Die
Fassungen A und D des Laurintextes im Vergleich einschließlich einer Betrachtung
des Verhältnisses zwischen den Figuren der Kühnhilt und des Laurins | |
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1. Einleitung
Grundlegend muß man unterscheiden zwischen
der historischen und der märchen- bzw. aventiurehaften Dietrichepik. Im Gegensatz
zur historischen Helden- und damit auch Dietrichdichtung sind in der aventiurehaften
Heldendichtung in der Handlung kaum historisch faßbare Ereignisse zu finden.
Außer den Namen der Hauptgestalten wie Dietrich von Bern sowie denen der
wichtigsten Handlungsorte (z.B. im Laurin der "tiroldes walde")
ist kaum etwas Greifbares nachzuweisen. Aus den Namen der Gegner - in diesem Fall
König Laurin und sein Zwergenvolk - ergeben sich keine historischen Anknüpfungspunkte.
Mangelnde historische Wurzeln der Kämpfe zeigen sich in solchen gegen Riesen
oder Zwerge. Der Laurin ist aufgrunddessen der Gruppierung der aventiurehaften
Dietrichepik innerhalb der Gattung Heldenepik zuzurechnen.
2.2. Entwicklung verschiedener Fassungen und Textveränderung In
der Heldenepik fällt eine starke Instabilität hinsichtlich der Gestaltung
der Texte auf. Der Laurin ist heute in 17 Handschriften und 11 Drucken überliefert,
welche von Heinzle in fünf Gruppen aufgeteilt wurden. Betrachtungsgegenstand
dieser Hausarbeit sollen jedoch nur die Textfassungen A und D (nach Holz) sein.
Die
Handlungsstruktur der aventiurehaften Heldenepik erscheint als einsträngiges,
aufreihendes Erzählen, welches gelegentlich kontrastiert wird, allerdings
ohne viele Nebenhandlungen und Kausalzusammenhänge zu entwickeln. Im Falle
des Laurin in den Fassungen A und D findet sich diese Reihung der Geschehnisse
ebenfalls, auch Nebenhandlungen sind kaum zu finden. Lediglich in der D-Fassung
kann man zu Anfang von zweisträngigem Erzählen sprechen, da einerseits
zu Beginn von der Entführung Kühnhilts/ Similtts berichtet wird, andererseits
kurz darauf vom Aufbruch in den Rosengarten aufgrund der Aventiure, ohne vorerst
einen Kausalzusammenhang zwischen diesen beiden zu entwickeln. Dies liegt in der
Besonderheit des Laurin, da dieser zwei verschiedene Erzählschemata verwendet,
wodurch der Eindruck des zweisträngigen Erzählens entsteht. Es handelt
sich hier um eine "Doppelaventiure" , die sich des Befreiungs- und des
Herausforderungsschemas bedient. Ab dem Aufbruch zum Rosengarten wird das Geschehen als Aventiure perspektiviert - er erfolgt nur wegen der êre. Das Verlangen nach der Steigerung der êre stellt die Triebkraft der Aventiure dar und ist durch sie motiviert. Dadurch wird auch das eigentliche Fehlverhalten der Berner im Rosengarten legitimiert. Dies ist auch der Grund dafür, warum die Rosengartenaventiure keine Befreiungsaventiure sein kann, da die Motivation zum Aufbruch gen Tirol nicht in Kühnhilts Befreiung - von deren Entführung der Leser in A erst im Rosengarten erfährt - sondern eben nur in der êre-Steigerung begründet liegt. In der Fassung D stellt der Verfasser die Entführung Kühnhilts durch Laurin voran, schließt daran aber analog zur Fassung A mit der êre-motivierten Rosengartenaventiure an. Hier zeigt sich wieder die strukturelle Offenheit und der Versuch, diese zu nutzen. Der Verfasser baut die eingeschlagene Richtung jedoch nicht aus. Der Grund ist darin zu suchen, daß der Text durch die Doppelaventiure bestimmt ist. Daraus resultiert das Problem, die Ausfaltung eines Strukturmodells innerhalb des relativ kurzen Textes umzusetzen. Die besondere poetische Machart des Laurin, die schematische Kombination vorgeprägter und deshalb eigengewichtiger Erzählmodelle, werden auch in D nicht vollkommen zu einem geschlossenen Gesamtzusammenhang integriert. Der Zusammenhang zwischen Textstruktur und Textentfaltung findet sich auch bei den übrigen aventiurehafte Dietrichepen. Es ist davon auszugehen, daß der Text der Fassung A dem Verfasser von D vorgelegen hat, da er zum großen Teil Passagen von A übernimmt, diese nur teilweise verändert oder Passagen hinzufügt. Diese Fassung ist im Vergleich zu A jedoch zu einer mehr "abgeschlossenen Erzählung" geworden als A, die erweitert und sprachlich geglättet wurde. "Bei aller Wertschätzung für diesen Text ist [jedoch] unbestreitbar, daß der Autor zwar durchaus bewußt und sicher arbeitet, seine Mittel dagegen handwerkliches Mittelmaß zeigen."
Der Prolog in der Fassung
A beinhaltet an erster Stelle Aussagen über Dietrich von Bern als Lob der
Person: er wird als wunderküene man (V 8)beschrieben, der ân
alle schande (V 9) sei. Dem folgt das Lob von Dietrich als Funktion für
seine Untergebenen, denen er êre unde vrümekeit (V 15) vorlebt.
Daraufhin treten eben diese auf und wiederholen - nun in aktiver, erzählender
Weise - das Lob auf Dietrich als den edeln Bernaer lobesam (V 20). An
dieser Stelle bricht der Prolog ab und geht in die Handlung über, in welcher
das bereits Gesagte verdopppelt wird. Dieses als Prolog dienende Fürstenlob
ist als solcher nur dank seiner Stellung erkennbar. In der Fassung D kann er daher
nur mit leichten Veränderungen nach der Vorgeschichte wieder auftauchen.
Dort wird nach dem Bericht über die Entführung Kühnhilts und der
Übergangspassage fast wortgetreu zu A der nicht mehr als Prolog fungierende
Teil übernommen. Das Befreiungsschema, welches durch die Vorgeschichte erweitert
wird, führt der Autor aber nicht fort, sondern bricht es ab, um dem des Herausforderungsschemas
zu folgen, wie es in A vorgegeben ist. Das Ende der ersten Aventiure ist durch die Versöhnung der Berner mit Laurin gesetzt. Mit dem Zug in den Berg ist die Aventiure jedoch noch allgemein - worum es geht, ist noch nicht entschieden. Eigentlich müßte von der Erzählstruktur her nun die Handlung im Rahmen des Befreiungsschemas aufgehen. Doch Heinzle sieht hier zunächst die Schablone der verräterischen Einladung, da Laurin sich für seine erlittene Schmach durch Dietrich im Garten rächen will. Für Meyer hingegen ist der Einzug der Berner in das Reich Laurins eher durch das Motiv des êre-Erhalts oder dessen Vermehrung motiviert, außerdem durch Neugierde auf das Zwergenreich und auch durch ein gewisses politisches Interesse an der Festigung der Beziehung Laurins und Dietrichs. Durch den Auftritt Kühnhilts im Berg scheint der Wechsel zum Befreiungsschema vollzogen. Doch die folgenden Auseinandersetzungen sind nicht durch die bevorstehende Rettung Kühnhilts, sondern den Rachegedanken Laurins motiviert. Kühnhilds Befreiung ergibt sich zum Schluß fast von selbst. Mit der Heterogenität der Erzählmodelle hängt eine Doppeldeutigkeit in der Zeichnug der beiden Parteien zusammen. Die anfängliche Negativzeichnug der Berner im ersten Teil durch das unrechtmäßige Zerstören des Rosengartens wird im zweiten durch die Schemata des Betrugs und des Frauenraubmotivs im Rahmen des Befreiungsschemas umgekehrt und legitimiert die Tat nachträglich als gerechte Bestrafung eines Bösewichts.
Die Figur
des Laurin "schwankt zwischen Hinterhältigkeit und Vornehmlichkeit".
Auf der einen Seite ist Dietrich von Bern in der A-Fassung deshalb bereit, gegen
Laurin anzutreten, da dieser ihm als würdiger Gegner, als künec
lobesam und degen hêrlich, beschrieben wird. Andererseits
wird er im Verlauf des Erzählens zum Bösewicht. Der Autor der Fassung D kann durch die an den Beginn gestellte Entführungsszene die Negativzeichnung geradliniger ausbauen. Zu Beginn des Kampfes wird die zahlenmäßige Übermacht Laurins geschildert und führt in seiner Kampfesrede zum einzigen explizit festgehaltenen Vergehen gegen die Berner: er bricht sein Wort, welches er Kühnhilt gab. Da die Negativzeichnung der Berner nicht in den Gattungshorizont paßt, muß diese kompensiert werden. Das ist die Funktion des zweiten Teils: durch Betrugsmotiv und verräterische Einladung sowie dem Frauenraubmotiv im Rahmen des Befreiungsschemas erreicht der Verfasser die Positivzeichnung der Dietrichmannen. Das Interessante der Fassung D ist die Strafwürdigkeit Laurins, die mit dem Wortbruch begründet wird (v2756ff.), obwohl durch die Vorgeschichte das Befreiungsmotiv stärker akzentuiert ist. Der Verfasser von A rückt Laurin in den Mittelpunkt; die Wertung von Gegner und Held wird zunächst umgekehrt und beide lange in einer sich der Wertung entziehenden Weise dargestellt. Erst am Ende entsteht für Laurin ein "negativer Sog" , der dessen Handeln definiert - er wird durch die Untergangsstruktur inseriert.
Der erste Auftritt von Kühnhilt findet sich in der
Fassung A erst im zweiten Handlungsteil, nämlich in Laurins Berg-Reich im
Rahmen eines Hoffestes. Ihre Beschreibung läßt vermuten, daß
es ihr gut geht, was sie selbst ihrem Bruder auf dessen Nachfrage bestätigt.
Interessanterweise werden die Berner von Kühnhilt als der edeln küneginne
rîch (V 1050) empfangen. Und ihr herze ist aller vröuden vol
(V 1085); das Einzige, was sie stört, ist das Heidentum der Zwerge: "ich
waer gerne bî der kristenheit" (V 1094). In der Fassung D wird
sie (hier Similtt genannt) und ihr Äußeres Erscheinungsbild ausführlicher
beschrieben: sie trägt rîch wat an von pfeller vnd von side und
auch dz best gesmide (V 999f.), was ihre Stellung als Königin am Hofe
Laurins noch unterstreicht. Sie wirkt nicht so, als ob sie Opfer wäre.
Über
die Beziehung zwischen Laurin und Kühnhilt kann man leider eher Vermutungen
anstellen und anhand sehr weniger Textstellen versuchen, dieses herauszulesen.
In jedem Fall kommt man zu dem Eindruck, das Verhältnis als ein Vertrauensverhältnis
aufzufassen. In der Fassung A ist dies etwas unmotiviert, da die Vertrautheit
der beiden , wie sie im Berg gezeigt wird, kaum zu erklären ist. Denn nach
Laurins Aussage liegt die Entführung (in dieser Fassung) erst drei Tage zurück.
Die Fassung D löst dieses Problem, indem sie Dietleip ein sich ein halbes
Jahr am Hofe Hildebrands aufhalten läßt, bevor es zur Rosengartenaventiure
und zur Befreiung Kühnhilts kommt. Aufgrund des Zeitraumes eines halben Jahres
ist ein mögliches Vertrauensverhältnis zwischen Laurin und Kühnhilt
eher denkbar.
Wie sich gezeigt hat, ist der Laurin als Text eine sehr variable Dichtung der Dietrichepik. Durch Veränderungen werden immer wieder neue Anstöße für die Entwicklung der Handlung gegeben, die sich auch auf die einzelnen Figuren Laurin und Kühnhilt - wie hier untersucht - auswirken. Die Fassung A als der älteste überlieferte Text hat noch sehr mit den Problemen der verschiedenen Schemata und der daraus resultierenden Motivation zu kämpfen. In der Fassung D erscheint der Versuch, die Divergenzen der verschiedenen Motivationsmomente bewußter zu führen, gelungener als in A. Dem Verfasser einer Version gelingt das Umgestalten und Anders-Akzentuieren besser, dem anderen schlechter, aber der Text bleibt immer lebendig; bietet immer wieder neue Möglichkeiten, ihn weiterzuentwickeln - auch wenn dies in der Textgeschichte nicht bis an seine möglichen Grenzen gestoßen ist. Dennoch läßt sich der Laurin immer noch als sagenhaftes Märchen (vor)lesen, um danach verzaubert einzuschlafen. | |
| Literaturverzeichnis
Verwendete Fassungen Fassung A: Laurin. Sekundärliteratur Weitere Literatur Spiewok, W., Buschinger, D:: Der Held in historischer Realität in der Sage und in der mittelalterlichen Literatur, Greifswalder Beiträge zum Mittelalter. Tagungsbände und Sammelschriften, Greifswald 1996 Autor: Ricarda
D. Herbrand
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