Europa für
das eine wahre Vaterland" anerkennen.
Vor dem Auftreten Bonapartes
betont Fichte also die gemeinsame kulturelle Basis der europäischen Nationen.
Mit den napoleonischen Kriegen aber werden Fichtes Hoffnungen enttäuscht,
die er in Europa gesetzt hatte. Statt der Gemeinsamkeiten der europäischen
Staaten betont er nun die Unterschiede, das deutsche Volk wird nun zum "Urvolk".
5. FAZIT
Es hat sich bestätigt, dass
Fichte nicht nur als Patriot betrachtet werden kann. Der an Kant geschulter Denker
mit individualistischen Ansätzen vermischt weltbürgerliche Sicht mit
nationalem Vokabular, meint aber nie eine politische Nation, die er zu kreieren
gedenkt, sondern immer jene der "Geisterwelt". Es geht ihm um die Sprachnation
im weitesten Sinne, ihm als einen "waschechten" Nationalisten zu apostrophieren
entspräche nicht seinem Denken. Dies begründet sich in Fichtes universalistischer
Auffassung, die ihn daran hindert, zum vollständigen Nationalisten zu werden
- Fichte bleibt trotz allem in gewisser Weise Weltbürger, ummantelt mit einem
Nationalismus des "Urvolkes". Natürlich spielt die Nation, das
Vaterland und die Liebe zu diesem ab 1806 eine zentrale Rolle, doch sollte man
nie den Grund für diese Wende seines Denkens aus den Augen verlieren. Es
ging Fichte darum, einen gedanklichen Schutzwall gegenüber Napoleon zu errichten.
Den findet er im Begriff der Nation, der zu jener Zeit, wie das Kapitel über
die Idee der Nation gezeigt hat, ein allseits aktueller war. Die politische Nation
in gedanklichem Zusammenhang mit einem Staat wurde nicht von ihm favorisiert.
Europäische Gedanken finden sich bei Fichte indes nur vereinzelt vor
1806. Eine gemeinsame europäische Nation, zumal eine politische wie sie Napoleon
auf St. Helena niederschrieb, hatte er nie im Sinn.
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Autor: Ricarda
D. Herbrand Hochschule: FSU Jena Veranstaltung: Ideengeschichte Europas
(HpS) SoSe 2003 (D: Dicke) Benotung: 1,0 |