Die Fassungen A und D des Laurintextes im Vergleich einschließlich einer Betrachtung des Verhältnisses zwischen den Figuren der Kühnhilt und des Laurins

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Inhalt


1. Einleitung
2. Einordnung des Laurin in die Dietrich-Epik
2.1. literarischer Typus und Bedeutung des Textes
2.2. Entwicklung verschiedener Fassungen und Textveränderung
2.3. Struktur und Aufbau der Fassungen A und D
3. Die Fassungen A und D allgemein im Vergleich
4. Die Figuren des Laurins und der Kühhilt
4.1. Laurin
4.2. Kühnhilt
4.3. Beziehung Laurin-Kühnhilt
5. Resümee

 

1. Einleitung


Die Geschichte des Zwergenkönigs Laurin in seinem Reich der Berge und Wälder kann man als abenteuerliches Märchen lesen. Man kann aber auch viel mehr darin entdecken als nur das Märchenhafte. Wenn man den Laurin liest, stellt man fest, daß er etwas "holprig" wirkt. Aber warum? Konnte der Verfasser es nicht besser? Und warum passieren so viele Dinge ohne Grund?
Diese Hausarbeit möchte sich mit den Fassungen A und D des Laurin auseinandersetzen, hinsichtlich Veränderungen in Aufbau und Textstruktur in Laurin D und deren Gründe. Außerdem sollen auch die Figuren des Laurin und der Kühnhilt und ihr Verhältnis zueinander betrachtet werden.


2. Einordnung des Laurin in die Dietrich-Epik
2.1. literarischer Typus und Bedeutung des Textes

Grundlegend muß man unterscheiden zwischen der historischen und der märchen- bzw. aventiurehaften Dietrichepik. Im Gegensatz zur historischen Helden- und damit auch Dietrichdichtung sind in der aventiurehaften Heldendichtung in der Handlung kaum historisch faßbare Ereignisse zu finden. Außer den Namen der Hauptgestalten wie Dietrich von Bern sowie denen der wichtigsten Handlungsorte (z.B. im Laurin der "tiroldes walde") ist kaum etwas Greifbares nachzuweisen. Aus den Namen der Gegner - in diesem Fall König Laurin und sein Zwergenvolk - ergeben sich keine historischen Anknüpfungspunkte. Mangelnde historische Wurzeln der Kämpfe zeigen sich in solchen gegen Riesen oder Zwerge. Der Laurin ist aufgrunddessen der Gruppierung der aventiurehaften Dietrichepik innerhalb der Gattung Heldenepik zuzurechnen.
Der Entstehungszeitraum der ältesten überlieferten Fassung A (nach Holz) des Laurintextes liegt wohl vor dem Ende des 13. Jahrhunderts, der Entstehungsort wird in der Gegend seiner Schauplätze vermutet. Die spätesten Fassungen zeigen in das 16.Jahrhundert. Die für die aventiurehafte Dietrichepik des hohen Mittelalters typische strophische Form findet sich nicht bei Laurin. Er ist einer der Texte innerhalb der aventiurehaften Dietrichepik, welcher in Reimpaaren abgefaßt ist. Dies verschafft ihm eine Sonderstellung. Reimpaardichtungen sind eigentlich typisches Gattungsmerkmal der höfischen Dichtungen. Diese Abweichung kann eine Zufälligkeit oder programmatische Abweichung des Dichters sein.
Auffällig ist die prinzipielle Anonymität der Autoren in der Heldenepik. Im Vergleich dazu sind die höfischen Dichtungen in den meisten Fällen unter dem Namen ihres Verfassers bekannt und überliefert. Die Anonymität seines Verfassers gilt auch für den Laurin, wenn auch in einigen seiner späten Handschriften und Drucke Heinrich von Ofterdingen als sein Dichter genannt sein soll. Die Anonymität scheint gattungsbedingt und gar gattungsimmanent. Der Grund dafür aber liegt in der Bedeutung oder Funktion der Heldenepik sowohl für den Künstler als auch das Publikum: sie war nicht hauptsächlich ästhetisch gewertete Kunst, sondern erfüllte eher die Funktion, die Zeitgenossen über die Vorzeit zu unterrichten. Die Verfasser sahen sich selbst weniger als Schöpfer denn als "Träger eines Traditionszusammenhanges, an dem sie teilhaben und den sie [...]weitergeben".

 

2.2. Entwicklung verschiedener Fassungen und Textveränderung

In der Heldenepik fällt eine starke Instabilität hinsichtlich der Gestaltung der Texte auf. Der Laurin ist heute in 17 Handschriften und 11 Drucken überliefert, welche von Heinzle in fünf Gruppen aufgeteilt wurden. Betrachtungsgegenstand dieser Hausarbeit sollen jedoch nur die Textfassungen A und D (nach Holz) sein.
Die verschiedene Ausgestaltung des Laurin in den überlieferten Fassungen sind auf die strukturelle Offenheit zurückzuführen, die in den später verfaßten Texten ausgebaut wurde. Darauf wird hinsichtlich der Fassungen A und D ausführlicher in Kapitel 2.3. einzugehen sein. Diese Erscheinung spielt in der Überlieferung der Texte eine beachtliche Rolle, Veränderungen der diversen Fassungen entstehen durch Bearbeitung älterer Fassungen nach dem Prinzip der "Erweiterung" oder "Verkürzung", durch "Verschmelzung" (also Kontamination) oder Umschmelzung" (nach Schneider) . Gründe für Veränderungen können teils "einfache Fabulierlust" aber auch wohlüberlegte technische, inhaltliche oder formale Gründe sein. Durch diese offene Struktur wird im Laurin eine Multifunktionalität erreicht, die sich in den immer wieder offenen Handlungssträngen zeigt, deren Möglichkeiten in der Textgeschichte allerdings nie voll ausgeschöpft wurden.



2.3. Struktur und Aufbau der Fassungen A und D

Die Handlungsstruktur der aventiurehaften Heldenepik erscheint als einsträngiges, aufreihendes Erzählen, welches gelegentlich kontrastiert wird, allerdings ohne viele Nebenhandlungen und Kausalzusammenhänge zu entwickeln. Im Falle des Laurin in den Fassungen A und D findet sich diese Reihung der Geschehnisse ebenfalls, auch Nebenhandlungen sind kaum zu finden. Lediglich in der D-Fassung kann man zu Anfang von zweisträngigem Erzählen sprechen, da einerseits zu Beginn von der Entführung Kühnhilts/ Similtts berichtet wird, andererseits kurz darauf vom Aufbruch in den Rosengarten aufgrund der Aventiure, ohne vorerst einen Kausalzusammenhang zwischen diesen beiden zu entwickeln. Dies liegt in der Besonderheit des Laurin, da dieser zwei verschiedene Erzählschemata verwendet, wodurch der Eindruck des zweisträngigen Erzählens entsteht. Es handelt sich hier um eine "Doppelaventiure" , die sich des Befreiungs- und des Herausforderungsschemas bedient.
Der Laurin teilt sich in zwei Handlungsabschnitte: zu Beginn die Aventiure im Rosengarten und im Anschluß daran die Aventiure im holn berg. Die Fassung A ist in sich heterogen, stellenweise sogar widersprüchlich, was der Verfasser der D-Fassung versucht hat, zu verbessern.
Während der erste Erzählstrang deutlich aventiurehafte Züge trägt, verläuft der zweite nach dem Heldenschematypus des Zwergenkampfes mit Jungfrauenbefreiung, wobei dieses Befreiungsschema noch genauer betrachtet werden muß. Generell wird mit Handlungsschemata gearbeitet, welche auch gattungskonstituierend sein können. Außerdem können solche Schemata - wie im Laurin - neben- und übereinandergesetzt werden; stellenweise ohne Rücksicht auf einen geschlossenen Motivierungszusammenhang. Hinzu kommen austauschbare Schablonen, wie die Variante des Herausforderungsschemas am Beginn des Laurin, welche besonders leicht ausgetauscht oder hinzugefügt werden können.

Ab dem Aufbruch zum Rosengarten wird das Geschehen als Aventiure perspektiviert - er erfolgt nur wegen der êre. Das Verlangen nach der Steigerung der êre stellt die Triebkraft der Aventiure dar und ist durch sie motiviert. Dadurch wird auch das eigentliche Fehlverhalten der Berner im Rosengarten legitimiert. Dies ist auch der Grund dafür, warum die Rosengartenaventiure keine Befreiungsaventiure sein kann, da die Motivation zum Aufbruch gen Tirol nicht in Kühnhilts Befreiung - von deren Entführung der Leser in A erst im Rosengarten erfährt - sondern eben nur in der êre-Steigerung begründet liegt. In der Fassung D stellt der Verfasser die Entführung Kühnhilts durch Laurin voran, schließt daran aber analog zur Fassung A mit der êre-motivierten Rosengartenaventiure an. Hier zeigt sich wieder die strukturelle Offenheit und der Versuch, diese zu nutzen. Der Verfasser baut die eingeschlagene Richtung jedoch nicht aus. Der Grund ist darin zu suchen, daß der Text durch die Doppelaventiure bestimmt ist. Daraus resultiert das Problem, die Ausfaltung eines Strukturmodells innerhalb des relativ kurzen Textes umzusetzen. Die besondere poetische Machart des Laurin, die schematische Kombination vorgeprägter und deshalb eigengewichtiger Erzählmodelle, werden auch in D nicht vollkommen zu einem geschlossenen Gesamtzusammenhang integriert. Der Zusammenhang zwischen Textstruktur und Textentfaltung findet sich auch bei den übrigen aventiurehafte Dietrichepen.

Es ist davon auszugehen, daß der Text der Fassung A dem Verfasser von D vorgelegen hat, da er zum großen Teil Passagen von A übernimmt, diese nur teilweise verändert oder Passagen hinzufügt. Diese Fassung ist im Vergleich zu A jedoch zu einer mehr "abgeschlossenen Erzählung" geworden als A, die erweitert und sprachlich geglättet wurde. "Bei aller Wertschätzung für diesen Text ist [jedoch] unbestreitbar, daß der Autor zwar durchaus bewußt und sicher arbeitet, seine Mittel dagegen handwerkliches Mittelmaß zeigen."

 


3. Die Fassungen A und D allgemein im Vergleich

Der Prolog in der Fassung A beinhaltet an erster Stelle Aussagen über Dietrich von Bern als Lob der Person: er wird als wunderküene man (V 8)beschrieben, der ân alle schande (V 9) sei. Dem folgt das Lob von Dietrich als Funktion für seine Untergebenen, denen er êre unde vrümekeit (V 15) vorlebt. Daraufhin treten eben diese auf und wiederholen - nun in aktiver, erzählender Weise - das Lob auf Dietrich als den edeln Bernaer lobesam (V 20). An dieser Stelle bricht der Prolog ab und geht in die Handlung über, in welcher das bereits Gesagte verdopppelt wird. Dieses als Prolog dienende Fürstenlob ist als solcher nur dank seiner Stellung erkennbar. In der Fassung D kann er daher nur mit leichten Veränderungen nach der Vorgeschichte wieder auftauchen. Dort wird nach dem Bericht über die Entführung Kühnhilts und der Übergangspassage fast wortgetreu zu A der nicht mehr als Prolog fungierende Teil übernommen. Das Befreiungsschema, welches durch die Vorgeschichte erweitert wird, führt der Autor aber nicht fort, sondern bricht es ab, um dem des Herausforderungsschemas zu folgen, wie es in A vorgegeben ist.
Nach dem Lob der Vasallen, welches Dietrich auch vernommen, tritt Hildebrand hinzu und berichtet von König Laurin und der getwerge aventiure (V 30), die Dietrich nicht kennt und somit seine êre noch nicht vollkommen scheint. Hier greift das Herausforderungsschema mit Kampfreizung, in der Hildebrand als Abenteuervermittler fungiert.
Der dann folgende Aufbruch zu Laurins Rosengarten steht ganz im Zeichen des Herausforderungsschemas. Hierzu muß erwähnt werden, daß Witege als Motor der Rosengartenaventiure funktioniert, indem er nach der Ankunft beginnt, den Garten ohne Grund zu zerstören. Das Unrecht der Berner im Rosengarten wird durch die Aventiure nicht ausreichend legitimiert. Es braucht noch einen weiteren Grund zur völligen Exkulpation Dietrichs (und Witeges), deren unritterliches Verhalten im Kontrast zu dem Lob im Prolog steht. Als Laurin nach dem Kampf besiegt um sein Leben fleht, welches Dietrich ihm nicht lassen will, wendet sich Laurin an den, plötzlich und vorerst grundlos aufgetauchten, Dietleip, dessen Schwester er - so erfährt der überraschte Leser - entführt habe und die immer noch in seinem Berg sei. Hier sind die Schemata der Herausforderung und der Befreiung übereinandergesetzt. Dietleips Schwester Kühnhilt wird im Nachhinein zur Legitimation für den Angriff der Berner gegen Laurin, wenn auch, wie Meyer richtig bemerkt, das Befreiungsschema ansonsten "oft in Vergessenheit gerät", und zum Ende "nur in der allgemeinen Befreiung der Helden verwendet wird". An dieser Nahtstelle des Laurin jedoch greift dieses Schema und erfüllt seine Funktion als Kompensation der negativen Ausgangstat zuvor.
Anders als in der Fassung A kommt in D Laurin die Idee, Kühnhilt als As auszuspielen, nicht aus heiterem Himmel, sondern wird vom Verfasser durch Einfügen der Gedankengänge Laurins vor seiner Äußerung eingeführt.
Der durch Laurins Geständnis folgende Schemawechsel weg vom Herausforderungsschema hin zum Befreiungsschema gelingt nicht ohne Mühe. Die Schemaerwartung der Befreiung wird sofort enttäuscht, indem Dietleip sich bereit erklärt, seine Schwester Laurin ohne weiteres zur Frau zu geben. Somit ist der anschließende Zug der Berner in den Berg nicht als Befreiungsaktion zu sehen; er ist aus dem alten heldenepischen Schema der verräterischen Einladung motiviert. Der zweifellos problematische Übergang zwischen den Handlungsteilen war dem Dichter der Fassung D augenscheinlich bewußt. Die möglichst weitgreifende Einführung von Figuren aus dem zweiten Handlungsteil in den ersten ist die vom Dichter der D-Fassung gewählte Methode der Verklammerung durch die Figuren. Das Ergebnis der Vorgeschichte ist allerdings nur, daß Dietleip (und dadurch auch Hildebrand) vom Rosengarten mehr weiß als Dietrich. Schließlich wird auch hier die personale Verknüpfung beibehalten und nicht zu einer funktionalen umgewandelt, in der der Text insgesamt als Befreiungsaventiure perspektiviert würde.

Das Ende der ersten Aventiure ist durch die Versöhnung der Berner mit Laurin gesetzt. Mit dem Zug in den Berg ist die Aventiure jedoch noch allgemein - worum es geht, ist noch nicht entschieden. Eigentlich müßte von der Erzählstruktur her nun die Handlung im Rahmen des Befreiungsschemas aufgehen. Doch Heinzle sieht hier zunächst die Schablone der verräterischen Einladung, da Laurin sich für seine erlittene Schmach durch Dietrich im Garten rächen will. Für Meyer hingegen ist der Einzug der Berner in das Reich Laurins eher durch das Motiv des êre-Erhalts oder dessen Vermehrung motiviert, außerdem durch Neugierde auf das Zwergenreich und auch durch ein gewisses politisches Interesse an der Festigung der Beziehung Laurins und Dietrichs. Durch den Auftritt Kühnhilts im Berg scheint der Wechsel zum Befreiungsschema vollzogen. Doch die folgenden Auseinandersetzungen sind nicht durch die bevorstehende Rettung Kühnhilts, sondern den Rachegedanken Laurins motiviert. Kühnhilds Befreiung ergibt sich zum Schluß fast von selbst.

Mit der Heterogenität der Erzählmodelle hängt eine Doppeldeutigkeit in der Zeichnug der beiden Parteien zusammen. Die anfängliche Negativzeichnug der Berner im ersten Teil durch das unrechtmäßige Zerstören des Rosengartens wird im zweiten durch die Schemata des Betrugs und des Frauenraubmotivs im Rahmen des Befreiungsschemas umgekehrt und legitimiert die Tat nachträglich als gerechte Bestrafung eines Bösewichts.

 


4. Die Figuren des Laurins und der Kühhilt
4.1. Laurin

Die Figur des Laurin "schwankt zwischen Hinterhältigkeit und Vornehmlichkeit". Auf der einen Seite ist Dietrich von Bern in der A-Fassung deshalb bereit, gegen Laurin anzutreten, da dieser ihm als würdiger Gegner, als künec lobesam und degen hêrlich, beschrieben wird. Andererseits wird er im Verlauf des Erzählens zum Bösewicht.
Das erste Erscheinen Laurins im Rosengarten und dessen Beschreibung steht in keinem Verhältnis zum bisherigen Verlauf der Handlung. Die Beschreibung seines Aufzuges als herre, als prächtiger Ritter, erstreckt sich über knapp 80 Verse (V151-230). Hierdurch wird Laurin nicht nur als ebenbürtiger Gegner Dietrichs aufgebaut, sondern auch - bedingt durch das ihm widerfahrene Unrecht - im Kontrast zu den Bernern in den Mittelpunkt und ein sehr positives Licht gerückt. Er ist wütend und fordert als Pfand der beiden rehten vuos, und linken hant (V 262), versucht also, den Rittern aus Bern regelgerechtes Verhalten beizubringen. Daß er die Zerstörer als tôren (V 251)schilt, steht im Feld der Ambivalenz zwischen Wut über den zerstörten Besitz und dem Bewußtsein des Zwanghaften, dem Aventiuregemäßen der folgenden Handlung, die in der Verstümmelung der Angreifer enden soll. Doch damit wechselt sofort die Bewertung von Dietrichs und Witeges Unrecht zur Verstümmelungsdrohung; die Rechtspositionen verkehren sich. Spätestens durch Laurins Geständnis, Dietleips Schwester entführt zu haben, wird er in die Unrechtsposition gesetzt. Im zweiten Handlungsteil kommt der Wortbruch Laurins hinzu, der ihn nun fast zum vollständigen Bösewicht macht. Nur eines läßt er sich nicht zu schulden kommen: auf die Frage hin, ob Kühnhilt noch "virgo intacta" sei, bejaht Laurin dies vehement. Dies ist ein Umstand, der auf Laurins zivilisiertes Verhalten hindeutet , wodurch er bis zum Schluß in gewisser Weise seine êre als Ritter behält. Nur durch seine Unritterlichkeit im Wortbruch und das Motiv des verräterischen Zwergs gelingt es, ihn "ins Zwielicht zu setzen und die Berner positiv erscheinen zu lassen".
Es ist also ein Wandel in der Figur des Laurin vom positiv-ritterlichen künec lobesam hin zum wortbrecherischen Jungfrauenräuber festzustellen. Dennoch wird Laurin nicht pauschal als negative Figur weitergeführt: das Vorgehen gegen die Berner wird ihm nicht einmal von Kühnhilt verwehrt, die eigentlich in Laurins Zwergenreich eine Art Vertretung der Außenwelt darstellt. Dadurch wird Laurin in gewisser Weise entlastet. Das Resultat des Hoffestes ist der vollständige Wandel von positiver zu negativer Figur, ohne daß ihm konkretes Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Selbst sein Heidentum kann ihm nicht explizit vorgehalten werden, da er sich den ritterlichen Normen entsprechend verhält.

Der Autor der Fassung D kann durch die an den Beginn gestellte Entführungsszene die Negativzeichnung geradliniger ausbauen. Zu Beginn des Kampfes wird die zahlenmäßige Übermacht Laurins geschildert und führt in seiner Kampfesrede zum einzigen explizit festgehaltenen Vergehen gegen die Berner: er bricht sein Wort, welches er Kühnhilt gab. Da die Negativzeichnung der Berner nicht in den Gattungshorizont paßt, muß diese kompensiert werden. Das ist die Funktion des zweiten Teils: durch Betrugsmotiv und verräterische Einladung sowie dem Frauenraubmotiv im Rahmen des Befreiungsschemas erreicht der Verfasser die Positivzeichnung der Dietrichmannen. Das Interessante der Fassung D ist die Strafwürdigkeit Laurins, die mit dem Wortbruch begründet wird (v2756ff.), obwohl durch die Vorgeschichte das Befreiungsmotiv stärker akzentuiert ist. Der Verfasser von A rückt Laurin in den Mittelpunkt; die Wertung von Gegner und Held wird zunächst umgekehrt und beide lange in einer sich der Wertung entziehenden Weise dargestellt. Erst am Ende entsteht für Laurin ein "negativer Sog" , der dessen Handeln definiert - er wird durch die Untergangsstruktur inseriert.


4.2. Kühnhilt

Der erste Auftritt von Kühnhilt findet sich in der Fassung A erst im zweiten Handlungsteil, nämlich in Laurins Berg-Reich im Rahmen eines Hoffestes. Ihre Beschreibung läßt vermuten, daß es ihr gut geht, was sie selbst ihrem Bruder auf dessen Nachfrage bestätigt. Interessanterweise werden die Berner von Kühnhilt als der edeln küneginne rîch (V 1050) empfangen. Und ihr herze ist aller vröuden vol (V 1085); das Einzige, was sie stört, ist das Heidentum der Zwerge: "ich waer gerne bî der kristenheit" (V 1094). In der Fassung D wird sie (hier Similtt genannt) und ihr Äußeres Erscheinungsbild ausführlicher beschrieben: sie trägt rîch wat an von pfeller vnd von side und auch dz best gesmide (V 999f.), was ihre Stellung als Königin am Hofe Laurins noch unterstreicht. Sie wirkt nicht so, als ob sie Opfer wäre.
Sie wird jedoch in D in die Opfer-Rolle gedrängt, erreicht durch eine Erweiterung des Schlußes und durch eine Rede an sie, in der ihr die freudige Nachricht ihrer Befreiung überbracht wird. Unterstützt wird das durch Zeichnung des Bildes von Similtt zu Beginn des Laurin. Als der Zwerg sie entführt, fragt sie ihn, ob ihr Bruder sie an Laurin gegeben hätte, damit er sie eheliche. Wenn dies so sei, wäre sie bereit, mit ihm zu gehen. Hierin kann man die Stellung der Frau im Mittelalter in der vom Patriarchiat geprägten Gesellschaft und damit die Unterordnung der Frau unter den Mann (sei es Ehemann, Vater oder Bruder) erkennen, die hier schon eine gewisse Opferrolle im Voraus implizieren könnte.
Zum Schluß der Fassung A jedoch ergibt sich ihre "Befreiung" nebenbei von selbst.


4.3. Beziehung Laurin-Kühnhilt

Über die Beziehung zwischen Laurin und Kühnhilt kann man leider eher Vermutungen anstellen und anhand sehr weniger Textstellen versuchen, dieses herauszulesen. In jedem Fall kommt man zu dem Eindruck, das Verhältnis als ein Vertrauensverhältnis aufzufassen. In der Fassung A ist dies etwas unmotiviert, da die Vertrautheit der beiden , wie sie im Berg gezeigt wird, kaum zu erklären ist. Denn nach Laurins Aussage liegt die Entführung (in dieser Fassung) erst drei Tage zurück. Die Fassung D löst dieses Problem, indem sie Dietleip ein sich ein halbes Jahr am Hofe Hildebrands aufhalten läßt, bevor es zur Rosengartenaventiure und zur Befreiung Kühnhilts kommt. Aufgrund des Zeitraumes eines halben Jahres ist ein mögliches Vertrauensverhältnis zwischen Laurin und Kühnhilt eher denkbar.
Dieses Vertrauen zeigt sich zum Beispiel in der Szene, in der Laurin Kühnhilt beiseite nimmt, um ihr von seiner erlittenen Schmach zu berichten und erbittet von ihr einen Rat, wie er sich verhalten solle. Zwar trachtet er hier seinen Gästen mit Ausnahme Dietleips nach dem Leben (V 1151f.), aber das Ganze ist ein Vorschlag, den er Kühnhilt unterbreitet, eingekleidet in eine Bitte um Rat. Sie erhält von ihm das Versprechen, daß er den Bernern das Leben lasse. Daraufhin schickt er sie in ihre Gemächer, was auch als eine Art Schutzverhalten verstanden werden kann. Die aus solchen milden Gesten und Äußerungen mögliche Liebesgeschichte zwischen Kühnhilt und einem getauften Laurin wird aber verschenkt. Nach ihrer Befreiung wird sie mit einem biderman verheiratet.


5. Resümee

Wie sich gezeigt hat, ist der Laurin als Text eine sehr variable Dichtung der Dietrichepik. Durch Veränderungen werden immer wieder neue Anstöße für die Entwicklung der Handlung gegeben, die sich auch auf die einzelnen Figuren Laurin und Kühnhilt - wie hier untersucht - auswirken. Die Fassung A als der älteste überlieferte Text hat noch sehr mit den Problemen der verschiedenen Schemata und der daraus resultierenden Motivation zu kämpfen. In der Fassung D erscheint der Versuch, die Divergenzen der verschiedenen Motivationsmomente bewußter zu führen, gelungener als in A. Dem Verfasser einer Version gelingt das Umgestalten und Anders-Akzentuieren besser, dem anderen schlechter, aber der Text bleibt immer lebendig; bietet immer wieder neue Möglichkeiten, ihn weiterzuentwickeln - auch wenn dies in der Textgeschichte nicht bis an seine möglichen Grenzen gestoßen ist.

Dennoch läßt sich der Laurin immer noch als sagenhaftes Märchen (vor)lesen, um danach verzaubert einzuschlafen.

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Literaturverzeichnis

Verwendete Fassungen

Fassung A: Laurin.
aus: Die deutsche Literatur. Mittelalter. Texte und Zeugnisse, hg. V. Helmut de Boor, I/2. München 1965, S. 1368-1389
Fassung D
Aus: Das Straßburger Heldenbuch. Rekonstruktion der Textfassung des Diebolt von Hanowe. Band 2, hg. V. Walter Kofler, Göppingen 1999

Sekundärliteratur
Meyer, Matthias: Die Verfügbarkeit der Fiktion, Heidelberg 1994
Wisniewski, Roswitha: Mittelalterliche Dietrichepik, Stuttgart 1986
Heinzle, Joachim: Mittelhochdeutsche Dietrichepik, München 1978
Heinzle, Joachim: Überlieferungsgeschichte als Literaturgeschichte. Zur Textentwicklung des Laurin, in: Kühnebach, Egon: Deutsche Heldenepik in Tirol. König Laurin und Dietrich von Bern in der Dichtung des Mittelalters, Beiträge der Neustifter Tagung 1977 des Südtiroler Kulturinstituts, Bozen 1978
Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung, Berlin 1974
Heinzle, Joachim: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik, Berlin, New York 1999

Weitere Literatur

Spiewok, W., Buschinger, D:: Der Held in historischer Realität in der Sage und in der mittelalterlichen Literatur, Greifswalder Beiträge zum Mittelalter. Tagungsbände und Sammelschriften, Greifswald 1996

Autor: Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: König Laurin (PS) WS 2000/ 01 (D: Fasbender)
Benotung: 2,3


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