Beginnendes Entstehen der deutschen Parteien im 19. Jahrhundert
 

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"...aus dem Untertanentum kann uns kein Machtgebot erlösen, da müssen wir uns erst selbst zu Staatsbürgern durch politische Bildung gemacht haben."

(aus den Trierer "Demokratischen Flugblättern" vom 5. Oktober 1848)


Inhalt:


1. EINLEITUNG
2. DIE ANFÄNGE DER PARTEIEN WÄHREND DER ZEIT DES FRÜHKONSTITUTIONALISMUS
2.1. DIE ALLGEMEINE SITUATION IN DEUTSCHLAND
2.2. DIE EINZELNEN STRÖMUNGEN
2.2.1. DIE LIBERALEN
2.2.2. DIE BÜRGERLICHE LINKE
2.2.3. DIE ARBEITERBEWEGUNG
2.2.4. KONSERVATISMUS UND POLITISCHER KATHOLIZISMUS
3. DAS ENTSTEHEN DES NATIONALGEDANKENS IN DEUTSCHLAND
4. DIE ZEIT AB DER FRANKFURTER NATIONALVERSAMMLUNG
4.1. DAS PARLAMENT
4.2. ERSTE VERSUCHE DER ORGANISIERUNG ALS PARTEIEN
5. FAZIT UND AUSBLICK


1. EINLEITUNG


Wenn man sich mit Parteien im allgemeinen und mit den europäischen bzw. deutschen im besonderen befaßt, ist es notwendig, sich mit ihren geistigen Wurzeln und ihrer Entstehungsgeschichte zu beschäftigen, ohne deren Kenntnis beispielsweise die Positionen, die Parteien zu bestimmten Issues beziehen, nicht oder nur teilweise verständlich sind.
In der Geschichte der Demokratisierung und Industrialisierung nimmt Deutschland eine Sonderstellung ein. Im Vergleich zu England, wo die industrielle Revolution bereits in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts einsetzte, begann sie in Deutschland in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts sehr spät. Ähnlich verhält es sich mit der Demokratisierung. Auch hier liegt die Entwicklung zur Demokratie in England weit vor der Deutschlands. "England konnte [...] im Übergang zum modernen Staat den zentralistischen (Frankreich) wie partikularistischen (Deutschland) Absolutismus vermeiden und [...] frühzeitig ein staatlich-politisches Integrationsorgan für die Parteiungen" herausbilden. Dies lag auch darin begründet, daß erst die Möglichkeit des (erweiterten) Wahlrechts und politischer Partizipation eine Wählerschaft mit zunehmendem Gewicht erschafft und dadurch auch eine organisierte Parteienstruktur als "Instrument kontinuierlicher Einflußnahme auf die politische Meinungsbildung" erfordert.
In Deutschland begannen sich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Revolution von 1848/49, erste Fraktionen innerhalb der Frankfurter Nationalversammlung zu formieren, worauf die allmähliche Bildung eines Parteiensystems folgte.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Anfänge politischer Aktivität und Willensbildung im Deutschland des 19. Jahrhunderts darzustellen. Besondere Schwerpunkte werden hierbei die ersten Vorläufer der späteren Parteien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihr geistiger Hintergrund und damit im Zusammenhang der Nationalgedanke dieser Zeit sein.

 

 

2. DIE ANFÄNGE DER PARTEIEN WÄHREND DER ZEIT DES FRÜHKONSTITUTIONALISMUS
2.1. DIE ALLGEMEINE SITUATION IN DEUTSCHLAND


Die Anfänge bzw. Vorläufe der deutschen Parteien gehen einher mit einem zunehmenden politischen Interesse in der gesamten Bevölkerung, zeitlich einzuordnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es entwickeln sich verschiedene Richtungen des Zeitgeistes, Gesinnungen, beseelt durch die Ideen der französischen Revolution und im wachsenden Gefühl des Nations - Seins im Ringen mit Napoleon. Es entwickeln sich bis zur Frankfurter Nationalversammlung 1848 fünf politische Richtungen. Den stärksten Anklang findet der Liberalismus, von dem sich die bürgerliche Linke mit ihrem demokratischen Gedankengut abspaltet und zur (radikal-) demokratischen Gesinnung wächst; weiterhin der politische Katholizismus, der Konservatismus und relativ spät - erst in den 40er Jahren - kommen sozialistische Ideen auf.
Das wachsende Interesse an politischer Aktivität und Partizipation immer größerer Bevölkerungsteile und die Formierung der jeweiligen Strömungen resultieren aus der sich wandelnden Situation in Deutschland und Europa. Die althergebrachte Ständegesellschaft beginnt sich im 18. Jahrhundert aufzulösen, es kommt zum Wegfall gewohnter Zugehörigkeiten, die "Wertekrise Europas" hat begonnen. Aus diesen Faktoren resultiert die beginnende Vereinsbildung: der Verlust alter korporativer Bindungen soll durch neue gesellschaftliche Strukturen aufgefangen werden. Nicht nur der Anteil des Bildungsbürgertums wächst, auch die Industrialisierung bringt eine weitere Führungsschicht, nämlich die der bürgerlichen Industriellen, hervor, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht diese auch auf politischer Ebene durchzusetzen wünscht. Weiterhin werden immer mehr staatliche und militärische Führungsaufgaben von Bürgerlichen wahrgenommen, welche das System funktionsfähig halten, von politischer Partizipation jedoch ausgeschlossen bleiben.
Hinzu kommt die rasante Entwicklung der Presselandschaft in Deutschland. Die vielseitigste und dichteste findet sich in Thüringen, resultierend aus der "jahrzehntelangen, produktiven Tradition geistiger Toleranz und Meinungsvielfalt in den thüringischen Kleinstaaten seit der Aufklärungszeit" , gefördert auch durch die liberale Politik Herzog Carl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach. Eines der zeitweise "wichtigste(n) deutsche(n) Rezensionsorgan(e)" zum Beispiel erschien in Jena: die "Allgemeine Literatur-Zeitung". "Die Lese- und Bildungsexplosion führte zur Formation einer informierten Schicht von Autoren und Lesern, die nicht einsehen wollten, weshalb ihre politischen Diskussionen folgenlos bleiben sollten." Aus diesen Diskussionsgemeinschaften entwickelt sich das Bedürfnis nach Vereinigung. Dem steht das auf Landesebene erlassene absolute Parteienverbot entgegen, das 1834 durch den Deutschen Bund bestätigt und erst 1848 aufgehoben werden wird. Also ist es notwendig, andere Möglichkeiten des Zusammenschlusses zu finden. Ergebnis sind viele Vereinsgründungen, die als Kryptoparteien fungieren. Es bilden sich Vereine mit Namen wie Casino oder Harmonie; Gesangs- und Turnvereine werden zu diesem Zweck neu gegründet oder wandeln sich zu politischen Diskussionsrunden, selbst wenn sie im Ursprung gar nicht politisch waren. Weiterhin kommen die in den 20er Jahren aufgrund der Befreiung Griechenlands 1821 gegründeten Griechenvereine hinzu, in den 30er Jahren bilden sich Polenvereine mit ähnlichem Hintergrund. Diese Zusammenschlüsse sind meist liberal. In den anderen politischen Strömungen kann zum Teil auf ein existierendes Netzwerk von Verbänden zurückgegriffen werden, so etwa im Konservatismus und politischen Katholizismus. Bei diesen Kryptoparteien handelt es sich jedoch noch nicht um politische Parteien im heutigen Sinne und damit im Zusammenhang bei den "Mitgliedern" auch nicht um "Parteimitglieder". Die politische Zugehörigkeit zu einer Strömung resultiert aus der persönlichen Überzeugung jedes Einzelnen. Im 19. Jahrhundert wird Partei auch ohne Organisation, eben als Meinungsströmung definiert und verstanden. Diese Zugehörigkeit "lediglich" über die Gesinnung zu definieren und damit einher gehend eine Abneigung gegen Vereine als Instrument politischer Organisation ist insbesondere Markenzeichen und später auch die Achillesferse des Liberalismus. Die Liberalen und Radikalen sollen im Vergleich zu den anderen Strömungen im folgenden Kapitel ausführlicher betrachtet werden, da der Liberalismus mit all seinen Richtungen innerhalb der Strömung der populärste war und deshalb auch als Zeitgeist verstanden werden kann, der diese Epoche prägte.

 


2.2. DIE EINZELNEN STRÖMUNGEN
2.2.1. Die Liberalen


Im Vergleich zu den USA und Westeuropa blieb der Liberalismus in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein hauptsächlich geistig-kulturelles, auf Literatur, Wissenschaft und Publizistik beschränktes Phänomen, das die politische Entwicklung nur mittelbar und verzögert beeinflussen konnte und im wesentlichen auf philosophisch-theoretischen, politischen und sozialökonomischen Tendenzen basierte. Liberalismus bedeutete "Freiheit, Selbstbestimmung und Mündigkeit, Individualismus und Rationalismus; Fortschritt, Dynamik und Mobilität; Kritik an Absolutismus und Gottesgnadentum, Willkür und Gewalt; Säkularisierung, Trennung von Staat und Gesellschaft, Verfassungs- und Rechtsstaat mit Grundrechten, Repräsentation und Gewaltenteilung, Republikanismus und Kosmopolitismus, Rechtsgleichheit, Kontrolle, Transparenz..."
Wie im vorangegangenen Kapitel bereits dargelegt, verstand sich insbesondere der Liberalismus als Gesinnung und war zudem eine weit verbreitete, insbesondere im Bildungsbürgertum, zu welchem auch zahlreiche Beamte zählten. Seine Wortführer stammten meist aus dieser Schicht, dennoch erfaßte der Liberalismus breite Bevölkerungsschichten. Es können innerhalb des Liberalismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei Hauptströmungen ausgemacht werden: einerseits die "Partei der behutsamen Reformen" und andererseits die "Bewegungspartei" , wobei letztere mit der Zeit an Popularität gewann. Beide verfolgten ähnliche Ziele, sie unterschieden sich hauptsächlich in dem anzuschlagenden Tempo bei der Umsetzung ihrer Forderungen. Als Hauptziele wären der deutsche Bundesstaat anstelle des existierenden losen Staatenbundes und die Sicherung von Freiheit und Eigentum zu nennen. Zu den Vorkämpfern der Bewegungspartei gehörten u.a. Carl von Rotteck, der Verleger Brockhaus und Heinrich von Gagern, der spätere Vorsitzende des Frankfurter Nationalversammlung, um nur einige zu nennen. Zwischen all jenen Männern existierte ein rege gepflegtes Beziehungsnetz durch Korrespondenz und Reisen sowie Veröffentlichungen.
Am Vorabend der Revolution läßt sich der Liberalismus jedoch nicht mehr lediglich in zwei Richtungen unterscheiden. Ein Zeitgenosse bemerkte 1851 rückblickend: "Vor dem März 1848 hatten wir eine große liberale Partei, wenn man mit dem Namen einer Partei ein seltsames Gemisch von allen möglichen oppositionellen Elementen gegen die Regierung ohne bestimmt formuliertes Programm belegen darf." Und in diesem Zitat ist auch der Oppositionsgedanke des Liberalismus belegt, welcher in der Vorstellung der einen großen (liberalen) Partei als Block gegen die Regierung verwurzelt ist. Zwar begann sich der Liberalismus während des Vormärz´ und insbesondere während der Frankfurter Nationalversammlung weg zu entwickelten von der "Opposition aus Prinzip", verblieb jedoch in der parlamentarischen Opposition.

 

2.2.2. Die bürgerliche Linke


Aus dem Liberalismus mit seinen verschiedenen inneren Richtungen bildete sich die bürgerliche Linke heraus und spaltet sich von der Kernströmung des Liberalismus ab. Ihrer Zeit etwas voraus wurde diese Strömung als radikal empfunden, weshalb sie wohl auch die spannendste ihrer Zeit sein dürfte. Sie werden zunächst als Ultraliberale bezeichnet, erst mit der Zeit setzt sich die Bezeichnung als Radikale durch. Bezeichnend für sie ist ihre weitere Auffassung der Gleichheit, als man dies bei den Liberalen findet: sie fordern Freiheit nicht nur vor dem Recht, sondern die Beseitigung aller Privilegien, weiterhin soziale Menschenrechte, das Recht auf Lebensunterhalt, Erziehung und würdige Selbstentfaltung. Man könnte es auch in die kurze Formel "Wohlstand und Bildung für alle" fassen. Der Staat soll also erstmals sozialpolitisch in die Pflicht genommen werden. Jedoch wollen sie keine "Gleichmacherei" wie es etwa die sozialistischen Ideen fordern. Verfassungspolitisch waren sie Republikaner. Ein Zeitgenosse, der auch zu dieser Strömung zählt, ist Georg Büchner. In seinem Hessischen Landboten von 1834 wird die Forderung nach Gleichheit deutlich:
"Was ist denn nun das für ein gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat Der Staat also sind ALLE; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl ALLER gesichert wird, und die aus dem Wohl ALLER hervorgehen sollen..."
Die demokratische Gesinnung hatte ihre eifrigsten Vorkämpfer unter Jungakademikern, wie eben Büchner, hinzu kamen frühere Liberale, welche sich aufgrund andauernder Reformunwilligkeit der Regierungen zu entschiedenen Positionen entwickelten. Sehr häufig waren die Anhänger Studenten, aber auch Professoren gehörten dieser politischen Strömung an. Man denke hier nur an den Historiker Heinrich Luden und die Philosophen Lorenz Oken und Jakob Friedrich Fries, welche als politische Professoren bezeichnet werden, und in der Blütezeit des politischen Professorentums in Jena an der Friedrich - Schiller - Universität lehrten. "Männer wie ... [diese] schwangen sich vom Katheder aus zu politischen Wortführern der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft auf und setzten von Amts wegen, d.h. per officium eine liberal-nationale Bewegung in Gang, die aufgrund ihrer relativ einheitlichen Programmatik und ihres deutlich erkennbaren Organisationsgrades bereits als Vorstufe einer politischen Partei anzusehen ist." Durch ihre Position als Lehrende erreichten sie eine Großzahl der Studenten, welche sich 1815 in Jena zur Urburschenschaft zusammenschlossen. Sie wird Vorbild für sämtliche folgenden Gründungen von Burschenschaften an anderen Hochschulen in Deutschland.
Das erste Zentrum des jungen Radikalismus war Gießen und dort wiederum die Burschenschaft, die "Gießener Schwarzen", bei denen die Brüder Follen, darunter Carl Follen eine maßgebliche Rolle spielten. Hier wurde unter anderem auch der Entwurf einer landständischen Verfassung in geheimem Kreis vorgelegt und diskutiert. Dr. Carl Follen kam 1818 als Dozent nach Jena und wird hier auch zu dem Kreis der Jenaer Burschenschaft und den mit ihnen im ständigem Austausch stehenden politischen Professoren Luden sowie Fries gerechnet und hatte nachweislich auch mit Heinrich von Gagern Kontakt. Aus dem Kreis der Jenaer Burschenschaft entstammte auch der Kotzebue-Attentäter Carl Ludwig Sand, der den russischen Staatsrat August von Kotzbue im März 1819 ermordete. Auf dieses Attentat folgten lange Untersuchungen der Centraluntersuchungscommision Mainz und im selben Jahr die Karlsbader Beschlüsse, welche die Strömung der Linksliberalen unterdrücken sollte und viele Radikale ins Exil nötigte, so auch Anfang der 20er Jahre Carl Follen.
Mit dem 1832 abgehaltenen Hambacher Fest erreichte der Radikalismus "den Scheitelpunkt seines Neuaufstiegs" . Unter den in Hambach versammelten 20.000 Menschen handelte es sich sicherlich oft um Liberale, die Redner hingegen können eindeutig der frühen deutschen Demokratie zugeordnet werden. Die bürgerliche Linke hatte versucht, sich nach den Restriktionen der Karlsbader Beschlüsse in dem Anfang 1832 gegründeten demokratischen Preß- und Vaterlandsverein erneut zu organisieren. Dieser wurde jedoch nach dem Hambacher Fest unterdrückt, den Hambacher Rednern der Prozeß gemacht und zahlreiche Verfahren gegen radikale Vertreter eingeleitet Wiederum gingen viele Anhänger ins Exil, der Radikalismus war schwer getroffen. Erst in den 40er Jahren konnte er sich ungehinderter entfalten. Die wichtigste Demonstration des Radikalismus im Vormärz war die Offenburger Volksversammlung 1847, auf der ein knapper 13-Punkte-Katalog von "Forderungen des Volkes" erarbeitet wurde, wobei die Forderung der Republik in bewußter Zurückhaltung fehlte. Einen Organisationsversuch wie den von 1832 wagten die Radikalen nun nicht mehr, sondern konzentrierten sich auf die publizistische Arbeit, besonders in Kleinstaaten mit minder strenger Zensur.

 

2.2.3. Die Arbeiterbewegung

Das sozio-kulturelle Arbeitermilieu entstand aus dem Zusammentreffen agrarischer und handwerklicher Verhaltensweise unter dem Druck eines tiefgreifenden Wandels. Dies ließ eine Subkultur entstehen, die gleichzeitig Deutungsformeln für die unterprivilegierte Lebenslage wie Ansprüche auf politisch-kulturelle Emanzipation entwickelte. Aus dieser vorsozialistisch geprägten Subkultur formierte sich die politische Arbeiterbewegung, in die schätzungsweise 50% der Arbeiterschaft integriert wurde. Die politische Arbeiterbewegung begann sich Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre in Deutschland zu formieren. Zu den bekanntesten Vertretern gehören Karl Marx und Friedrich Engels, die, im Londoner Exil lebend, der deutschen Arbeiterbewegung Orientierung und Sprachrohr wurden. Wilhelm Weitling war jedoch der erste deutsche Autor, der die Besserung der Lage des vierten Standes nur durch Veränderung der bestehenden Eigentumsverhältnisse umsetzbar sah. Marx hatte, als Angehöriger der Hegelschen Linken und Mitarbeiter der radikalen Rheinischen Zeitung bis zu deren Verbot 1834, mit seiner "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie"(1844) einen entscheidenden Einfluß auf das sozialistische Konzept. Er forderte wie Weitling die radikale Revolution, die nur vom Proletariat ausgehen könne, um die bestehende Gesellschaftsordnung umzuwälzen. Fruchtbar war Marx´ Zusammenarbeit mit Friedrich Engels, "dessen Kommunismus-Reden und die ,Lage der arbeitenden Klassen in England´ (1845) das System des bald so genannten Wissenschaftlichen Sozialismus in knappster Zusammenfassung enthielten...." Es wurde Anfang 1846 in Brüssel das Kommunistische Korrespondenzbüro gegründet, mit Zweigstelle in London. Als sozialistische Exilisten, darunter Weitling, von Paris nach London umsiedelten, wurde London auch die Zentralstelle des Korrespondenzbüros. Die britische Hauptstadt wurde zum Ort intensiven Ringens um die verschiedenen sozialistischen Konzeptionen. Hier wurde auch 1847 von den aus Paris umgesiedelten Sozialisten der erste Kommunistenkongreß abgehalten. In diesem Rahmen benannten sie sich hier in den "Bund der Kommunisten" um. Anstelle des Mottos "Alle Menschen sind Brüder" wurde die Parole "Proletarier aller Länder vereinigt euch" gesetzt.

 


2.2.4. Konservatismus und politischer Katholizismus

Der Konservatismus als Begriff all derjenigen politischen Kräfte, die rechts vom Liberalismus standen, wurde erst in den 30er Jahren gebräuchlich. Zunächst wurden seine Anhänger als Reaktionäre, Royalisten oder Stillstandspartei bezeichnet. Diese Bezeichnungen lassen einfache Rückschlüsse auf das Programm des Konservatismus bzw. dessen Gedankenwelt zu. Konservativ war, wer "mit Maß und Ziel das Alte zu behaupten und den Strom der Zeit, wenn (er) ihn auch nicht aufhalten kann noch will, in einem geregelten Bette zu erhalten sucht". Innerhalb des Konservatismus lassen sich drei Richtungen ausmachen. Zum ersten der altständische, welcher antiliberal, überwiegend antibürgerlich, antiparlamentarisch und oft sogar auch antikapitalistisch war. Als weiteres der legitimistische Konservatismus, welcher den altständischen nach 1815 ablöste und hingegen auf Stabilität und status quo-Erhaltung setzte, getragen von der Neuordnung des Wiener Kongreß´ und im Zeichen der christlich-romantischen Ideologie der Heiligen Allianz. Er richtete sich gegen progressiven Nationalismus, Liberalismus, Verfassungsbestrebungen und eine Erweiterung bürgerlicher Freiheiten. Nationalpolitisch blieben die Konservativen eher zurückhaltend; sie erkannten die 1815 geschaffene europäische Ordnung und damit den Deutschen Bund an. Der reformistische Konservatismus trat daneben in den 40er Jahren in Erscheinung und vollzog die Abwendung von Beharrung auf ständischen Rechten und absoluter Gewalt der Monarchie hin zur Anerkennung des Konstitutionalismus und eines rechtsstaatlich-institutionellen "monarchischen Prinzips", welches jedoch parlamentarisch noch nicht wirksam beschränkt war. Es kam zu einer Verringerung des Abstandes zwischen Konservativen und Liberalen. Der Konservatismus war hauptsächlich in der Landbevölkerung, also unter Bauern und Gutsadel, verbreitet (z.B. in den ostelbischen Gebieten), hatte aber auch städtische Bastionen. Unter den Wortführern des Konservatismus findet sich eine geringere Neigung zur Gruppenbildung als es bei Liberalen oder Radikalen zu beobachten ist. Doch auch bei ihnen existierte ein dichtes informelles Beziehungsnetz; erst in den 40er Jahren, als um so deutlicher wurde, daß der Liberalismus stärkster Meinungsführer war, begann auch das konservative Lager die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Indes war dies nicht so schwierig, konnte sich der Konservatismus auf die agrarischen Verbände als bereits vorhandenes Vereinsnetz stützen.
Der politische Katholizismus beginnt sich etwa 1810 zu entfalten, bleibt zum Anfang jedoch fast ausschließlich auf Kleriker beschränkt. Es bildeten sich zwei Gruppen, einerseits der Mainzer Kreis, ausschließlich bestehend aus Klerikern, und der Münchner Kreis, zu dem auch Bürgerliche zählten. Grund für die Bildung dieser Strömung waren viele Probleme der Kirche, die sowohl durch die territoriale Neuordnung Deutschlands als auch die Säkularisierung entstanden. Vertreter der Strömung traten für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Kirche ein; sowohl die Zuständigkeiten für die Bildung (Schulfrage) als auch die Hoheit über die Eheschließung und Geburten- und Todesregister sollten in Kirchenhand bleiben. Die verfassungspolitische Gedankenwelt sah einen fortentwickelten Ständestaat vor, wobei die Arbeiterschaft in die ständische Gesellschaft mit einbezogen werden sollte. Ihre Deutschlandpolitik war großdeutsch und habsburgerisch ausgerichtet. Die Organisation der Anhängerschaft war für den politische Katholizismus ein geringeres Problem, konnte er sich doch auf das ausgebreitete kirchliche Vereinswesen stützen, wobei die Vereine an sich unpolitisch waren, unter geistlicher Leitung jedoch meinungsprägend wirkten.

 

 

3. DAS ENTSTEHEN DES NATIONALGEDANKENS IN DEUTSCHLAND


[ in Überarbeitung]

 

 

4. DIE ZEIT AB DER FRANKFURTER NATIONALVERSAMMLUNG
4.1. DAS PARLAMENT


Erstmals realpolitisch zum Tragen kam der Gedanke des politisch handelnden Volkes als geschlossene Nation zu den Wahlen der Frankfurter Nationalversammlung 1848. Hier konnten auch vormals Unprivilegierte das erste Mal ein gesamtdeutsches Parlament wählen. Die Versammlung trat erstmals am 19. Mai 1848 unter Heinrich von Gagern zusammen und erarbeitete bis 1849 eine nationale Verfassung. Insgesamt gehörten dem Parlament 812 Abgeordnete an, von denen über die Hälfte, nämlich 436, aus dem Bildungsbürgertum stammten und zumeist einen akademischen Abschluß vorweisen konnten. Deshalb wurde die Frankfurter Nationalversammlung auch als "Professorenparlament" bezeichnet. Sehr bald wurde die Notwendigkeit der Fraktionsbildung erkannt, um in einem solch großen Parlament effektiv arbeiten zu können. Das Ideal, in freier Diskussion den allgemeinen Willen zu ermitteln, wurde in der Praxis zugunsten der Fraktionen aufgegeben, in welchen die wichtigen Entscheidungen gefällt wurden und die Plenardebatten weniger der Überzeugung politisch Andersdenkender als zur Beeinflussung der nationalen Öffentlichkeit dienten. Sehr rasch entwickelten sich in allen politischen Richtungen Gruppierungen , die ihre Namen wie Würtemberger Hof, Westendhalle, Landsberger Hof, Casino, Augsburger Hof oder Deutscher Hof den Tagungsorten der Fraktionen verdankten. Die frühe Entwicklung von Fraktionen verursachte den Liberalen Unbehagen, was ihren Repräsentanten Heckscher das verbale Bild zeichnen ließ von einer "Versammlung, welche erst noch ins Leben tritt, welche betroffen ist über ihre eigene Macht, erschrocken beinahe über ihr eigenes Dasein, und vor lauter Besorgnis noch nicht weiß, wozu sie befugt ist, und mit welcher Entschiedenheit sie es aussprechen soll." Die Parlamentarier waren sich durchaus der großen Bedeutung der Fraktionen bewußt. Sie setzten die Regierung ein und kontrollierten sie; arbeiteten eng mit ihr zusammen und versuchten, die Ziele der verschiedenen gesellschaftlichen Interessensgruppen in den parlamentarischen Entscheidungsprozeß mit einzubeziehen. Die Fraktionen gaben sich auch bereits feste Parteiprogramme. So forderte z.B. der Deutsche Hof die sofortige Festschreibung der Grundrechte und das parlamentarische Regierungssystem. Der Würtemberger Hof zielte auf "einen Bundesstaat mit konstitutionell-monarchischer Verfassung". Der Streit um die zukünftige Staatsform - ob konstitutionelle Monarchie oder Republik, Parlamentarismus oder Konstitutionalismus - beherrschte neben der Problematik klein- oder großdeutsche Lösung die gesamten Debatten der Paulskirche.
In der Entwicklung der Fraktionen als Vorstufe zu modernen Parteien zeigt sich, daß alle Fraktionen von Sezessionen betroffen waren: bei allen kam es zu Abspaltungen und Neuzusammenschlüssen; aus dem Würtemberger Hof beispielsweise ging die Gruppe Westendhall hervor, vom Deutcshen Hof spaltete sich die Gruppe Donnersberg ab. Die Fraktionen bestanden aus Koalitionen dieser Gruppierungen: Casino, Landsberg und Augsburger Hof war die stärkere, der Würtemberger Hof mit seinen Filiationen stand in der Mitte und bildete ein Bindeglied zwischen rechts und links, die linke Fraktion war um einige Stimmen schwächer. Das Frankfurter Parlament war also durchaus ein modernes Parlament aufgrund seiner "funktionellen Binnengliederung, den Fraktionen und Ausschüssen."

 


4.2. ERSTE VERSUCHE DER ORGANISIERUNG ALS PARTEIEN


Allgemein läßt sich sagen, daß die (erneute) Vereinsbildung überall in Wellen einsetzte. Die erste erfolgte im März/ April 1848, die zweite im Herbst desselben Jahres und die dritte und stärkste 1849, hervorgerufen durch die Reichsverfassungskampagne. Gemeinsam war diesen Organisationen. daß sie sich spontan und deshalb parallel und meist in Städten entwickelten; sie unterschieden sich oftmals kaum oder gar nicht in ihren politischen Zielen. Weiterhin bei sämtlichen Vereinen zu beobachten ist ein noch sehr lockeres Organisationsgefüge in den Revolutionsjahren, die lokalen Clubs waren organisatorisch und programmatisch-ideologisch noch weitgehend autonom. Dennoch kann das Vereinswesen der Revolutionsjahre als Massenbewegung begriffen werden. "Die Impulse zur Ausbildung außerparlamentarischer Vereine gingen nicht von den Parlamentsfraktionen aus...Den Anstoß zur Fraktions- und Vereinsbildung gaben vielmehr die Demokraten." Ab wann aber existierten nun Parteien in Deutschland? Den Zeitpunkt festzulegen hängt von der Definition von "Partei" ab und wie weit oder eng man diesen Begriff faßt. Wenn als "Partei" alle organisierten Gruppierungen verstanden werden, die sich durch gemeinsame politische Grundüberzeugungen von anderen abheben, kann man vom Centralmärzverein, der 1848 gegründet wurde, als der ersten deutschen Partei sprechen. Er wurde von gemäßigten Demokraten gegründet und versuchte erstmals in Deutschland eine Organisation auf nationaler Ebene zu schaffen, die Parlamentsfraktion und außerparlamentarische Vereine miteinander verband. Doch lediglich die Demokraten waren uneingeschränkt für Parteienbildung in Deutschland; die Liberalen lehnten alle Ansätze zu einer Verbindung von Fraktion und Verein gemäß ihrer Überzeugung ab. Sie erkannten zwar die Notwendigkeit der Organisation, aber das liberal-konstitutionelle Vereinswesen war mehr Reaktion auf die straffe Organisation der Demokraten, um ihnen nicht gänzlich das Feld zu überlassen. Deshalb spricht man auch von "erzwungener Parteilichkeit". Die Demokraten neigten stets dazu, ihre Abgeordneten an Parteibeschlüsse zu binden, während die Liberalen ihre außerparlamentarischen Parteien als Hilfsinstrumente der Fraktionen benutzten. Die liberale Abneigung gegen feste Parteiorganisationen findet sich selbst noch bei den liberalen Parteien im Kaiserreich.
Der Höhepunkt der Entwicklung zu Parteien war im Frühjahr 1849 erreicht, als weit mehr als eine halbe Million Menschen in Vereinen organisiert waren, wobei die Demokraten den größten Anteil darunter hatten. Diese Zahl zeigt, wie enorm der Politisierungsschub durch die Revolution und die daraus resultierende große Bereitschaft, sich zu organisieren, war. Es bildeten sich aus dem lockeren Vereinswesen immer straffer und national organisierte Parteiapparate heraus; welche die anfänglich getrennten parlamentarischen Fraktionen und außerparlamentarischen Vereine zusammenführte. Leider wurde diese Entwicklungsphase durch die Zeit der Reaktion in den 50er Jahren unterbrochen, so daß diese Entwicklung sich erst in den 60er Jahren fortsetzen konnte.

 

 


5. FAZIT UND AUSBLICK


Die deutschen Parteien sind geprägt durch ihre Herkunft aus philosophischen Schulen. Ihre Vorläufer entwickelten sich in einer Zeit, in der sich alles veränderte. Und die anfängliche Euphorie und Hoffnung wurde immer und immer wieder niedergeworfen, durch den Wiener Kongreß, die Karlsbader Beschlüsse, das Parteienverbot von 1834. Der erste große Schritt zu organisierten Parteiformen war die Frankfurter Nationalversammlung und ihre sich bildenden Fraktionen und Vereinsstrukturen, welche in der Zeit der erneuten Restauration in den 50er Jahren überwinterten, um daraus ruhiger, in weniger euphorischer Stimmung hervorzugehen und sich im Kaiserreich zu einem stabilen Parteiensystem zu entwickeln. Die Parteienlandschaft war bedingt von historischen, politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, und sie wandelte sich mit diesen Gegebenheiten. Zugleich fixierte diese Struktur diesen Zustand und prägte die weitere Entwicklung mit, so daß sich eine große Kontinuität in der gesamten Entwicklung der deutsche Parteien bis zur Weimarer Republik abzeichnet.

 

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Literatur:

BAUER, Joachim/ Müller, Gerhard, Demokratische Anfänge in Thüringen 1815-1819. Das Modell Sachsen - Weimar - Eisenach. in: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Hg.), Thüringen. Blätter zur Landeskunde, Erfurt 1997.

FENSKE, Hans, Deutsche Parteiengeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Paderborn1994.

HSTA Haupstaatsarchiv Weimar, Bst. B 2856/ 29.

LANGEWIESCHE, Dieter, Die Anfänge der deutschen Parteien. Partei, Fraktion und Verein in der Revolution von 1848/49, in: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.), Geschichte und Gesellschaft, Göttingen 1978, 4. Jahrg./ Heft 1, S. 324-361.

LEPSIUS, M. Rainer, Parteiensystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ritter, A. Gerhard (Hg.), Die deutschen Parteien vor 1918, Neue wissenschaftliche Bibliothek 61, Köln 1973.

NIPPERDEY, Thomas, Die Organisation der Parteien vor 1918, Düsseldorf 1961.

PÖRNBACHER, Karl u.a., Georg Büchner. Werke und Briefe. Münchner Ausgabe, 7. Aufl., München 1999.

RIES, Klaus, Lorenz Oken als politischer Professor der Universität Jena (1807-1819), in: Breidbach, Olaf/ Fliedner, Hans.J./ Ries, Klaus (Hg.), Lorenz Oken (1779-1851). Ein politischer Naturphilosoph, Weimar 2001

SCHLANGEN, Walter, Die deutschen Parteien im Überblick: Von den Anfängen bis heute, Koenigstein/ Ts. 1979.

SCHULZE, Hagen, Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München 1994.

ANFANGSZITAT in: Langewiesche, Dieter, Die Anfänge der deutschen Parteien. Partei, Fraktion und Verein in der Revolution von 1848/49, in: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.), Geschichte und Gesellschaft, Göttingen 1978, 4. Jahrg./ Heft 1, S. 343.


weitere/ weiterführende Literatur:

NIPPERDEY, Thomas, Deutsche Geschichte 1866 - 1918, Bd. 2, München 1993.

SCHULZE, Hagen, Der Weg zum Nationalstaat. Die deutsche Nationalbewegung vom 18. Jahrhundert bis zur Reichsgründung, 3. Aufl., München 1992.

WEHLER, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1989

Autor: Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: Partei ergreifen für Europa (PS) SoSe 2001 (D: Kalbfleisch-Kottsieper)
Benotung: 2,0

 
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