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"...was hilft Geist ohne Einheit
und Masse?" Friedrich Naumanns Reformkonzeptionen in der Wilhelminischen Ära 1890 - 1914 | ||
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Naumann, 1860-1919)
Inhalt: 1.
EINLEITUNG
1. Einleitung "Zu
den am weitesten verbreiteten Vorurteilen über den Liberalismus gehört
die Unterstellung, soziale Politik und konsequenter Liberalismus seien nur schwer
auf einen Nenner zu bringen. Zugespitzt: ein waschechter Liberaler könne
nicht sozial sein." So hätte ein Text des publizistisch sehr engagierten
Friedrich Naumanns beginnen können. Mit diesen Worten beginnt aber Otto Graf
Lambsdorff in der Ausgabe 2/2001 der Vierteljahreshefte der Friedrich-Naumann-Stiftung
einen Beitrag über liberale und soziale Grundverantwortung. Zwischen diesen
beiden liberalen Politikern liegt ein ganzes Jahrhundert. Und so ist es interessant,
nach den Wurzeln zu fragen, woher also diese - angebliche - Unvereinbarkeit von
sozialer und liberaler Politik kommt.
Die äußeren Gegebenheiten
können hierbei nicht außer Acht gelassen werden. Demokratisierung und
Industrialisierung setzen in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen
Staaten verspätet und zudem zeitlich relativ parallel ein. Die Probleme dieser
Veränderungen ähnelten denen in anderen Staaten, nur traten sie in Deutschland
geballt auf und führten stärker als in anderen europäischen Staaten
zu tiefen Krisen. Das Parteiensystem war einerseits Ursache, andererseits Folge
von Integrationskonflikten. Das Ringen um Lösungen und die Überwindung
dieser Konflikte hinterließ deutliche Spuren im Gesicht des deutschen Parteiensystems.
Das erweiterte Wahlrecht und die ansteigende politische Partizipation der Bevölkerung bis hin zur Massenpolitisierung im Wilhelminischen Kaiserreich aber erschaffte eine Wählerschaft mit zunehmendem Gewicht und erforderte also eine organisierte Parteienstruktur als "Instrument kontinuierlicher Einflussnahme auf die politische Meinungsbildung" . Dies versäumte der Liberalismus für lange Zeit und brachte sich damit um einen Teil der eigenen Wählerschaft. Überdies stellte sich die Ausgangslage für den Liberalismus ungleich schwieriger dar als für Katholizismus und Konservatismus: er musste seine Organisationsstruktur selbst erschaffen und konnte sich nicht wie der Konservatismus auf die agrarischen Verbände oder der Katholizismus auf das ausgebreitete kirchliche Vereinswesen als bereits vorhandene Vereinsstruktur stützen. Das einst zentrale
Ziel des Liberalismus, die Einheit der Nation, war lange Zeit der politische Mobilisierungsfaktor
durch breite Bevölkerungsschichten hindurch, allen voran des Bürgertums.
Mit der Reichsgründung aber war das genuin liberale Ziel erreicht, um das
so lange gerungen worden war; der Mobilisierungsfaktor war aufgebraucht. Die Idee
der Einigung der Nation aber hatte nicht zwangsläufig zu einer "politischen
Integration der Bevölkerung im neuen Bezugsrahmen des Deutschen Reiches"
geführt und damit zu einer soliden Basis der liberalen Parteien in der Bevölkerung.
Als das gemeinsame Ziel des äußerst heterogenen Bürgertums, auf
das sich der Liberalismus hauptsächlich stützte, erreicht war, begann
er seine Wähler zu verlieren. Erschwerend kam hinzu, dass die bürgerliche
Politik und bürgerliche Lebensformen durch die zunehmende soziale Differenzierung
der Gesellschaft und der bürgerlichen Schichten zurückgedrängt
wurden. Dadurch kam es nicht zur Herausbildung eines einheitlichen bürgerlichen
Klassenbewusstseins. Durch eine Ausweitung auf andere soziale Schichten hätte
diese Zurückdrängung aufgehalten werden können, jedoch - es wurde
versäumt. Katholiken, Konservative und Liberale fußten allesamt auf Wählergruppen, die bereits vor der Reichsgründung sozial strukturiert und mobilisiert waren . Diese Millieuverhaftung, wie sie Lepsius nachzeichnet, ist besonders langanhaltend im Liberalismus zu finden und belegt eine Ursache für die relative Unflexibilität sämtlicher Parteien bis hinein in die Wilhelminische Ära. Das Festhalten an in den Anfängen gewonnenen Überzeugungen, ergo die unerschütterliche Prinzipientreue nicht nur der liberalen Parteien verhinderten bis dahin die Entwicklung zu einer Kompromissfähigkeit und damit die Eröffnung erweiterter Koalitionsmöglichkeiten. Das Aufeinanderprallen von unversöhnlichen Glaubensüberzeugungen und fixen Werten, die subjektive Gefährdung unverzichtbarer Grundsätze schraubten das Konfliktniveau von Anbeginn sehr hoch. Die Unvereinbarkeit zwischen Gesinnung und politischer Praxis führte im Liberalismus zu beständigen Fraktionskämpfen und Parteiabsplitterungen. Gerade er war in seiner Positionierung gefangen: rechts von ihm die Konservativen, mit denen auch die Nationalliberalen teilweise nur unter Zähneknirschen oder auftretendem "Opportunismus" koalierten; links von ihm die allseits abgelehnte und gefürchtete Sozialdemokratie. An dieser Stelle verlief lange Zeit der tiefe Graben zwischen Arbeiterbewegung und den restlichen politischen Parteien und teilte damit die politische und politisierte Gesellschaft. Erst nach der Jahrhundertwende sollte dieser schmaler werden. Immer noch von der liberalen Hochphase der siebziger Jahre unter Bismarck zehrend und an der Überzeugung festhaltend, er - der Liberalismus - sei die einzig wahre Partei als Vertreterin der gesamten nationalen Interessen, verharrten, ja überwinterten die Liberalen in der oppositionellen Wartestellung. Das erneute Aufbrechen jener alten Kluft zwischen Fortschrittspartei und den Sezessionisten von 1884 erhärtete nur einmal mehr die Fronten innerhalb des Liberalismus. Diese aufzuweichen schien in dieser Situation nicht möglich zu sein und war teilweise ohnehin nicht gewünscht. Der "Opportunismus" der Nationalliberalen, die verstärkt in der Rolle der Ersatzkonservativen auftraten, stieß bei vielen Linksliberalen auf Ablehnung. Mitregieren wollte man, jedoch nicht um den Preis der eigenen Überzeugung. Diese im Liberalismus bis zum Dogmatismus erstarrte Haltung personifiziert sich in Eugen Richter, der sich mit der Oppositionsrolle abgefunden hatte. Andere Wortführer der Freisinnigen Volkspartei aber hatten die Hoffnung auf eine einflussreichere Rolle im politischen Leben noch nicht aufgegeben. Zum Zuge kommen sie erst nach Richters Tod 1906; die ehemalige Fortschrittspartei und nun Freisinnige Volkspartei konnte endlich freier agieren und schließlich 1910 mit den anderen linksliberalen Parteien zur Fortschrittlichen Volkspartei fusionieren. Zur internen Problematik des Parteiensystems und des Liberalismus
gesellten sich entscheidende äußere Veränderungen, die auf die
Parteien zusätzlichen Druck ausübten. Politische Entscheidungen griffen
immer mehr in das Leben der Menschen ein, und immer mehr Menschen versuchten,
an diesen mitzuwirken. Es verwundert also nicht, dass im letzten Jahrzehnt vor
der Jahrhundertwende eine neuerliche Gründungswelle von Vereinen auszumachen
ist. Diese neuen Organisationen und Institutionen erweiterten die Chance auf Partizipation
an der politischen Entscheidungsfindung. Nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche
wurden also politisiert, sogar eher unpolitische Bereiche wie der Sport oder die
Volksbildung. Diese Entwicklung erinnert etwas an die Anfänge der politischen
Strömungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Auch hier findet
sich eine Politisierung vormals unpolitischer Gruppen wie Turn- oder Gesangsvereine.
Am Ende desselben Jahrhunderts aber stellte diese Massenpolitisierung eine gewaltige
Herausforderung für sämtliche Parteien dar; von ihnen wurde eine Integrationsleistung
der Gesellschaft erwartet, die insbesondere den Liberalismus forderte. Aus seinem
Verständnis heraus, immer die gesamte Nation repräsentiert zu haben,
tat er sich schwer damit zu verstehen, dass die reale Situation, die sich ihm
nun bot, gänzlich anders war.
In Anbetracht der soeben skizzierten Situation, in der sich der deutsche Liberalismus beim Eintritt in das Wilhelminische Kaiserreich befand, begannen die Liberalen nach möglichen Wegen aus der Krise zu suchen. Dazu zählte ebenso, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen wie Vorstöße in bisher unbeschrittene Richtungen zu unternehmen. Nicht alle Linksliberalen hielten Richters dogmatischen Kurs für den richtigen Weg, sondern waren bereit, sich auf der Suche nach neuen Perspektiven für den Liberalismus von einigen alten Glaubensüberzeugungen zu trennen, denn "Neue Zeiten rufen neue Probleme hervor." Die alten geistigen Werte und Ideale des Liberalismus
mussten einer Interessenspolitik weichen. So unterstützten sie Caprivis Handelsvertragspolitik
und steigerten dadurch ihren Rückhalt bei Verbrauchern und Berufen, die aus
dem Freihandel Vorteile zogen. Mit dieser Politik machten sie zwar materielle
Interessen geltend, ummäntelten sie aber mit einer "Aura geistiger Werte"
. Der sich aus dieser Politik ergebende Handelskampf zwischen Fortschritt und
Reaktion führte die Linksliberalen dazu, sich vermehrt nach Bündnispartnern
links von ihnen umzusehen. Erstes Ergebnis: 1894 und 1899 stimmten Linksliberalismus
und Sozialdemokratie gemeinsam gegen das neue Sozialistengesetz, 1897 gegen das
Handwerkergesetz. Der Enthusiasmus über eine politische Orientierung nach links im ersten Wilhelminischen Jahrzehnt ebbte bis 1906 bereits wieder ab. Grund dafür war einerseits die Distanzierung der SPD vom revisionistischen Kurs Bernsteins gefolgt von einem neuen Radikalismus am linken Flügel der SPD. Hinzu kam die Neigung der beiden linksliberalen Reichstagsparteien, intensiver zusammenzuarbeiten. Diese Annäherung wurde erst nach dem Tod Richters 1906 möglich, zuvor wäre sie praktisch undenkbar gewesen. Eine vorläufige Besiegelung dieser Annäherung kam 1910 durch die politische Eheschließung der linksliberalen Parteien zustande, in der die Freisinnige Vereinigung, die Freisinnige Volkspartei und die süddeutsche Volkspartei von 1868 aufgingen. Die Kluft zur Sozialdemokratie sollte erst zur Zeit der Weimarer Republik überwunden werden. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb sie bestehen, wenngleich es zum Beispiel zur Reichstagswahl 1912 zu Wahlabsprachen zwischen Linksliberalen und Sozialdemokratie kam. Die Notwendigkeit des Bündnisses war gegeben, wollten sie ihre politische Macht erhalten.
Bis zur Mitte der 1890er Jahre
entwickelten sich auch in anderen öffentlichen Bereichen Bewegungen, die
bewusst neben der Sozialdemokratie für eine aktivere Sozialpolitik eintraten.
Indes war die Idee weder neu noch einzigartig. Soziale Reformbewegungen finden
sich in allen Industriestaaten um 1900. In der Geschichte des deutschen Liberalismus
gab es bereits frühere Anläufe, die eingeengte Position durch Hinwendung
zu sozialen Themen zu erweitern und damit die eigene Basis in der Bevölkerung
sowie die politische Manövrierfähigkeit zu erhöhen. In den 1850er
und 60er Jahren unternahm Hermann Schulze-Delitzsch erste Anläufe zur "sozialen
Selbsthilfe", der Verein für Sozialpolitik widmete sich ebenso diesem
Thema, kam aber parteipolitisch über den akademischen Bereich nicht hinaus.
Schließlich nahm sich der von Friedrich Naumann 1896 gegründete Nationalsoziale
Verein dieses Themas an, worauf im Folgenden noch einzugehen sein wird. Es wird
der letzte Versuch sein, eine Parteiung sozial orientierten Typs neben der Sozialdemokratie
zu installieren und zu etablieren.
Naumanns
Nationalsoziale Verein repräsentierte das "sprichwörtliche protestantische
Bildungsbürgertum" : neben Pfarrern und Vikaren zählten hauptsächlich
Professoren der Sozial- und Geisteswissenschaften in den Kreis um den 36Jährigen.
Nicht von ungefähr findet sich auch Max Weber im Dunstkreis des Vereins wieder,
zu diesem Zeitpunkt bereits Professor in Freiburg. Er war einerseits Kritiker
des Vereinsprogramms , zum anderen übte er großen Einfluss auf Naumann
und damit auf den Verein aus. Naumann lernte den Nationalökonom Weber 1893
auf dem ESK in Berlin kennen und in ihm einen "rücksichtslosen Verfechter
des Machtcharakter des Staates" .
Naumann hatte bald eingesehen, dass sein
Versuch eines christlich-sozialistischen Wertesystems zur gesellschaftlichen Neuordnung
als Alternative neben der sozialdemokratischen Zukunftshoffnung nicht leisten
konnte, was er sollte. Rückblickend urteilte er, eine Rechristianisierung
der Gesellschaft sei geschichtlich überholt gewesen. Die Überwindung
des Kapitalismus durch eine Rechristianisierung wurde von ihm dementsprechend
aufgegeben. Die Züge des modernen, naturalistisch und materialistisch bestimmten imperialistischen Nationalismus prägen das Wesen von Naumanns Konzeption. Anders als bei radikalen Denkern wie Weber behält der Naumannsche Nationalismus aber einen ausgesprochen sozialistischen Charakter. Sein Denken wird lange Zeit von der gesellschaftsverändernden Zukunftsperspektive der Sozialdemokratie geprägt. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Marxschen Theorien, denen Naumann bescheinigte, "erst mal begriffliche Klarheit geschaffen" zu haben, entwickelte er den Begriff des politischen Sozialismus, den er dem (bisherigen) "ethischen" Sozialismus antithetisch gegenüberstellte: "Der ethische Sozialist fordert das Wünschenswerte, der politische Sozialist sucht das mit dem vorhandenen Kräftemaß Mögliche zu erreichen". Alle bisherigen Stadien, die der Sozialismus seit St. Simon über Weitling bis hin zu Marx durchlaufen habe, seien nur Durchgangsstadien auf dem Weg zum politischen Sozialismus. Naumann geht nicht von einer der
Gesellschaft innewohnenden Dialektik als Ursache für die gesellschaftlichen
Veränderungen aus, sondern von dem "natürlichen" Bedürfnis
unterprivilegierter Klassen nach Verbesserung ihrer materiellen, politischen und
geistig-kulturellen Lage. Sozialismus heißt für Naumann: "Mehr
Nahrung, Kleidung, Wohnung, mehr Bedürfnisse für das arbeitende Volk"
. Damit revidiert er den Marxschen Sozialismus im dem Punkt, da letzterer in der
Revolution die einzige Möglichkeit sieht, zum Sozialismus zu gelangen. Auf
diesem Wege, so Naumann, könne der Sozialismus nicht umgesetzt werden. Nur
durch die stete Verbesserung der Lage und die Befriedigung der Bedürfnisse
sei dies möglich. Und er kritisiert Marx in einem weiteren Punkt: die Verwirklichung
eines - von Marx geforderten - internationalen Sozialismus als ein "die verschiedenen
Nationalstaaten übergreifender Prozess" könne deshalb nicht so
verstanden werden, da der Sozialismus an die Entwicklungsstufen der Industrialisierung
gebunden sei. Doch bereits zwischen den westeuropäischen Staaten seien deutliche
Unterschiede in den Entwicklungsphasen existent. Ergo könne sich die Umsetzung
des Sozialismus nur in nationalstaatlichen Grenzen bewegen und nicht, wie von
Marx gefordert, staatsübergreifend. Die Konsequenz aus dieser Argumentation
ist Naumanns vornehmliche Fokussierung auf die sozialistische Bewegung im Deutschen
Kaiserreich. An diesem Punkt befindet sich die Nahtstelle der Naumannschen Synthese
von Sozialismus und Nationalismus. Eine bessere Bedürfnisbefriedigung der
deutschen Bevölkerung - speziell der unprivilegierten Arbeiterklasse - kann
nur erreicht werden, wenn sich Deutschland nicht durch hohe Schutzzollmauern vom
Ausland abkapselt und im Zustand eines Agrarstaates verharrt: der Industriestaat
Deutschland muss sich dem Weltmarkt öffnen. Nur unter dieser Voraussetzung
kann die notwendige Einfuhr von Lebensgütern und Rohstoffen gewährleistet
werden. Und erst dann sei eine Umsetzung des politischen oder auch praktischen
Sozialismus möglich. Die Voraussetzung für eine nationalsoziale und damit machtstaatliche Politik sah Naumann im Bestehen eines industriell hoch entwickelten Nationalstaates. Diese Verbindung von politischen und wirtschaftlichen Interessen bzw. Motiven zeichnete Naumanns Denken und das seiner Anhänger aus, was auch terminologisch seinen Niederschlag fand. Die Vereinigten Staaten, England oder Russland bezeichneten die Nationalsozialen als "Großwirtschaftsräume", "Wirtschaftskörper" und "Kolonialreiche". Das nationalsoziale Großmachtdenken wurde also deutlich von wirtschaftlichen Kategorien bestimmt. Verwundern kann dies in einer Zeit immer fortschreitender Industrialisierung und imperialen Machtdenkens allerdings nicht. Ebenso wenig die antienglische Linie, die sich bald wie ein roter Faden durch nationalsoziale Argumentationen zieht. Ausgangspunkt dafür ist "eine nüchterne Bestandsaufnahme der weltpolitischen Lage" oder vielmehr: die Einsicht in die Überlegenheit Englands, die, wollte Deutschland Weltpolitik betreiben, berücksichtigt und in entsprechende Überlegungen einbezogen werden musste. Demzufolge konnten auch die Beziehungen zu anderen Staaten nur vor dem deutsch-englischen Hintergrund betrachtet werden. In diese Überlegungen und Konzeptionen mischt sich eine "darwinistisch-getönte Geschichtsauffassung" von den "Kämpfe[n] der steigenden und sinkenden Völker", die verbunden seien "mit dem Kampf um den wirtschaftlichen Besitz der Erdkugel". Die Wurzeln dieser Gedanken sind unverkennbar bei Weber zu suchen. Naumanns nationaler Machtgedanke erreichte um 1900 immer größere Stärke: in seinen Äußerungen wechselte er von nüchternen kriegstechnischen Überlegungen zu ins Mystische gehenden Überlegungen über den Wert des deutschen Volkstums für die Zukunft der Menschheitsgeschichte. Deutlich wird dies auch in dem ab der Jahrhundertwende beinahe inflationär gebrauchten Schlüsselbegriff "Neudeutsch" - Zeichen und Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Neuorientierung innerhalb des liberalen Spektrums.
Die liberale Ausrichtung Naumanns und damit des offiziell nicht klassengebundenen Nationalsozialen Vereins begann um 1900. Naumann hatte bis dahin stets versucht, das Bürgertum mit der Arbeiterschaft dadurch zu verbinden, indem er ihnen das gemeinsame Interesse am Konsum und damit an der Senkung der Lebenshaltungskosten zuschrieb, welche nur durch die Öffnung der deutschen Wirtschaft zum Weltmarkt erreichbar schien, umgesetzt durch eine gegen Schutzzölle gerichtete Politik. In einer Zeit aber, in der das deutsche Parteiensystem auf einer durch tiefe Grundsätze sozialer Schichten geprägten Gesellschaft basierte, kam es zu einer Anspannung zwischen der klassenlosen Politik des Vereins und der bestehenden Dominanz des Bürgertums unter den Anhängern der Bewegung. Diese stammten eindeutig aus der Wählergruppe der linksliberalen Parteien. Der große Anteil an Klein- und Bildungsbürgern musste zu einer Annäherung der Politik des Vereins und damit Naumanns an liberale politische Werte führen. Naumann beginnt, sich mit der Geschichte des Liberalismus in Deutschland auseinander zu setzen und diesen kritisch zu reflektieren. Anlass dazu ist "die fünfzigste Wiederkehr des Jahres, in welchem es dem Liberalismus nicht gelang, politische Freiheit und nationale Einheit zu realisieren" . Er analysiert zwei historische Fehlentwicklungen des Liberalismus: den einen sieht er in der Spaltung von 1866 in Nationalliberale und Fortschrittspartei, den anderen darin, "dass er die soziale Entwicklung nicht mitmachte und damit die großen Arbeitermassen abstieß", also seinem angestammten Milieu verhaftet blieb. Nach Überwindung seiner Fehler in der Vergangenheit müsse sich der Liberalismus nun neue Inhalte geben: eine enge Synthese aus freiheitlicher Tradition und nationalen und sozialen Gehalten, um die aus eigenem Verschulden verlorenen Wählermassen zurückzugewinnen, denn "was hilft Geist ohne Einheit und Masse?" Es gilt also, die gesamten linksliberalen Kräfte zusammenzufassen, um - gemeinsam mit der Sozialdemokratie - ein Bündnis gegen die Parteien der "Sammlung", den Nationalliberalen und Konservativen, einerseits und dem ständig an Einfluss gewinnenden Zentrum andererseits zu installieren. Er entwickelt den Gedanken eines Gesamtliberalismus und ist damit relativ up to date - auch im Linksliberalismus denkt man verstärkt darüber nach, wie zumindest die linksliberalen Kräfte in Deutschland wieder zusammengeführt werden könnten. Naumann wollte jedoch die Spannweite des Gesamtliberalismus "von Bassermann bis Bebel" ausdehnen, so dass sie die gesamte politische Linke inklusive der Sozialdemokratie umfasste. "Die sozialdemokratische Bewegung gehört, insofern sie demokratisch ist, zum politischen liberalen Gedanken", denn, so Naumann, durch die Entwicklung der Parteien zu Interessensvertretungen habe eine Trennung in einen "bürgerlichen" und einen "proletarischen Liberalismus" stattgefunden, die nun wieder zusammengeführt werden sollten. Die notwendige Konsequenz aus der Einsicht in die historischen Fehler des Liberalismus sei es, eine industrialistische politische Organisation der gesamten Linken zu bilden. Für diese "Neuwerdung des Liberalismus" sollten die Sozialdemokratie und alle bürgerlichen liberalen Parteien zu gemeinsamem Handeln zusammengefasst werden. Die Voraussetzung
dafür sah Naumann einerseits darin, inwieweit es gelinge, die Sozialdemokratie
in eine "nationale, praktisch-politische Partei" umzuwandeln. Er forderte
also die Loslösung vom Marxismus. Vom Liberalismus erwartete er, dass dieser
"die soziale und politische Bedeutung der Arbeiterklasse" anerkenne,
so nachzulesen in den "Nationalsozialen Leitsätzen über die Stellung
zum Liberalismus". Damit war der Nationalsoziale Verein programmatisch zum
Liberalismus übergetreten und zum Protagonisten der "liberalen Gesamtbewegung"
geworden; fortan betrachtete er sich als eine Gruppe des politischen Liberalismus
- allerdings als eine sowohl das Bürgertum als auch die Arbeiterschaft politisch-ideell
umfassende. Grundsätzlich schien es für Naumann möglich, dass reformorientiert
eingestellte Sozialdemokraten mit Liberalen und Vertretern kapitalistischer Interessen
Bündnisse schließen könnten. Die "geistige Einheit"
gegenüber den "beträchtlichen Resten vorkapitalistischer Zustände,
Empfindungen und Absichten" würde diese Gruppierungen miteinander verbinden.
Nach
der "Fusion" mit der Freisinnigen Vereinigung 1903 entwickelt Naumann
eine "neudeutsche" Politikkonzeption, das als linksliberales Reformkonzept
die Kooperation der "deutschen Linken" ermöglichen soll. Das Entscheidende
an diesem Konzept ist die neue Akzentuierung: Naumann ist dazu übergegangen,
die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus anzuerkennen und ihn damit einzubeziehen.
Er strebte nun nicht mehr die Überwindung und auch nicht eine Verchristlichung,
sondern eine kultur- und sozialprotestantische Einbettung des Kapitalismus an.
Der Sozialismus sollte hierbei durch soziale und Partizipationselemente als Korrektiv
des Kapitalismus wirken.
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Literaturverzeichnis
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D. Herbrand
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