Der Aufstieg Karthagos zur Großmacht
 


"Denn der König (Salomo) hatte Tarsis-Schiffe auf dem Meer, <die fuhren> mit den Schiffen Hirams. Einmal in drei Jahren kamen die Tarsis-Schiffe, beladen mit Gold und Silber, Elfenbein und Affen und Pavianen." -
1. Kön. 10, 22

1. EINLEITUNG


Karthago zählte zu den größten und reichsten Städten im letzten vorchristlichen Jahrtausend. Es war gefürchteter Feind der Griechen und - noch mehr - der Römer. Karthago beherrschte ein großes Territorium und strebte danach, dieses noch zu vergrößern. Daher war es nur natürlich, daß es mit anderen nach Expansion strebenden Staaten in Konflikt geriet. Dennoch gab es nie einen karthagischen Staat in modernem Sinne.

Aber wie konnte Karthago, ohne Staat zu sein, zu einer Großmacht werden und in welchem Verhältnis stand das beherrschte Territorium zur karthagischen Herrschaft? Was war die Triebkraft für die unermüdliche Expansion? Worauf begründete sich der Reichtum, welches waren die Gründe für die (späteren) Konflikte mit Griechen und Römern?

Diese Hausarbeit befaßt sich mit der Stadt Karthago ab der Zeit ihrer Gründung im
9. Jahrhundert v. Chr. bis zu dem Zeitpunkt, da sie zur Großmacht geworden war, also um 500 v. Chr.; und versucht, die oben aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

 

2. QUELLENLAGE


Zur Quellenlage ist im allgemeinen zu sagen, daß zum einen recht wenige punische Quellen zur Verfügung stehen, auf die wir uns stützen können. Zum anderen sind diese meist nur mittelbare Quellen und können oft nur indirekt zur Erklärung genutzt werden, da sie - wie zum Beispiel Inschriften - kultischen oder religiösen Inhalts sind. Diese klären zwar über die Götter und Riten auf, können aber über soziale und politische Formen Karthagos kaum Aufschluß geben. Demgegenüber sind die griechischen und römischen Quellen weit ausgiebiger und detaillierter.

Die starke Berücksichtigung Karthagos in der römischen und griechischen Geschichtsschreibung ist auf seine kontinuierlich zunehmende Bedeutung als Großmacht in archaischer Zeit, daraus resultierende Begegnungen und natürlich wirtschafts- und machtpolitischen Konflikten mit Griechen und Römern zurückzuführen. Vor dem Hintergrund dieses konfliktbeladenen Verhältnisses ist es nur einleuchtend, daß sowohl die griechische als auch später die römische Geschichtsschreibung leider nur verzerrte - da parteiische - Darstellungen liefert. Deshalb ist bei der Heranziehung solcher Quellen zu berücksichtigen, daß verschiedene Absichten hinter der Darstellung standen: hauptsächlich eine unwillkürliche Feindschaft gegenüber solch erbitterten Feinden, die man infolgedessen in das schlechteste Licht zu setzen versuchte.

Des weiteren ist zu bedenken, daß in griechischen und römischen Quellen oft nur indirekte Informationen verarbeitet wurden, d.h. nicht unbedingt aus erster Hand ihren Weg in die Quellen fanden. Zusätzlich ist zu beachten, daß zum Beispiel Angaben über die effektive Stärke des Heeres und der Flotte Karthagos, überhaupt seines Volkes, den Reichtum der Stadt und die Größe ihrer Herrschaft, deren Darstellungen oft übertrieben waren, sicherlich auch dazu dienten, die Gefährlichkeit Karthagos und damit das Feindbild zu untermauern.

3. VORAUSSETZUNGEN

3.1. WURZELN IM OSTEN

3.1.1. Stadtstaaten als Organisationsform


Um die Stellung Karthagos und dessen Politik zu verstehen ist es hilfreich, sich zunächst das Volk der Phönizier und ihre Städte wie Tyros im heutigen Gebiet Israels und Syriens zu betrachten, da Karthago als Gründung der Phönizier Ähnlichkeiten aufweisen dürfte. Zum einen ist die geopolitische Lage Phöniziens nicht außer Acht zu lassen. Zum anderen bestehen zum Beispiel grundlegende Differenzen zwischen den phönizischen Städten und den römischen oder griechischen Städten. Die phönizische Welt kannte, als Teil der semitischen, nur Stadtstaaten und keine groß ausgedehnten Reiche wie etwa das spätere römische Reich. Zwar ist diese Organisation auch sonst in der Mittelmeerwelt zu finden. Ameling spricht unter Verweis auf Gschnitzer sogar davon, daß die Idee der griechischen Polis von den Phöniziern übernommen wurde und die Entwicklung in archaischer Zeit gut miteinander vergleichbar ist. Dennoch hat es nie einen phönizischen Staat in der Art Griechenlands gegeben, denn laut Ameling war eine der wichtigsten Eigenschaften der griechischen Polis "die Einbeziehung der gesamten Bürgerschaft als Wehrgemeinschaft in den Krieg [...]. Die karthagischen ,Handelskriege´, die ,Mentalität der karthagischen Kaufleute-Aristokratie´ und der ,wirtschaftspolitisch motivierte´ karthagische Imperialismus führen dagegen alle zu einem Staat, der existentielle Grundgegebenheiten nicht mehr mit der Polis teilt."

3.1.2. Die phönizischen Händler


Als einen weiteren wichtigen Punkt soll das Augenmerk auf den Handel gerichtet werden. Die Phönizier waren ein Handelsvolk. Schon vor der Gründung Karthagos trieben sie intensiven und ausgedehnten Handel im gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus. Sie suchten als Kleinhändler weit entfernt von ihrer Heimat den Erfolg und brachten es durch ihre Arbeit, Sparsamkeit und Genialität zu Reichtum. Und überall verfluchten die Menschen diese "Guggas" ob ihrer Betrügereien und ärgerten sich über ihre Gewinnsucht, ohne jedoch auf ihre Dienste verzichten zu können. "In Tyros", sagt Jesaja, "waren die Kaufleute Fürsten, und die Händler die Großen der Erde." Griechen, Römer und Hebräer gleichermaßen rühmten die unermüdliche Aktivität und Genialität der Kaufleute aus Tyros und Sidon. Plinius bezeichnet die "Poeni" gar als die Erfinder des Handels. Hier sei ein kurzer Auszug aus Plautus´ Komödie Poenulus ("Punierlein") zitiert, um das Bild, welches von diesen Händlern herrschte, zu veranschaulichen. Es stellt die Unterhaltung zwischen dem Sklaven Milphio und seinem Herrn Agorastokles bei dem Anblick eines solchen Händlers dar:

Mi: Aber was ist das für ein merkwürdiger Vogel, der da in seiner Tunika erscheint? Hat man im Bad den Mantel ihm stibitzt?

Ag: Beim Pollux, sein Aussehen wenigstens ist ganz punisch!

Mi: Er ist ein Gugga. Bei Gott, was für alte Sklaven der bei sich hat!

Ag: Wieso?

Mi: Siehst du nicht die Männer, die schwerbepackt ihm folgen? Ich glaube, die haben nicht mal Finger an den Händen.

Ag: Weshalb?

Mi: Weil sie daherkommen mit Ringen in den Ohren (975-981).


Der Punier, oder auch Karthager, den Plautus hier vorführt, ist der Typ des liebenswürdigen Gauners, der jederzeit ein Gebet für die Götter übrig hat und in seinem Reichtum die auf ihm ruhende göttliche Gnade erblickt. Trotzdem wird er mit den Attributen des verschlagenen, auch vor einer Gaunerei nicht zurückschreckenden Puniers, bedacht. Hierbei ist natürlich zu berücksichtigen, daß dies die römische Sichtweise beinhaltet und daß es sich hierbei um einen punischen, nicht einen phönizischen, Händler handelt. Die Komödie entstand gegen Ende des Zweiten Punischen Krieges (218-201). Dennoch kann das hier skizzierte Bild wenigstens teilweise auch für die phönizischen Händler stehen.

3.2. DIE STADT KARTHAGO

3.2.1. Dido & Aeneas und der Handel


Ausgiebige und übereinstimmende Berichte in klassischen Quellen datieren die Gründung Karthagos um 814/13 v. Chr.. Die erste uns überlieferte Formulierung findet sich bei Timaios, eine ausführliche Darstellung ist bei Iustinus zu finden. Laut Letzterem kamen die Gründer Karthagos aus Tyros; eine Gruppe von Flüchtigen, an deren Spitze Elissa stand, um einen Neubeginn zu wagen. In Vergils "Aeneis", findet die Geschichte der (Vergil nennt sie wie folgt) Dido ihre wohl berühmteste und ausführlichste Fassung. Die Funktion der aus der Heimat entflohenen Elissa als Gründerin Karthagos besitzt auch eine relativ starke Beglaubigung durch die Überlieferung des Iosephos Flavius, durch die bekanntlich Fragmente aus den Annalen von Tyros bewahrt wurden, auch wenn er keine genauen Angaben zum Zeitpunkt der Gründung Karthagos macht. Doch mit Recht verweist Krings darauf, daß das Ende der Elissa oder auch Dido - der Freitod - hier wohl erzählmotivischen Charakter hat. Ebenso findet sich dieses Motiv in der Geschichte der Ehefrau Hasdrubals wieder, die ebenso wie Elissa den Freitod wählt und ins Feuer geht, nachdem ihr Mann zu den Römern übergelaufen war.

Daher erscheint mir die Suche nach weiteren Erwerbsmöglichkeiten als Grund für die Neugründung, welchen Ameling kritisiert, einleuchtender. Auch wenn, wie er argumentiert, sicher nicht von einem gemeinsamen Vorgehen der Phönizier als Volk ausgegangen werden kann, so doch von einem Teil der Phönizier, eben Händlern aus Tyros. Man kann also annehmen, daß Karthago als Handelskolonie gegründet wurde; wenn auch nicht "als Teil eines bewußt gestalteten Stützpunktsystems", wie Heuß es sieht, so aber als Anlaufpunkt auf dem Weg in weiter entfernte Handelsgebiete und Warenumschlagplatz auf dem "Rückweg". So ist der Name der Stadt Qarthadasht - "Neue Stadt" - sicher als ein deutlicher historischer Hinweis auf die (strategischen) Absichten der Gründer zu verstehen. Elliger übersetzt den Stadtnamen gar mit "Neue Hauptstadt". Dies jedoch setzt voraus, daß es eine "alte" gegeben haben muß. Da aber keiner der phönizischen Städte - wohl gemerkt allesamt Stadtstaaten - eine derartige Vorrangstellung zufiel, kann es ergo auch keine "neue" Hauptstadt geben, die solch eine Stellung einer anderen streitig machen könnte. Außerdem kann nicht von nur einem Gründungsakt ausgegangen werden. Vielmehr wird es ein Prozeß gewesen sein, in dem sich nach und nach Karthago als Metropole etablierte. Die geographische Lage der Landzunge jedoch wird von Anbeginn erkannt und ganz bewußt gewählt worden sein.

An dieser Stelle soll kurz die geographische Besonderheit der Stadt Karthago betrachtet werden. Ihre Lage war in der Tat außergewöhnlich. Erstens gab es die Möglichkeit der Expansion zur See, zweitens erschien es einfach, die Stadt im Hinterland zu befestigen. Als geräumige Landzunge zwischen zwei schützenden Lagunen gelegen war es im Hinterland durch einen sandigen Streifen mit dem Kontinent verbunden, welcher einfach zu überwachen und kontrollieren war (siehe hierzu Abb. 1). Dahinter befand sich ein anbaufähiges Gebiet, welches in den hügeligen Vorsprung mit einbezogen wurde, wodurch das Stadtgebiet isoliert wurde und besonders gut verteidigt werden konnte. (vgl. Abb.1). Dies zeigt, daß der Platz der Gründung sehr bewußt ausgewählt wurde und bestätigt die strategische und handelsrelevante Komponente, die Karthago zukam.

 


Abb. 1

Die Landzunge von Karthago

 

3.2.2. Bevölkerungswachstum


Karthago entwickelte sich nach einer Phase der Stabilisierung rasch zu einer Drehscheibe des phönikischen Handels im Westen aufgrund ihrer weitreichenden und intensiv gepflegten Handelsbeziehungen, die im Laufe der Zeit militärisch immer abgesicherter wurden. Dies äußerte sich auch in der schnell ansteigenden Bevölkerungszahl. Ein wichtiger Grund dafür war sicherlich der Konflikt zwischen den Assyrern und dem Mutterland, welcher im Untergang von Tyros endete und eine starke Zuwanderung aus dem Mutterland zur Folge hatte. Ein weiterer war das Ausgreifen der expansionswilligen Griechen in der Mitte des 8. Jahrhunderts in den Mittelmeerraum, wodurch der phönizische Handelsraum bedroht erschien. Weiterhin ist die steigende Bevölkerungszahl mit der Eingliederung der Bewohner des Hinterlandes zu erklären. Karthago muß schon im 8. Jahrhundert mit einer in die Zehntausende gehenden Bevölkerung zu den größten Siedlungen der Mittelmeerwelt gehört haben . Ausgrabungen ermöglichen es, die Größe der bebauten Fläche Karthagos abzuschätzen: im 8. Jahrhundert betrug sie ungefähr 25 ha, in 6. Jahrhundert bereits um die 100 ha. In einem ähnlichen Maß nahm die Zahl der Gräber zu. Interessant ist, daß in Karthago gezielt auf den Bevölkerungsanstieg reagiert wurde: bereits ins 8./ 7. Jahrhundert ist das radiale Bauschema der Byrsa-Hänge – dem zentralen Hügel in der Stadt – datiert (siehe Abb. 2). Dies verdeutlicht, daß Wachstum und Städteplanung und damit auch politische Zentralisierung sehr gut aufeinander abgestimmt sein mußten.

 

Abb.2: Grundriß der Stadt Karthago

 

Bei einer solch großen Bevölkerungszahl ergibt sich zwangsläufig das Problem der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Theoretisch hat eine Großstadt fünf Möglichkeiten, in solch einem Fall zu überleben:

1. Ausbau der einheimischen Produktion

2. Herrschaft über andere (um von den Tributzahlungen zu leben)

3. Kolonisation

4. Import durch Handel und

5. staatlich organisierte Verteilung des Vorhandenen.

Ersteres ist unter den Voraussetzungen der Antike relativ schwer umsetzbar, letzteres wird nur in Ausnahmesituationen angewandt. Import durch Handel setzt einen höheren Ertrag der kaufmännischen Tätigkeit voraus, als im Altertum zu erzielen war. Demnach blieb Karthago nur die Expansion und Kolonisation (und damit im Zusammenhang die Herrschaft über andere) zur Lösung es Versorgungsproblems, welche im nächsten Kapitel behandelt werden sollen. Auf jeden Fall berichten zwei Passagen bei Aristoteles davon, daß Karthago regelmäßig einen Teil des Volkes in bereits existierende Städte schickte, was die Lage in Karthago entspannt haben dürfte.

 

4. DER AUFSTIEG

4.1. EXPANSION UND KOLONISATION

4.1.1. Karthagische Expansion


Über die zeitliche Abfolge der karthagischen Expansion und Kolonisation fehlen uns leider literarische oder epigraphische Hinweise fast vollständig. Den ersten Anhaltspunkt liefert Timaios, der die Gründung der Siedlung Ebusos auf Ibiza im Jahre 654/53 den Karthagern zurechnet. Eine weitere Erwähnung findet sich auch bei Diodorus: "The island ... has a city named Eresus, a colony of the Carthaginians." (Diod. V16, 2-3) Durch diesen Hafen gewannen die Karthager einen weiteren wichtigen Rastplatz auf dem Weg nach Spanien, von wo der Nachschub an Gold und Silber – Quellen des karthagischen Reichtums – kam, der nicht versiegen durfte. Für Moscati setzt die Gründung auf Ibiza den Startpunkt für die karthagische Expansion. Ameling jedoch stützt sich auf neuere Erkenntnisse und Funde aus der Gründungszeit von Ebusos, welche alle eindeutig phönizischen, nicht punischen Charakter tragen. Also kann davon ausgegangen werden, daß Diodorus als Quelle in diesem Fall keine korrekten Angaben liefert, und die Karthager Ebusos lediglich als einen weiteren von vielen phönizischen Häfen "mitbenutzten".

Karthagischen Ursprungs jedoch sind viele der nordafrikanischen Siedlungen entlang der Küste, deren Bezeugung als punische Gründungen meist archäologischer Natur – oft Nekropolen oder Stelen – sind, während Utica in unmittelbarer Nachbarschaft westlich von Karthago die älteste phönizische Kolonie in Afrika gewesen sein dürfte. Die punischen Pflanzstädte mögen der Absicherung der nordafrikanischen Küste gedient haben, sie hatten jedenfalls nicht den Status von Kolonien in modernem Sinne. Das Verhältnis zwischen ihnen und Karthago war sogar relativ gleichberechtigt und sehr eng, sie unterstützten Karthago im Bestand seiner Herrschaft, auch wenn man nicht von einer Art Reichseinheit sprechen kann. Das Hinterland wurde von Katrhago ab einem bestimmten Zeitpunkt direkt kontrolliert, denn es gab dort Wiesen, Weinberge Getreidefelder und Olivenhaine - also wichtige Rohstoffe, die sich Karthago dadurch nutzbar machte.

Im 6. Jahrhundert faßte Karthago nicht nur in Spanien und auf Ibiza Fuß, sondern auch in Marokko und an der Atlantikküste und – relativ spät, nämlich erst im 4. Jahrhundert – auch auf Korsika. Hier war jedoch nicht die Gründung neuer Kolonien der Grund, vielmehr ging es Karthago um den Ausbau seiner Handelsbeziehungen. Die punischen Ansiedlungen - oft innerhalb existierender Städte wie z. B. Massalia (heute Marseille) - sollten lediglich als Handelsstützpunkte dienen.

4.1.2. Karthagische Kolonien


Anders die Kolonien Karthagos: hier ging es klar um lebensnotwendige und politische Interessen. Wie in Kapitel 3.2.2. bereits angesprochen, war Karthago auf ackerbaufähige Gebiete angewiesen, da der eigene Bedarf an Getreide durch das schnelle Bevölkerungswachstum nicht mehr selbst gedeckt werden konnte. Sowohl Afrika als auch Sardinien und Sizilien waren klassische Ackerbaugebiete; die Getreidelieferungen Sardiniens an Karthago sind oft bezeugt. Es findet sich bei Ps. Aristoteles eine Notiz, daß die Karthager ein höheres Interesse an der Landwirtschaft als am Handel oder Bergbau Sardiniens hatten. Dies zeigt, wie sehr den Karthagern daran gelegen war, bei der Expansion Getreidequellen zu erschließen. Neben Neugründungen versuchte Karthago auch durch die engere Bindung ursprünglich phönizischer Siedlungen sein Refugium auszuweiten, wodurch Karthago eine Art "Kolonialhegemonie" errichtete. Die Stadt entwickelte sich schnell zu einem phönizischen Sammelpunkt im Westen; und es erwies sich als notwendig oder doch wenigstens zweckmäßig, um sich vor Angriffen – wie zum Beispiel die der Griechen (siehe Kap. 4.1.3.) – zu schützen, einen lockeren Bund um einen Mittelpunkt in Form der stärksten Kolonie zu bilden: um Karthago. Es übernahm die Kontrolle und Steuerung der Kolonien und des Handels, ohne jedoch diese zu annektieren oder zu unmittelbarer Herrschaft zu schreiten. Es ist aber davon auszugehen, daß der Selbständigkeit der Kolonien von karthagischer Seite Schranken auferlegt wurden. Sie genossen trotzdem eine gewisse Autonomie, welche besonders anhand des Münzrechts (wobei Karthago selbst die Münzprägung erst sehr spät von den Griechen, nämlich Ende des 5. Jahrhunderts, übernahm) einiger Städte wie Gades (Cadix, Spanien), Panormos und Motye (beide Sizilien) deutlich wird.

"Vom 6. bis ins 4. Jahrhundert entwickelte sich ein System politischer Abhängigkeit derjenigen Emporia, in denen die Karthager nicht nur die Kontrolle über den Warenaustausch und die persönliche Sicherheit der Kaufleute, sondern zunehmend auch den Schutz der betreffenden Siedlungen vor Übergriffen einheimischer Stämme oder griechischer Poleis garantierten."

4.1.3. Sizilien


Ebenso wie auf Sardinien und Ibiza beginnt Karthagos Einfluß auf Sizilien im 6. Jahrhundert. Die archäologischen Funde aus dieser Zeit deuten aber nicht auf eine kathagische "Herrschaft" hin. Was waren also die Gründe für die starke punische Präsenz – eher handels- oder machtpolitische? Sowohl Karthago als auch die bereits bestehenden westphönizischen Kolonien waren alle Handelskolonien und auf den Seehandel angewiesen, so daß der Schutz ihrer kommerziellen Interessen zu einer politischen Notwendigkeit wurde. Die immer stärker nach Expansion strebenden Griechen, die den Osten Siziliens kolonisierten, bedrohten die Sicherheit der eigenen Handelssphären. Die Anwesenheit der Karthager auf Sizilien war also nicht Teil eines imperialistischen Plans, sondern ergab sich aus der veränderten politischen Situation.

Die Beziehungen Karthagos zu den einheimischen Bewohnern Nordwestsiziliens basierten auf dem freundschaftlichen Verhältnis zwischen den phönizischen Kolonien Motye, Panormos, Solus und den Elymern. Das Gleichgewicht der friedlichen phönizisch-griechischen Coexistenz brach zum ersten Mal um 580 v. Chr. zusammen, als die griechischen Städte – allen voran Selinunt und Akragas - eine sehr aggressive Expansionspolitik betrieben und Pentathlos nach Sizilien sandten, woraufhin die phönizischen Siedlungen Karthago zu Hilfe riefen. Die folgende Beschränkung der sizilischen Siedlungen in ihrer Autonomie seitens Karthagos lag lediglich in der außenpolitischen Entscheidungsgewalt, die sie an Karthago abtreten mußten, und in der Tributpflicht.

Neben den Getreidelieferungen und Tributzahlungen Siziliens hatte die Insel auch noch einen anderen wertvollen Nutzen für die Karthager: die Nähe zu den griechischen Märkten sicherte den Städten Wohlstand und Reichtum auch in Krisenzeiten. Daß das Interesse Karthagos nach einem wirksamen Schutz der punischen Kolonien auf Sizilien und der Seewege im Vordergrund stand, dokumentiert die verstärkte karthagische Präsenz in Eryx. Bei dem Bau der Befestigungsanlagen in Eryx und deren Erweiterung waren punische Steinmetze und Baumeister am Werk, und auch die elymische Münzprägung im 5. Jahrhundert zeigt, daß die Kontakte zwischen Karthago und den Siedlungen Nordwestsiziliens fortgesetzt und intensiviert wurden.

Die Intervention der Karthager folgte wenige Jahre nach der Auseinandersetzung mit Pentathlos um 550 v. Chr. und ist mit der Person des Generals Malchus verbunden, der nach Sizilien entsandt wurde, um den "status quo ante" wiederherzustellen, und laut Iustinus (XVIII 7,1-2) "einen Teil davon unterwarf". Die letzte Intervention der Karthager auf Sizilien während des 6. Jahrhunderts steht in Zusammenhang mit der versuchten Neugründung einer griechischen Kolonie in der Gegend von Eryx durch den Spartaner Dorieus. Doch schon davor galt die Vorherrschaft der Karthager im Westen Siziliens als gesichert.


Insgesamt betrachtet wird die Sizilienpolitik Karthagos besonders dadurch charakterisiert, daß sie ein weitgehendes Desinteresse an politischen und verwaltungstechnischen Fragen der einzelnen Zentren hatte und sich hauptsächlich dem äußeren Schutz der traditionellen phönizischen Stützpunkte widmete.

 

4.2. HANDEL UND AUßENPOLITIK

4.2.1. Handelsmonopol


Wie bereits festgestellt war Karthago als phönizische Gründung vordergründig am Handel interessiert. Politische Aktivitäten der Stadt waren meist nur situativ bedingt und lediglich Re-Aktion auf gegebene oder sich verändernde Umstände, nicht eine streng vorausgeplante Expansionsstrategie, wie oft angenommen. Auch wenn die außenpolitischen Maßnahmen mit der Zeit zunahmen, stand der Handel immer im Mittelpunkt des Interesses und war oft der Grund der Aktivitäten.

"Das politische Handeln zielte vor allem darauf ab, den punischen Händlern – gewaltsam oder friedlich - das Monopol über verschiedene Märkte zu sichern." Insofern kann man feststellen, daß die Politik als solche zwar kein großes Interesse bei den Karthagern weckte, wohl aber die Möglichkeit, durch Politik den Handel und dadurch Macht und Reichtum auszubauen und zu sichern. So war "in Karthago alles erlaubt, um die beiden höchsten Güter zu gewinnen: Macht und Geld." Die Karthager waren durch ihre weitreichenden Handelsbeziehungen unschätzbare Zwischenhändler für Waren wie Erze, die im Durchgangshandel aus Spanien kamen, Zinn aus Britannien und Gold aus Senegal. Im Austausch dafür bekamen sie von Alexandria griechische Erzeugnisse, die Karthago fehlten. Der Tausch als Handelsart blieb lange Zeit bestehen, erst 404 begann Karthago Münzen zu prägen. Bis dahin stapelten sich die ungemünzten Edelmetalle barrenweise in den karthagischen Schatzkammern der öffentlichen Hand wie der Privatleute.

Durch die Erschließung wichtiger getreidereicher Kolonien im Mittelmeerraum wie Sardinien und Sizilien stieg Karthago zu einer Agrargroßmacht auf, dessen Getreide auch für Griechenland, das sich nicht selbst zu ernähren vermochte, lebensnotwendig war. Und wie andere Völker auch versuchte Karthago, die Warenströme über Zölle und Steuern für Ein- und Ausfuhr von Waren zu lenken. Das "punische Dreieck" mit den Spitzen Karthago, Sardinien und Westsizilien wuchs immer mehr zum Zentrum der karthagischen Großmacht. Denn alle Handelstreibenden, egal ob Grieche, Römer, ob Händler aus Kleinasien oder Südfrankreich, mußten die Meerenge zwischen Karthago und Sizilien passieren. Die Notiz des Strabon allerdings, die Karthager hätten jedes fremde Schiff, das sich in ihren Gewässern auf dem Weg nach Sardinien oder der Straße von Gibraltar bewegte, versenkt, ist sicherlich stark übertrieben. Eine zeitweilige Sperrung der Meerenge im 6./ 5. Jahrhundert ist nicht ganz unwarscheinlich, doch Einzelheiten dazu kennen wir leider nicht.

4.2.2. Außenpolitik als Machtpolitik?


Karthagos Macht basierte auf seiner kommerziellen und maritimen Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer; Ziel seiner Politik war es, diese zu sichern. Reichbildungsbestrebungen im engen Sinne ist bei den Karthagern, wie bereits ausgeführt, nicht zu finden. Vorherrschender Gedanke war die Sicherung der Oberhoheit im westlichen Mittelmeer, wo sie versuchten, ihre Machtsphären gegenüber Griechen und Etruskern abzugrenzen. Dies zeigt, daß der Handel im Mittelpunkt des Interesses blieb. Karthago war auch auf der Höhe seiner Macht nie ein imperialer Staat im üblichen Sinne des Wortes, sondern eher "die natürliche Beschützerin der kleinen Städte, die sich im Augenblick der Not an [sie] wendeten", wie im Falle Siziliens bereits gezeigt. Karthagos Außenpolitik verfolgte also zum einen das Ziel, in friedliche Beziehungen zu den Städten zu treten, in denen punische Händler vertreten waren; zum anderen versuchte sie die äußere Sicherheit des unter dem Schutz Karthagos stehenden Gebietes zu gewährleisten.

Im Bündnis mit den Etruskern – den stärksten Verbündeten der Karthager für lange Zeit – kämpften sie gegen die Griechen und Phokäer, um ihren Einfluß zurückzudrängen und die eigenen Märkte zu sichern. Gegen die Griechen kämpfte Malchus mit den Etruskern um 550v. Chr. auf Sizilien, denn die Griechen und insbesondere die ursprünglich aus Kleinasien stammenden, aus Massilia (Marseille) kommenden Phokäer drangen in den Metallhandel der Karthager ein und fuhren bis nach Tartessos (Tarschisch/ Tarsis), wo auch sie intensiven Handel trieben. Außerdem waren sie von Natur aus an Korsika interessiert. Dadurch waren sie in den karthagischen Handelsraum eingedrungen; und die Auseinandersetzung folgte bald, nämlich um 540 v. Chr. vor der Ostküste Korsikas in einer Seeschlacht. Die bedeutende Beziehung auch in kultureller Hinsicht zwischen Etruskern und Karthagern sind durch viele etruskische Funde belegt.

Mit der Zunahme der eigenen Bevölkerung stiegen auch Karthagos militärische Möglichkeiten. Das Ausgreifen auf die dem Vielvölker-"Staat" zugehörigen Gebiete wie das afrikanische Hinterland und die nordafrikanische Küste, Sizilien, Sardinien und Spanien brachte ein enormes Kapital an Heeresstärke mit sich, die allein mit den Karthagern nie häte erreicht werden können. Mago, der Stammvater der Magoniden und damit Kopf eines der großen Geschlechter in der karthagischen Geschichte, war derjenige, der für die "Grundlegung der karthagischen Macht das Entscheidende [dadurch] geleistet" hatte, daß er statt des bisherigen Bürgerheeres ein Söldnerheer aufstellte und das Militärwesen neu gestaltete. Die Söldner wurden in den vielen Gebieten Karthagos angeheuert, wodurch eine neue Einrichtung erschaffen wurde, die Griechen und Römer später übernehmen sollten. In Zukunft überließen die Karthager den Söldnerheeren den Schutz ihrer außenpolitischen Interessen. Die erste Erwähnung des politischen Gebildes Karthagos als "Staat" findet sich im "punisch-römischen Vertrag" aus dem Jahre 509 v. Chr.; ein Handelsabkommen, das – bezeichnenderweise – nach der Niederlage des Dorieus auf Sizilien geschlossen wurde. Der Vertrag, dessen Inhalt uns durch Polybios (III 22, 4-13) überliefert ist, regelt die jeweiligen Einflußzonen beider Seiten und bestärkt Karthagos Machtposition, die zu dieser Zeit auf ihrem Höhepunkt angelangt war.


Karthago war bestrebt, die Sicherheit seines Refugiums durch ein "organisches Bündnissystem" zu festigen. Zum Ende des 6. Jahrhunderts hatte Karthago sich eine dominierende Stellung im westlichen Mittelmeer aufgebaut und war hier zur Großmacht avanciert: es herrschte über ein Gebiet vom nordafrikanischen Festland über Sizilien, Sardinien und Ibiza bis nach Spanien.

 

 

5. RESÜMEE


Bis zur Jahrhundertwende um 500 konnte Karthago seine Selbständigkeit gegenüber der phönizischen Heimat im Osten und der griechischen Welt behaupten und schaffte es, innerhalb von gut 200 Jahren zu einer Großmacht aufzusteigen, welche ihr Imperium durch geschickte Bündnis- und Wirtschaftspolitik zu behaupten verstand. Doch das Interessante daran ist eigentlich, daß immer ein einziger Grund für seine gesamten Aktivitäten im Mittelpunkt stand: der Handel als Tradition der ursprünglichen Heimat und Quelle für Macht und Reichtum, der jedoch nie ein zielstrebiges imperialistisches Gebahren offenbart. Darin mag auch der Grund für den späteren Zusammenbruch liegen, als Karthago sich einem Staat wie Rom gegenübergestellt sah.

Es bleibt festzustellen, daß Karthago alle Voraussetzungen zu einem großen Staatswesen bot und den Grundsatz der örtlichen Autonomien gut zu verwirklichen wußte. Sein merkantilischer Ursprung und die typsche Stadtorganisation erlaubten ihm aber keineswegs, diese Voraussetzungen bis zum Auf- und Ausbau eines starken und beständigen Imperiums weiterzuentwickeln.


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Bibliographie:


AMELING, Walter: Karthago. Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft, München 1993.

BONDI, Sandro Filippo: Zu einigen Aspekten der phönikisch-punischen Durchdringung Siziliens, in: Huß, Werner: Katrhago, Darmstadt 1992.

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GRIMAL, Pierre (Hg.): Der Hellenismus und der Aufstieg Roms. Die Mittelmeerwelt im Altertum II, Bd. 6, Frankfurt am Main 1965.

HANS, Linda-Marie: Karthago und Sizilien. Die Entstehung und Gestaltung der Epikratie auf dem Hintergrund der Beziehungen der Karthager zu den Griechen und den nicht-griechischen Völkern Siziliens (VI. - III. Jahrhundert v. Chr.), Hildesheim/ Zürich/ New York 1983.

HUß, Werner : Geschichte derKarthager, in: Bengtson, Hermann (Hg.): Handbuch der Altertumswissenschaft, 3. Abteil., 8. Teil, München 1985.

HUß, Werner: 295-96, s. u. Karthago, in: Cancik, Hubert; Schneider, Helmuth (Hg.), Der Neue Pauly, Bd. 6, Weimar/ Stuttgart 1999.

KRINGS, Veronique: Catrhage et les Grecs c. 580-480 av. J.-C.. Textes et histoire, Leiden/ Boston/ Köln 1998.

MOSCATI, Sabatino: Die Phöniker. Von 1200 vor Christus bis zum Untergang Karthagos, Zürich 1966.

OLDFATHER, C. H.: Diodorus of Sicily. The Library of History, Books IV.59-VIII, Cambrige/ London 1993.

ROSCHINSKI, Hans P.: Die punischen Inschriften, in: Huß, Werner (Hg.): Karthago, Darmstadt 1992.

 

Autor: Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: Karthago (PS) WS 2000/ 01 (D: Zimmermann)
Benotung: 2,3


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