"...was hilft Geist ohne Einheit und Masse?"

Friedrich Naumanns Reformkonzeptionen in der
Wilhelminischen Ära 1890 - 1914
 
 

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"Ob wir diese neue Zeit wünschen sollen, wissen wir nicht ... [Sie] kommt mit uns oder gegen uns, sie lacht nicht einmal über uns, wenn wir sie nicht wollen."

(Friedrich Naumann, 1860-1919)

 

Inhalt:

1. EINLEITUNG
2. DIE KRISE DES LIBERALISMUS BEIM EINTRITT IN DIE WILHELMINISCHE ÄRA
3. NEUE PERSPEKTIVEN FÜR DEN LINKSLIBERALISMUS
3.1. INNERE ERNEUERUNG DURCH SOZIALE AKZENTUIERUNG
3.2. SOZIALE REFORMBEWEGUNGEN VON AUßEN
4. VOM CHRISTLICH-SOZIALEN THEOLOGEN ZUM LINKSLIBERALEN
4.1. DER NATIONALSOZIALE VEREIN
4.2. NAUMANNS SYNTHESE VON SOZIALISMUS UND NATIONALISMUS
4.3. DIE ENTWICKLUNG ZUM LIBERALISMUS
4.4. DIE WAHRUNG DER MENSCHENRECHTE IM KAPITALISMUS
5. EINORDNUNG NAUMANNS UND AUSBLICK - RESÜMEE
LITERATUR

 

 

 

1. Einleitung

"Zu den am weitesten verbreiteten Vorurteilen über den Liberalismus gehört die Unterstellung, soziale Politik und konsequenter Liberalismus seien nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Zugespitzt: ein waschechter Liberaler könne nicht sozial sein." So hätte ein Text des publizistisch sehr engagierten Friedrich Naumanns beginnen können. Mit diesen Worten beginnt aber Otto Graf Lambsdorff in der Ausgabe 2/2001 der Vierteljahreshefte der Friedrich-Naumann-Stiftung einen Beitrag über liberale und soziale Grundverantwortung. Zwischen diesen beiden liberalen Politikern liegt ein ganzes Jahrhundert. Und so ist es interessant, nach den Wurzeln zu fragen, woher also diese - angebliche - Unvereinbarkeit von sozialer und liberaler Politik kommt.
Die Ursachen dafür liegen noch weiter zurück als der Wirkungszeitraum des Namensgebers der Stiftung: im Parteiensystem der Bismarck-Ära, gar noch früher, in den Anfängen der deutschen Parteien. Gegenstand dieser Arbeit aber soll Friedrich Naumann sein, der als erster liberale und soziale Ideen versuchte, zusammenzudenken und dadurch den am Ende des 19. Jahrhunderts hoffnungslos zersplitterten Liberalismus wieder zu einen. Es wird kurz auf den status quo in Deutschland und die Lage des Liberalismus zu Beginn der Wilhelminischen Ära einzugehen sein, um sich anschließend den sich wandelnden Konzeptionen Naumanns zu widmen. Dabei soll gefragt werden, inwieweit seine Konzeptionen das leisten konnten, was Naumann sich erhoffte: die Erneuerung und Wiedervereinigung des deutschen Liberalismus.



2. Die Krise des Liberalismus beim Eintritt in die Wilhelminische Ära


Bis zum Beginn der Wilhelminischen Ära 1890 war der gesamte deutsche Liberalismus erstarrt und bewegungsunfähig geworden. Die Wahlergebnisse fielen von Jahr zu Jahr schlechter aus, ihm fehlte die Basis im Wahlvolk. Die anhaltende Zersplitterung von 1866 in Links- und Nationalliberale, immer weitere Abspaltungen und Fusionen bis hin zum Auseinanderbrechen der Deutschen Freisinnigen Partei 1893 bremsten die politische Manövrierfähigkeit erheblich. Ein knappes Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende existierten in der deutschen Parteienlandschaft auf Reichsebene nicht weniger als drei liberale Parteien: die Nationalliberalen unter Ludwig Bamberger, die Freisinnige Volkspartei unter der dogmatischen Führung Eugen Richters und die Freisinnige Vereinigung unter Karl Schrader. Die Zersplitterung des Liberalismus ist kein typisch deutsches Phänomen; auch in anderen europäischen Ländern war er von Sezessionen betroffen. Dennoch weist die Problematik des Liberalismus in Deutschland Besonderheiten auf.

Die äußeren Gegebenheiten können hierbei nicht außer Acht gelassen werden. Demokratisierung und Industrialisierung setzen in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten verspätet und zudem zeitlich relativ parallel ein. Die Probleme dieser Veränderungen ähnelten denen in anderen Staaten, nur traten sie in Deutschland geballt auf und führten stärker als in anderen europäischen Staaten zu tiefen Krisen. Das Parteiensystem war einerseits Ursache, andererseits Folge von Integrationskonflikten. Das Ringen um Lösungen und die Überwindung dieser Konflikte hinterließ deutliche Spuren im Gesicht des deutschen Parteiensystems.
Hinzu kommen für den deutschen Liberalismus die "Nachwehen" der Überzeugungen aus seinen historischen Anfängen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: er verstand sich mehr als alle anderen Strömungen seit jeher als Gesinnungspartei, man gehörte ihr aufgrund der persönlichen Überzeugung an. Diese über die Gesinnung definierte Zugehörigkeit und die damit einher gehende Abneigung gegen Vereine als Instrument politischer Organisation ist für lange Zeit Markenzeichen und gleichwohl Achillesferse des deutschen Liberalismus. Diese Haltung erklärt auch die über Jahrzehnte vorherrschende Organisationsform der liberalen Parteien als Honoratiorenparteien. Die lockere Verbindung der örtlichen Wahlkomitees untereinander und das von lokalen Interessenslagen relativ ungebundene Agieren der Abgeordneten im Parlament belegen diese Haltung. Daneben zu berücksichtigen ist das noch bis 1899 geltende Verbot des Zusammenschlusses politischer Vereine im formalen Sinne, wodurch die rasche Bildung von inneren Parteistrukturen zusätzlich behindert wurde.

Das erweiterte Wahlrecht und die ansteigende politische Partizipation der Bevölkerung bis hin zur Massenpolitisierung im Wilhelminischen Kaiserreich aber erschaffte eine Wählerschaft mit zunehmendem Gewicht und erforderte also eine organisierte Parteienstruktur als "Instrument kontinuierlicher Einflussnahme auf die politische Meinungsbildung" . Dies versäumte der Liberalismus für lange Zeit und brachte sich damit um einen Teil der eigenen Wählerschaft. Überdies stellte sich die Ausgangslage für den Liberalismus ungleich schwieriger dar als für Katholizismus und Konservatismus: er musste seine Organisationsstruktur selbst erschaffen und konnte sich nicht wie der Konservatismus auf die agrarischen Verbände oder der Katholizismus auf das ausgebreitete kirchliche Vereinswesen als bereits vorhandene Vereinsstruktur stützen.

Das einst zentrale Ziel des Liberalismus, die Einheit der Nation, war lange Zeit der politische Mobilisierungsfaktor durch breite Bevölkerungsschichten hindurch, allen voran des Bürgertums. Mit der Reichsgründung aber war das genuin liberale Ziel erreicht, um das so lange gerungen worden war; der Mobilisierungsfaktor war aufgebraucht. Die Idee der Einigung der Nation aber hatte nicht zwangsläufig zu einer "politischen Integration der Bevölkerung im neuen Bezugsrahmen des Deutschen Reiches" geführt und damit zu einer soliden Basis der liberalen Parteien in der Bevölkerung. Als das gemeinsame Ziel des äußerst heterogenen Bürgertums, auf das sich der Liberalismus hauptsächlich stützte, erreicht war, begann er seine Wähler zu verlieren. Erschwerend kam hinzu, dass die bürgerliche Politik und bürgerliche Lebensformen durch die zunehmende soziale Differenzierung der Gesellschaft und der bürgerlichen Schichten zurückgedrängt wurden. Dadurch kam es nicht zur Herausbildung eines einheitlichen bürgerlichen Klassenbewusstseins. Durch eine Ausweitung auf andere soziale Schichten hätte diese Zurückdrängung aufgehalten werden können, jedoch - es wurde versäumt.
Damit verbunden ist der Wandel in der gesamten öffentlichen Struktur. Nipperdey macht drei "fundamentale Veränderungen" aus, die sich nachhaltig auf die Parteien auswirken. Die Pluralisierung der Interessen sowie die über die reine Mobilisierung hinausgehende Integration der Bevölkerung durch Parteiorganisationen - besonders stark in der Sozialdemokratie zu finden - wird verschärft durch die zunehmende Ökonomisierung der Politik und der Verschiebung der Sozialstrukturen in der modernen Gesellschaft. Letztere werden spätestens ab den 1890er Jahren bestimmt von der großstädtischen Abhängigkeit der Unselbständigen, Arbeitnehmer und Angestellten. In der politisierten Gesellschaft kommt es zur Mobilisierung der mittleren Schichten, also der "kleinen Leute", Bauern und Handwerker, die sich zwischen dem Proletariat auf der einen und dem Establishment auf der anderen Seite wiederfinden.

Katholiken, Konservative und Liberale fußten allesamt auf Wählergruppen, die bereits vor der Reichsgründung sozial strukturiert und mobilisiert waren . Diese Millieuverhaftung, wie sie Lepsius nachzeichnet, ist besonders langanhaltend im Liberalismus zu finden und belegt eine Ursache für die relative Unflexibilität sämtlicher Parteien bis hinein in die Wilhelminische Ära. Das Festhalten an in den Anfängen gewonnenen Überzeugungen, ergo die unerschütterliche Prinzipientreue nicht nur der liberalen Parteien verhinderten bis dahin die Entwicklung zu einer Kompromissfähigkeit und damit die Eröffnung erweiterter Koalitionsmöglichkeiten. Das Aufeinanderprallen von unversöhnlichen Glaubensüberzeugungen und fixen Werten, die subjektive Gefährdung unverzichtbarer Grundsätze schraubten das Konfliktniveau von Anbeginn sehr hoch.

Die Unvereinbarkeit zwischen Gesinnung und politischer Praxis führte im Liberalismus zu beständigen Fraktionskämpfen und Parteiabsplitterungen. Gerade er war in seiner Positionierung gefangen: rechts von ihm die Konservativen, mit denen auch die Nationalliberalen teilweise nur unter Zähneknirschen oder auftretendem "Opportunismus" koalierten; links von ihm die allseits abgelehnte und gefürchtete Sozialdemokratie. An dieser Stelle verlief lange Zeit der tiefe Graben zwischen Arbeiterbewegung und den restlichen politischen Parteien und teilte damit die politische und politisierte Gesellschaft. Erst nach der Jahrhundertwende sollte dieser schmaler werden. Immer noch von der liberalen Hochphase der siebziger Jahre unter Bismarck zehrend und an der Überzeugung festhaltend, er - der Liberalismus - sei die einzig wahre Partei als Vertreterin der gesamten nationalen Interessen, verharrten, ja überwinterten die Liberalen in der oppositionellen Wartestellung.

Das erneute Aufbrechen jener alten Kluft zwischen Fortschrittspartei und den Sezessionisten von 1884 erhärtete nur einmal mehr die Fronten innerhalb des Liberalismus. Diese aufzuweichen schien in dieser Situation nicht möglich zu sein und war teilweise ohnehin nicht gewünscht. Der "Opportunismus" der Nationalliberalen, die verstärkt in der Rolle der Ersatzkonservativen auftraten, stieß bei vielen Linksliberalen auf Ablehnung. Mitregieren wollte man, jedoch nicht um den Preis der eigenen Überzeugung. Diese im Liberalismus bis zum Dogmatismus erstarrte Haltung personifiziert sich in Eugen Richter, der sich mit der Oppositionsrolle abgefunden hatte. Andere Wortführer der Freisinnigen Volkspartei aber hatten die Hoffnung auf eine einflussreichere Rolle im politischen Leben noch nicht aufgegeben. Zum Zuge kommen sie erst nach Richters Tod 1906; die ehemalige Fortschrittspartei und nun Freisinnige Volkspartei konnte endlich freier agieren und schließlich 1910 mit den anderen linksliberalen Parteien zur Fortschrittlichen Volkspartei fusionieren.

Zur internen Problematik des Parteiensystems und des Liberalismus gesellten sich entscheidende äußere Veränderungen, die auf die Parteien zusätzlichen Druck ausübten. Politische Entscheidungen griffen immer mehr in das Leben der Menschen ein, und immer mehr Menschen versuchten, an diesen mitzuwirken. Es verwundert also nicht, dass im letzten Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende eine neuerliche Gründungswelle von Vereinen auszumachen ist. Diese neuen Organisationen und Institutionen erweiterten die Chance auf Partizipation an der politischen Entscheidungsfindung. Nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche wurden also politisiert, sogar eher unpolitische Bereiche wie der Sport oder die Volksbildung. Diese Entwicklung erinnert etwas an die Anfänge der politischen Strömungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Auch hier findet sich eine Politisierung vormals unpolitischer Gruppen wie Turn- oder Gesangsvereine. Am Ende desselben Jahrhunderts aber stellte diese Massenpolitisierung eine gewaltige Herausforderung für sämtliche Parteien dar; von ihnen wurde eine Integrationsleistung der Gesellschaft erwartet, die insbesondere den Liberalismus forderte. Aus seinem Verständnis heraus, immer die gesamte Nation repräsentiert zu haben, tat er sich schwer damit zu verstehen, dass die reale Situation, die sich ihm nun bot, gänzlich anders war.
Die ökonomischen und sozialen Strukturänderungen in der modernen Gesellschaft verursachten wiederum solche innerhalb der einzelnen Parteien; denn sie waren nun gezwungen, Massenorganisation aufzubauen. Die Folge: eine Veränderung von repräsentativer zu plebiszitärer Demokratie. Die fehlende Basis des Liberalismus in der Bevölkerung musste also zwangsläufig dazu führen, dass er auf diese neue Qualität des Politischen reagierte und sich nach neuen programmatischen und Integrationskonzepten umzusehen begann, wollte er sich selbst nicht dem völligen Niedergang weihen.



3. Neue Perspektiven für den Linksliberalismus
3.1. Innere Erneuerung durch soziale Akzentuierung

In Anbetracht der soeben skizzierten Situation, in der sich der deutsche Liberalismus beim Eintritt in das Wilhelminische Kaiserreich befand, begannen die Liberalen nach möglichen Wegen aus der Krise zu suchen. Dazu zählte ebenso, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen wie Vorstöße in bisher unbeschrittene Richtungen zu unternehmen. Nicht alle Linksliberalen hielten Richters dogmatischen Kurs für den richtigen Weg, sondern waren bereit, sich auf der Suche nach neuen Perspektiven für den Liberalismus von einigen alten Glaubensüberzeugungen zu trennen, denn "Neue Zeiten rufen neue Probleme hervor."

Die alten geistigen Werte und Ideale des Liberalismus mussten einer Interessenspolitik weichen. So unterstützten sie Caprivis Handelsvertragspolitik und steigerten dadurch ihren Rückhalt bei Verbrauchern und Berufen, die aus dem Freihandel Vorteile zogen. Mit dieser Politik machten sie zwar materielle Interessen geltend, ummäntelten sie aber mit einer "Aura geistiger Werte" . Der sich aus dieser Politik ergebende Handelskampf zwischen Fortschritt und Reaktion führte die Linksliberalen dazu, sich vermehrt nach Bündnispartnern links von ihnen umzusehen. Erstes Ergebnis: 1894 und 1899 stimmten Linksliberalismus und Sozialdemokratie gemeinsam gegen das neue Sozialistengesetz, 1897 gegen das Handwerkergesetz.
Dies war nur möglich geworden, da sich auf Seiten der Sozialdemokratie revisionistische Tendenzen bemerkbar machten, welche im Linksliberalismus als Zeichen für die Bereitschaft zu einem gemäßigt linken Bündnis verstanden wurden. Darauf machte Theodor Barth spätestens ab Mitte der neunziger Jahre in seiner Partei Freisinnige Vereinigung aufmerksam. Voraussetzung für solch ein Bündnis aber war das Eintreten des Liberalismus für eine aktive Sozialpolitik. Die Linksliberalen für dieses Thema zu sensibilisieren, machte Barth sich zur Aufgabe. Von einer "Öffnung nach links" oder wenigstens von der Andeutung ihrer Bereitschaft dazu erhofften sich manche bereits Schützenhilfe für ihre Kampagnen zur Wiederherstellung der Handelsfreiheit. Doch es gab auch genügend Vorbehalte gegen eine solche Strategie. Diese waren nicht nur ideologischer oder interessensbezogener Natur. Es stellte sich ebenso die Frage nach der jeweiligen politischen Konstellation in einer Region oder einem Wahlkreis, die einem solchen Bündnis durchaus gegenüberstanden.

Der Enthusiasmus über eine politische Orientierung nach links im ersten Wilhelminischen Jahrzehnt ebbte bis 1906 bereits wieder ab. Grund dafür war einerseits die Distanzierung der SPD vom revisionistischen Kurs Bernsteins gefolgt von einem neuen Radikalismus am linken Flügel der SPD. Hinzu kam die Neigung der beiden linksliberalen Reichstagsparteien, intensiver zusammenzuarbeiten. Diese Annäherung wurde erst nach dem Tod Richters 1906 möglich, zuvor wäre sie praktisch undenkbar gewesen. Eine vorläufige Besiegelung dieser Annäherung kam 1910 durch die politische Eheschließung der linksliberalen Parteien zustande, in der die Freisinnige Vereinigung, die Freisinnige Volkspartei und die süddeutsche Volkspartei von 1868 aufgingen. Die Kluft zur Sozialdemokratie sollte erst zur Zeit der Weimarer Republik überwunden werden. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb sie bestehen, wenngleich es zum Beispiel zur Reichstagswahl 1912 zu Wahlabsprachen zwischen Linksliberalen und Sozialdemokratie kam. Die Notwendigkeit des Bündnisses war gegeben, wollten sie ihre politische Macht erhalten.



3.2. Soziale Reformbewegungen von außen

Bis zur Mitte der 1890er Jahre entwickelten sich auch in anderen öffentlichen Bereichen Bewegungen, die bewusst neben der Sozialdemokratie für eine aktivere Sozialpolitik eintraten. Indes war die Idee weder neu noch einzigartig. Soziale Reformbewegungen finden sich in allen Industriestaaten um 1900. In der Geschichte des deutschen Liberalismus gab es bereits frühere Anläufe, die eingeengte Position durch Hinwendung zu sozialen Themen zu erweitern und damit die eigene Basis in der Bevölkerung sowie die politische Manövrierfähigkeit zu erhöhen. In den 1850er und 60er Jahren unternahm Hermann Schulze-Delitzsch erste Anläufe zur "sozialen Selbsthilfe", der Verein für Sozialpolitik widmete sich ebenso diesem Thema, kam aber parteipolitisch über den akademischen Bereich nicht hinaus. Schließlich nahm sich der von Friedrich Naumann 1896 gegründete Nationalsoziale Verein dieses Themas an, worauf im Folgenden noch einzugehen sein wird. Es wird der letzte Versuch sein, eine Parteiung sozial orientierten Typs neben der Sozialdemokratie zu installieren und zu etablieren.
Auch die aus dem bürgerlich-protestantischen Kreis stammende sozialprotestantische Reformbewegung unter Leitung von Adolf Stoecker zählte dazu. Stoeckers Bewegung war - wie alle sozialen Reformbewegungen der Industriestaaten dieser Zeit - stark personengebunden, "mit labilen Institutionen" . Um den preußischen Hofprediger und erfahrenen Kirchen- und Parteipolitiker Stoecker gruppierte sich eine von Kloppenberg als unkonventionelle "intellectual community" charakterisierte Vereinigung hauptsächlich aus Vertretern des Bildungsbürgertums und der protestantischen Theologie. Zu ihr zählte auch der junge idealistische Theologe Friedrich Naumann, dessen christlicher Staatsgedanke in dieser Zeit auf den entscheidenden Einfluss Stoeckers zurückzuführen ist. Doch 1891 zeichneten sich bereits unüberbrückbare sozialprotestantische Gegensätze zwischen Stoecker und Naumann ab, die schließlich auf der Jahrestagung des Evangelisch-Sozialen Kongresses 1896 in Erfurt zum offiziellen Bruch des Frankfurter Vereinsgeistlichen Naumann mit dem Hofprediger Stoecker führten. Aus im Ansatz liberalen Teilen des ESK ging fünf Monate später Naumanns Nationalsozialer Verein hervor. Naumann wird 1909 im Nekrolog zu Adolf Stoecker seine Distanz zu ihm scharf zum Ausdruck bringen, dessen Politik er für "Patriarchalismus mit Volkserbarmen und Volksverständnis" hielt. "Der demokratische Liberalismus erschien [Stoecker] nur als Durchgangsstufe, vielleicht als Krankheit des Zeitalters, nicht als Grundform neuer Geschichtsperioden." Zu dieser Zeit ist Naumann bereits liberaler Politiker der Freisinnigen Vereinigung. Die religiös-soziale Bewegung schaffte es nicht, im Deutschen Reich vor dem ersten Weltkrieg Fuß zu fassen.

 


4. Vom christlich-sozialen Theologen zum Linksliberalen

4.1. Der Nationalsoziale Verein

Naumanns Nationalsoziale Verein repräsentierte das "sprichwörtliche protestantische Bildungsbürgertum" : neben Pfarrern und Vikaren zählten hauptsächlich Professoren der Sozial- und Geisteswissenschaften in den Kreis um den 36Jährigen. Nicht von ungefähr findet sich auch Max Weber im Dunstkreis des Vereins wieder, zu diesem Zeitpunkt bereits Professor in Freiburg. Er war einerseits Kritiker des Vereinsprogramms , zum anderen übte er großen Einfluss auf Naumann und damit auf den Verein aus. Naumann lernte den Nationalökonom Weber 1893 auf dem ESK in Berlin kennen und in ihm einen "rücksichtslosen Verfechter des Machtcharakter des Staates" .
Das Programm des Vereins war zum Gründungszeitpunkt äußerst schillernd, mit sehr unterschiedlichen Zielsetzungen und Prioritäten. "...nicht weniger als in ein festgefügtes Parteiensystem aus Sozialdemokratie, katholischem Zentrum, Konservativen und dem seit gut zehn Jahren in der Dauerkrise steckenden Liberalismus ein[zu]brechen" war das hochgesteckte Ziel. Dennoch war das Programm auf politischen Konsens und Klassenharmonie getrimmt; die Vereinspolitik gab sich von Klassen ungebunden. Max Weber sezierte diesen kulturprotestantischen "Versöhnungsoptimismus" bis in dessen Grundstrukturen. Seine Kritik richtete sich gegen den "Miserabilitätsstandpunkt" der Naumannanhänger, welcher sie zu "politischen Hampelmännern" machte, denn eine Partei ohne klare Zielvorstellungen sei nicht imstande, Deutschland das Notwendige zu bringen, was es brauche, nämlich eine nationale Demokratie. Und weiter: "Wer irdische Politik betreiben will, muss illusionsfrei sein und die fundamentale Tatsache des ewigen Kampfes der Menschen untereinander anerkennen." Seine Kritik gipfelte in der Empfehlung: "wenn Ihnen die Zukunft der Bewegung am Herzen liegt [müssen Sie] die bürgerlich-kapitalistische Entwicklung wählen" . Naumann wird Webers Worte im Laufe der Zeit beherzigen. Doch zunächst ist er noch der aus der Inneren Mission kommende Vereinsgeistliche, der sich mit seinen christlich-sozialen Anschauungen auf das Feld der Politik begibt. Er ist von der sozialen Arbeit im Dienste der Innere Mission und im "Rauhen Haus" in Hamburg ausgegangen, wo er Wicherns soziales Hilfswerk und die Gedanken eines christlichen Sozialismus kennen lernte, der auch die Kirche in die Pflicht der sozialen Arbeit nahm, statt diese dem Staat allein zu überlassen. Diese Ideen verwertet er anschließend als Pfarrer in Sachsen, bevor er sich unter Stoeckers Einfluss in die politische Richtung begibt.
Es soll kurz erwähnt werden, dass neben die gesellschaftliche Spaltung in verschiedene Klassen die Spaltung in Katholiken und Protestanten tritt, die nicht außer Acht gelassen werden darf. Naumann sah sich nicht nur einer kulturell, sondern auch im Glauben tief gespaltenen Gesellschaft gegenübergestellt. In diese hinein wagte er sein parteipolitisches Experiment.

 



4.2. Naumanns Synthese von Sozialismus und Nationalismus

Naumann hatte bald eingesehen, dass sein Versuch eines christlich-sozialistischen Wertesystems zur gesellschaftlichen Neuordnung als Alternative neben der sozialdemokratischen Zukunftshoffnung nicht leisten konnte, was er sollte. Rückblickend urteilte er, eine Rechristianisierung der Gesellschaft sei geschichtlich überholt gewesen. Die Überwindung des Kapitalismus durch eine Rechristianisierung wurde von ihm dementsprechend aufgegeben.
Nach seiner Trennung von Stoecker 1896 hält Naumann zunächst am christlichen Staatsgedanken fest. Zu dieser Zeit ist er kein Liberaler, eher ein "demokratischer Sozialmonarchist" Doch bereits 1895 hatte die Loslösung vom christlichen Sozialismus begonnen. Diese führt Naumann schließlich dazu, das Christentum lediglich als Zusatz zur bestehenden Kultur zu werten - die Religion wird ins Private zurückgedrängt. Das öffentliche Leben ist mehr und mehr den Gesetzen der Logik unterworfen, der Glaube wird Sache der "inneren Seelenfrage" . In Ermangelung eines klaren Kirchenbegriffs liegt diese Art der Religiosität außerhalb jeglicher Kirchlichkeit. Dadurch wird auch das Problem Kirche und Welt aufgehoben.
Die Auflösung der christlichen Substanz hängt bei Naumann eng mit der Abwendung vom christlichen Sozialismus zusammen; sie bilden die Voraussetzung für Naumanns Nationalstaatsgedanken und seiner national-sozialen Politik. Die Lücke, welche die christliche Komponente hinterlässt, wird mit der nationalen gefüllt und bekommt eine imperialistische Färbung. Die Verlegung auf das nationale Feld ist indes nichts atypisches; für die Zeit nach Abschluss der Nationalstaatsbildung ist eine bis dahin ungeahnte Konzentration von nationalen Kräften kennzeichnend. Um den Anforderungen des modernen Massenzeitalters gerecht werden zu können, sollte das nachbismarckische, staatlich und kirchlich konservative Deutschland nun mit sozialem Geist erfüllt werden. Mit einer neuen Synthese aus Sozialismus und Nationalismus versuchte Naumann, in das festgefügte System einzudringen. Die Eckpunkte nationalstaatliche Integration, politische Partizipation und soziale Verteilungsgerechtigkeit steckten dabei sein Aktionsfeld ab.

Die Züge des modernen, naturalistisch und materialistisch bestimmten imperialistischen Nationalismus prägen das Wesen von Naumanns Konzeption. Anders als bei radikalen Denkern wie Weber behält der Naumannsche Nationalismus aber einen ausgesprochen sozialistischen Charakter. Sein Denken wird lange Zeit von der gesellschaftsverändernden Zukunftsperspektive der Sozialdemokratie geprägt. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Marxschen Theorien, denen Naumann bescheinigte, "erst mal begriffliche Klarheit geschaffen" zu haben, entwickelte er den Begriff des politischen Sozialismus, den er dem (bisherigen) "ethischen" Sozialismus antithetisch gegenüberstellte: "Der ethische Sozialist fordert das Wünschenswerte, der politische Sozialist sucht das mit dem vorhandenen Kräftemaß Mögliche zu erreichen". Alle bisherigen Stadien, die der Sozialismus seit St. Simon über Weitling bis hin zu Marx durchlaufen habe, seien nur Durchgangsstadien auf dem Weg zum politischen Sozialismus.

Naumann geht nicht von einer der Gesellschaft innewohnenden Dialektik als Ursache für die gesellschaftlichen Veränderungen aus, sondern von dem "natürlichen" Bedürfnis unterprivilegierter Klassen nach Verbesserung ihrer materiellen, politischen und geistig-kulturellen Lage. Sozialismus heißt für Naumann: "Mehr Nahrung, Kleidung, Wohnung, mehr Bedürfnisse für das arbeitende Volk" . Damit revidiert er den Marxschen Sozialismus im dem Punkt, da letzterer in der Revolution die einzige Möglichkeit sieht, zum Sozialismus zu gelangen. Auf diesem Wege, so Naumann, könne der Sozialismus nicht umgesetzt werden. Nur durch die stete Verbesserung der Lage und die Befriedigung der Bedürfnisse sei dies möglich. Und er kritisiert Marx in einem weiteren Punkt: die Verwirklichung eines - von Marx geforderten - internationalen Sozialismus als ein "die verschiedenen Nationalstaaten übergreifender Prozess" könne deshalb nicht so verstanden werden, da der Sozialismus an die Entwicklungsstufen der Industrialisierung gebunden sei. Doch bereits zwischen den westeuropäischen Staaten seien deutliche Unterschiede in den Entwicklungsphasen existent. Ergo könne sich die Umsetzung des Sozialismus nur in nationalstaatlichen Grenzen bewegen und nicht, wie von Marx gefordert, staatsübergreifend. Die Konsequenz aus dieser Argumentation ist Naumanns vornehmliche Fokussierung auf die sozialistische Bewegung im Deutschen Kaiserreich. An diesem Punkt befindet sich die Nahtstelle der Naumannschen Synthese von Sozialismus und Nationalismus. Eine bessere Bedürfnisbefriedigung der deutschen Bevölkerung - speziell der unprivilegierten Arbeiterklasse - kann nur erreicht werden, wenn sich Deutschland nicht durch hohe Schutzzollmauern vom Ausland abkapselt und im Zustand eines Agrarstaates verharrt: der Industriestaat Deutschland muss sich dem Weltmarkt öffnen. Nur unter dieser Voraussetzung kann die notwendige Einfuhr von Lebensgütern und Rohstoffen gewährleistet werden. Und erst dann sei eine Umsetzung des politischen oder auch praktischen Sozialismus möglich.
Ein solcher Sozialismus könne, so Naumann, die Kategorie des Nationalen (im militärischen Sinne) nicht ausklammern. Die "reichsdeutsche Volkszukunft" kann nur gesichert werden, wenn die deutsche Nation in die weltweite Verteilung der Güter eingreife - unter Rückgriff auf ihre militärische Stärke. Da Deutschland nicht zu den Großmächten zähle, sondern eine Macht mittlerer Größe sei, habe es, so Naumann, nur die Möglichkeit, sich des Krieges als Mittel zur Selbstbehauptung der Nation zu bedienen, wenn es seine weltpolitischen Einflusssphären erweitern und wahren wolle. Naumann will die Machtvergrößerung des Reiches, deshalb will er den Sozialismus. Imperialismus und Sozialismus gehören bei ihm untrennbar zusammen.

Die Voraussetzung für eine nationalsoziale und damit machtstaatliche Politik sah Naumann im Bestehen eines industriell hoch entwickelten Nationalstaates. Diese Verbindung von politischen und wirtschaftlichen Interessen bzw. Motiven zeichnete Naumanns Denken und das seiner Anhänger aus, was auch terminologisch seinen Niederschlag fand. Die Vereinigten Staaten, England oder Russland bezeichneten die Nationalsozialen als "Großwirtschaftsräume", "Wirtschaftskörper" und "Kolonialreiche". Das nationalsoziale Großmachtdenken wurde also deutlich von wirtschaftlichen Kategorien bestimmt. Verwundern kann dies in einer Zeit immer fortschreitender Industrialisierung und imperialen Machtdenkens allerdings nicht. Ebenso wenig die antienglische Linie, die sich bald wie ein roter Faden durch nationalsoziale Argumentationen zieht. Ausgangspunkt dafür ist "eine nüchterne Bestandsaufnahme der weltpolitischen Lage" oder vielmehr: die Einsicht in die Überlegenheit Englands, die, wollte Deutschland Weltpolitik betreiben, berücksichtigt und in entsprechende Überlegungen einbezogen werden musste. Demzufolge konnten auch die Beziehungen zu anderen Staaten nur vor dem deutsch-englischen Hintergrund betrachtet werden.

In diese Überlegungen und Konzeptionen mischt sich eine "darwinistisch-getönte Geschichtsauffassung" von den "Kämpfe[n] der steigenden und sinkenden Völker", die verbunden seien "mit dem Kampf um den wirtschaftlichen Besitz der Erdkugel". Die Wurzeln dieser Gedanken sind unverkennbar bei Weber zu suchen. Naumanns nationaler Machtgedanke erreichte um 1900 immer größere Stärke: in seinen Äußerungen wechselte er von nüchternen kriegstechnischen Überlegungen zu ins Mystische gehenden Überlegungen über den Wert des deutschen Volkstums für die Zukunft der Menschheitsgeschichte. Deutlich wird dies auch in dem ab der Jahrhundertwende beinahe inflationär gebrauchten Schlüsselbegriff "Neudeutsch" - Zeichen und Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Neuorientierung innerhalb des liberalen Spektrums.

 


4.3. Die Entwicklung zum Liberalismus

Die liberale Ausrichtung Naumanns und damit des offiziell nicht klassengebundenen Nationalsozialen Vereins begann um 1900. Naumann hatte bis dahin stets versucht, das Bürgertum mit der Arbeiterschaft dadurch zu verbinden, indem er ihnen das gemeinsame Interesse am Konsum und damit an der Senkung der Lebenshaltungskosten zuschrieb, welche nur durch die Öffnung der deutschen Wirtschaft zum Weltmarkt erreichbar schien, umgesetzt durch eine gegen Schutzzölle gerichtete Politik. In einer Zeit aber, in der das deutsche Parteiensystem auf einer durch tiefe Grundsätze sozialer Schichten geprägten Gesellschaft basierte, kam es zu einer Anspannung zwischen der klassenlosen Politik des Vereins und der bestehenden Dominanz des Bürgertums unter den Anhängern der Bewegung. Diese stammten eindeutig aus der Wählergruppe der linksliberalen Parteien. Der große Anteil an Klein- und Bildungsbürgern musste zu einer Annäherung der Politik des Vereins und damit Naumanns an liberale politische Werte führen.

Naumann beginnt, sich mit der Geschichte des Liberalismus in Deutschland auseinander zu setzen und diesen kritisch zu reflektieren. Anlass dazu ist "die fünfzigste Wiederkehr des Jahres, in welchem es dem Liberalismus nicht gelang, politische Freiheit und nationale Einheit zu realisieren" . Er analysiert zwei historische Fehlentwicklungen des Liberalismus: den einen sieht er in der Spaltung von 1866 in Nationalliberale und Fortschrittspartei, den anderen darin, "dass er die soziale Entwicklung nicht mitmachte und damit die großen Arbeitermassen abstieß", also seinem angestammten Milieu verhaftet blieb. Nach Überwindung seiner Fehler in der Vergangenheit müsse sich der Liberalismus nun neue Inhalte geben: eine enge Synthese aus freiheitlicher Tradition und nationalen und sozialen Gehalten, um die aus eigenem Verschulden verlorenen Wählermassen zurückzugewinnen, denn "was hilft Geist ohne Einheit und Masse?" Es gilt also, die gesamten linksliberalen Kräfte zusammenzufassen, um - gemeinsam mit der Sozialdemokratie - ein Bündnis gegen die Parteien der "Sammlung", den Nationalliberalen und Konservativen, einerseits und dem ständig an Einfluss gewinnenden Zentrum andererseits zu installieren.

Er entwickelt den Gedanken eines Gesamtliberalismus und ist damit relativ up to date - auch im Linksliberalismus denkt man verstärkt darüber nach, wie zumindest die linksliberalen Kräfte in Deutschland wieder zusammengeführt werden könnten. Naumann wollte jedoch die Spannweite des Gesamtliberalismus "von Bassermann bis Bebel" ausdehnen, so dass sie die gesamte politische Linke inklusive der Sozialdemokratie umfasste. "Die sozialdemokratische Bewegung gehört, insofern sie demokratisch ist, zum politischen liberalen Gedanken", denn, so Naumann, durch die Entwicklung der Parteien zu Interessensvertretungen habe eine Trennung in einen "bürgerlichen" und einen "proletarischen Liberalismus" stattgefunden, die nun wieder zusammengeführt werden sollten. Die notwendige Konsequenz aus der Einsicht in die historischen Fehler des Liberalismus sei es, eine industrialistische politische Organisation der gesamten Linken zu bilden. Für diese "Neuwerdung des Liberalismus" sollten die Sozialdemokratie und alle bürgerlichen liberalen Parteien zu gemeinsamem Handeln zusammengefasst werden.

Die Voraussetzung dafür sah Naumann einerseits darin, inwieweit es gelinge, die Sozialdemokratie in eine "nationale, praktisch-politische Partei" umzuwandeln. Er forderte also die Loslösung vom Marxismus. Vom Liberalismus erwartete er, dass dieser "die soziale und politische Bedeutung der Arbeiterklasse" anerkenne, so nachzulesen in den "Nationalsozialen Leitsätzen über die Stellung zum Liberalismus". Damit war der Nationalsoziale Verein programmatisch zum Liberalismus übergetreten und zum Protagonisten der "liberalen Gesamtbewegung" geworden; fortan betrachtete er sich als eine Gruppe des politischen Liberalismus - allerdings als eine sowohl das Bürgertum als auch die Arbeiterschaft politisch-ideell umfassende. Grundsätzlich schien es für Naumann möglich, dass reformorientiert eingestellte Sozialdemokraten mit Liberalen und Vertretern kapitalistischer Interessen Bündnisse schließen könnten. Die "geistige Einheit" gegenüber den "beträchtlichen Resten vorkapitalistischer Zustände, Empfindungen und Absichten" würde diese Gruppierungen miteinander verbinden.
Der Zweck, den Naumann mit seiner gesamtliberalen Ideologie verfolgte, war die Verschmelzung des sozial und ideell völlig desintegrierten Liberalismus zu einer Einheit, was wenigstens teilweise und erst 1910 gelingen sollte. In der eigenständigen Position des Nationalsozialen Vereins jedoch scheiterte dieses Vorhaben.
Die Wahlniederlagen 1898 und 1903 führten schließlich zur Auflösung des Vereins und zum anschließenden Beitritt der meisten Mitglieder zur Freisinnigen Vereinigung. Eine Fusion im eigentlichen Sinne wurde trotz intensiver Verhandlungen zwischen Naumann und Barth vom Großteil der Freisinnigen abgelehnt. In dieser wie eine weitere Episode in der deutschen Parteiengeschichte wirkenden "Fusion" sieht Hübinger allerdings eine "entscheidende Endphase in einem langfristigen europäischen Transformationsprozess", einen "Indikator für die ... zu einem Abschluss kommende ‚hundertjährige Revolution' aller Lebensbedingungen im Durchbruch zur hochindustrialisierten Massengesellschaft" .



4.4. Die Wahrung der Menschenrechte im Kapitalismus

Nach der "Fusion" mit der Freisinnigen Vereinigung 1903 entwickelt Naumann eine "neudeutsche" Politikkonzeption, das als linksliberales Reformkonzept die Kooperation der "deutschen Linken" ermöglichen soll. Das Entscheidende an diesem Konzept ist die neue Akzentuierung: Naumann ist dazu übergegangen, die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus anzuerkennen und ihn damit einzubeziehen. Er strebte nun nicht mehr die Überwindung und auch nicht eine Verchristlichung, sondern eine kultur- und sozialprotestantische Einbettung des Kapitalismus an. Der Sozialismus sollte hierbei durch soziale und Partizipationselemente als Korrektiv des Kapitalismus wirken.
Das weiterhin steigende Bevölkerungswachstum in Deutschland bildete für Naumann nun eine elementare Wirtschaftskraft und belegt die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Zugleich stellte das Bevölkerungswachstum eine bedeutende wirtschaftliche Aufgabe dar. Die sozialen Verhältnisse des Reiches, seine innere Struktur und die politischen Partizipationsmöglichkeiten standen, so die neudeutschen Programmatiker um Naumann, in deutlichem Widerspruch zu der dynamischen, ja rasanten Entwicklung der Industriegesellschaft. Es mussten also kulturpolitischer Maßstäbe für eine neudeutsche Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik entwickelt werden, auf deren Basis das Zusammengehen von Liberalen, Sozialisten und Kapitalisten möglich werden sollte.
Im Zeitalter der Hochindustrialisierung und der ständig steigenden Zahl der Arbeiter sah Naumann die Gefahr der "Entpersönlichung" der Menschen. Er stellte also die Frage, wie im Zeitalter der Großbetriebsentwicklung die Menschenrechte erhalten und gewahrt bleiben können. Die Arbeiterfrage wird zur Menschenrechtsfrage. Um die Menschenrechte auch für die Arbeiterschaft wahren zu können, müsse ihr also nicht nur Partizipation am nationalen Staat, sondern ebenso am "Wirtschaftsstaat Großbetrieb" gewährt werden. Diese soll über den Weg der Genossenschaften und des Fabrikparlaments erreicht werden. Es geht Naumann also um eine Demokratisierung der Fabriken. Aufgabe des Liberalismus sei es nun, das Ideal einer Wirtschafts- und Sozialverfassung zu erarbeiten, welche grundlegende Menschenrechte jedem Einzelnen auch im Wirtschaftsleben zusichere. So wie der Monarch in seiner Macht durch die Verfassung beschränkt wird, so soll die Macht der Fabrikbesitzer durch eine Wirtschafts- und Sozialverfassung auf ein "zur Betriebserhaltung notwendiges Maß" beschränkt werden. So werde die Motivation der Arbeiter gesteigert; die "selbstgewollte Leistung" führt zu einer weiteren Steigerung der wirtschaftlichen Leistungskraft.
Die Demokratisierung der Großbetriebe muss von einer Nationalisierung der Massen begleitet werden. Naumann schreibt dem Nationalismus eine persönlichkeitsbildende Kraft zu - Menschwerdung, Nationalisierung und Weckung der Verantwortlichkeit für das große Ganze sind miteinander verquickt. Doch erst die Nationalisierung kann das tiefste Problem des Massen- und Industriestaates lösen, nämlich "die Begründung des politischen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland auf dem Felsengrund selbständiger, freier Menschen" .

 



5. Einordnung Naumanns und Ausblick - Resümee


Der Liberalismus erfüllte Naumanns Hoffnung auf Vereinigung mit der Sozialdemokratie nicht, denn er überwand nie ganz die Unsicherheit gegenüber der massendemokratischen Bewegung. Selbst die Zusammenarbeit in der Zeit der Weimarer Republik, die Naumann nur anfänglich miterlebte, war lediglich eine Vorstufe in Naumanns Konzeption auf dem Weg zu einem Gesamtliberalismus "von Bassermann bis Bebel". Auf seinem Weg vom christlichen Sozialismus in den Linksliberalismus sensibilisierte er sowohl Protestantismus als auch Liberalismus für die Aufgabe der Sicherung von Freiheitsrechten und Partizipations-möglichkeiten in der industrialisierten Arbeitswelt. Er politisierte die protestantischen Mittelschichten und machte die Verwissenschaftlichung ökonomischen und sozialen Denkens wie das eines Max Webers einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Er vermittelte als Politiker im Problemaustausch von Theologen und Nationalökonomen, welcher das kulturprotestantische Bild der klassenantagonistischen Industriegesellschaft ändern half. Naumann trug damit wie Schrader oder Barth zur Revision ursprünglicher Feindbilder bei.
Das große Anliegen des Liberalen Naumann war die Gesellschaftspolitik, in welcher er die traditionelle protestantische Fixierung auf den Staat überwand. Trotzdem konnte er das grundlegende Anliegen seiner christlich-sozialen Frühphase - die Freiheit und Persönlichkeitswürde - in seine Reformkonzeptionen integrieren. Zwar gelang es erst unter den Bedingungen der Weimarer Republik in Ansätzen, die von Naumann grob skizzierte Idee einer Wirtschafts- und Sozialverfassung umzusetzen. Die Verfassung der ersten deutschen Republik verdankt ihm jedoch wesentliche Impulse im Bereich der Gleichstellung von Arbeitern und Unternehmern. Die für den Liberalismus zentrale Leistung Naumanns ist sein Einfluss hinsichtlich der inhaltlich neuen Orientierung auf eine aktive Sozialpolitik, die schließlich half, den Linksliberalismus zu einigen. Lambsdorff: "Darum ist es wichtig, in der sozialen Tradition Friedrich Naumanns ... wieder bewusst zu machen: Erst die enge Verbindung von Freiheit und sozialer Verantwortung schafft das verlässliche Fundament für nachhaltige Sozialpolitik..."

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Literaturverzeichnis


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Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1989

Friedrich-Naumann-Stiftung

Autor: Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: Politische Kultur des Kaiserreiches (HpS) SoSe 2003 (D: Hahn)
Benotung: 1,3

 

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