Wählerbindung
in Deutschland | |
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EINLEITUNG
Woher kommt es, daß die Wahlergebnisse in Deutschland
so ausfallen, wie sie ausfallen? Welcher Bundesbürger wählt welche Partei?
Und warum wählt er sie?
2.1. HISTORISCHER HINTERGRUND Um
die Existenz der Wählerbindung zu verstehen, ist es zunächst sinnvoll,
sich mit dem historischen Entstehungsprozeß zu befassen.
Das
Parteiensystem ist Ausdruck und Träger bestimmter politischer Grundorientierungen,
die durch soziale Strukturzusammenhänge vorgeprägt sind und konstitutive
soziale Konflikte innerhalb einer Gesellschaft reflektieren. Demnach ist auch
das Parteiensystem im wilhelminischen Kaiserreich stark von den bestehenden gesellschaftlichen
Konflikten geprägt, welche schon vor der Gründung des Kaiserreiches
bestanden.
2.2.2. Die Parteien Die Entstehung und Weiterentwicklung
politischer Parteien hat in Deutschland stets an vorhandene soziale Gruppierungen
angeknüpft. Gleichzeitig hat Parteipolitik, insbesondere aus der Regierungsposition
heraus, zur Formierung und Befestigung von Gruppenidentitäten beigetragen.
Das Ergebnis war eine politisierte Sozialstruktur und ein Parteiensystem, in dem
Parteien stets auch als Repräsentanten sozialer Gruppen in Erscheinung traten.
3.EINBINDUNG 3.1. DER SOZIALSTRUKTURELLE ANSATZ NACH LAZARSFELD An dieser Stelle ergibt sich die Frage, wie die einzelne Wahlentscheidung mit der jeweiligen Sozialstruktur zusammenhängt. Das Wahlverhalten ist geprägt sowohl von makropolitischen und makrosozialen Determinanten als auch von mikrosoziologischen und sozialpsychologischen Bestimmungsgründen. Die Determinanten wie die Gesellschaftsstruktur, das jeweilige politische System, die Struktur der Öffentlichkeit und die Medienlandschaft auf der Makroebene, die soziale Verankerung des Wählers in seinen Primär- und Sekundärwelten, sozialen und kulturellen Milieus und gesellschaftlichen Organisationen auf der Mikroebene haben einen entscheidenden Einfluß auf die Wahlentscheidung. Der soziologische Gruppenansatz oder auch sozialstrukturelle Ansatz, zuerst formuliert von Lazarsfeld und der Columbia School, sieht das individuelle Wählerverhalten als sozialstrukturell determiniert, besonders durch den sozioökonomischen Status, die Konfession, den Beruf, Stadt oder Land sowie die Gruppenbindungen in den jeweiligen Primär- und Sekundärwelten. Durch diese Faktoren werden die politischen Einstellungen des Wählers zu Sachfragen und Parteien geprägt. Je fester die sozialen und kulturellen Milieus gefügt sind, je stärker die Gruppenbindungen, je gleichförmiger folglich auch die durch Meinungsführer vermittelten Informationen sind, desto konstanter ist das Wahlverhalten. Verhaltensinstabilität, Nichtwahl und Wechselwahl erklärt Lazarsfeld unter Rückgriff auf Georg Simmels Theorie der sich kreuzenden Kreise mit cross-pressure-Situationen, denen der Wähler zum Beispiel durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen und politisch gegensätzlichen Organisationen ausgesetzt ist.
Die europäischen Parteiensysteme,
darunter auch das deutsche, sind parallel zur Entstehung und Politisierung von
vier großen gesellschaftlichen Konflikten entstanden. Dabei bildeten sich
sozialstrukturell abgrenzbare Konfliktgegnerschaften heraus, die von den politischen
Parteien mobilisiert werden konnten. S. M. Lipset und St. Rokkan versuchten 1967
die Zuordnung zwischen Parteien und Wählern auf der Basis von Konflikten
- auch cleavages genannt - die als langfristige Hauptspannungslinien in der Sozialstruktur
einer Gesellschaft verankert sind, in ihrer Cleavage-Theorie zu erfassen. Die
Konflikte werden nach Lipset und Rokkan insoweit politisiert und im Parteiensystem
abgebildet, als daß die parteipolitischen Eliten bestimmten sozialen Gruppen
und ihren Organisationen "eine Art Repräsentationskoalition" anbieten.
Im Gegensatz zu Lazarsfelds sozialstrukturellem Ansatz geht es A.Campbell in seinem individual- oder auch sozialpsychologischen Ansatz darum, das Wählerverhalten nicht lediglich auf die soziale Struktur der den Wähler umgebenden Umwelt zu beschränken. Bei ihm ist eine sehr deutliche Verlagerung der Erklärung der Wahlentscheidung von gruppenbezogen-soziologischen Faktoren hin zu individualpsychologischen Variablen zu erkennen. Basierend auf Lazarsfelds Ansatz richtet er den Blick auf die Wahrnehmung des Wählers, durch die dieser seine politische und soziale Umwelt individuell und subjektiv sieht. Aus dieser subjektiven Wahrnehmung erlangt der Wähler seine Einstellung, die seine Entscheidung bei der Wahl bestimmt. Die Sozialstruktur wirkt sich also nicht direkt auf die Wahlentscheidung aus, sondern vermittelt über politische Einstellungen. Als die drei zentralen Einstellungen, die das Wahlverhalten strukturieren, identifiziert Campbell die Konstrukte Parteiidentifkation (PID), Kandidatenorientierung und Politische Sachfragen (Issues). Die Parteiidentifikation setzt er mit einer Parteimitgliedschaft gleich, womit nicht die formale, aktive, sondern eine psychologische Mitgliedschaft gemeint ist. Sie ist eine langfristig stabile, affektive Bindung an eine Partei, die im Prozeß der Sozialisation, meist schon in der Jugend in Familie und Schule erworben und um so stabiler wird, je häufiger sich der Wähler in der Zeit bei Wahlen mit derselben Partei identifiziert. Diese Identifikation strukturiert die beiden anderen Einstellungen zu den politischen Sachthemen und Kandidaten: "Eine starke Identifikation mit einer Partei wird dazu führen, daß eine Person auch eher die Standpunkte dieser Partei zu den unterschiedlichen Sachthemen bezieht und den Kandidaten dieser Partei positiver einschätzt." Die Wahlentscheidung ist um so stabiler, je eindeutiger und konsistenter diese drei Einstellungen zusammenpassen. Die Parallele zum cross-pressure-Konzept ist offensichtlich. Allerdings mit dem Unterschied, daß Lazarsfeld keine Angaben zu den subjektiven Begründungen des individuellen Wählers macht. Dies wird im sozialpsychologischen Ansatz dadurch angenommen, daß der Wähler entweder den Kandidaten oder die vorgeschlagenen Problemlösungen einer anderen Partei höher bewertet.
4.1. PARTEIIDENTIFIKATION IN DEUTSCHLAND? Da die empirische Wahlforschung in
Deutschland erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und auch dann nur mit Verzögerung
begann, stand sie von Anbeginn an in der Tradition verschiedener theoretischer
Ansätze. Hauptsächlich in amerikanischer Tradition aufgrund der dort
früher beginnenden Forschung und durch enge Kontakte einiger Forscher in
den USA, die während des Nationalsozialismus dorthin geflüchtet waren.
In der deutschen Wahlforschung hat das sozialpsychologische Modell Campbells die
bundesdeutsche Diskussion von Anfang an dominiert. Ein rein mikrosoziologisch
orientiertes Modell des Wählerverhaltens, wie das von Lazarsfeld stand in
Deutschland nie ernsthaft zur Debatte. Von Anbeginn an wurden individualpsychologische
Faktoren in den theoretischen Modellen mit berücksichtigt. Somit konzentriere
ich mich in diesem Abschnitt auch auf die Übertragbarkeit des Modells von
Campbell am Beispiel der Parteiidentifikation. 4.2. CLEAVAGE-THEORIE Die Cleavage-Theorie auf die Bundesrepublik zu übertragen fällt im Vergleich zum Modell der Parteiidentifikation leichter. Wie in Kapitel 3.2. schon angeklungen, haben sich die Parteien und damit im Zusammenhang das Parteiensystem auch in Deutschland entlang der Hauptkonfliktlinien entwickelt. Somit sind also die sozialen Gruppen - und damit auch die Parteien - entlang der verschiedenen Cleavages organisiert. Die Tatsache, daß die Cleavages als dauerhafte Koalition zwischen sozialen Gruppen und Parteien aufgefaßt werden, die von den Parteien nach einmaliger Festlegung nur sehr schwer wieder aufgekündigt werden können, führt zu dem Ergebnis, daß sich innerhalb dieser sozialen Milieus mit großer Wahrscheinlichkeit längerfristige Bindungen an die entsprechenden Parteien herausbilden werden. Die Cleavage-Theorie stellt so den Zusammenhang zwischen der politisierten Sozialstruktur und den individualpsychologischen Bindungen der Menschen an Parteien her. Um die Gültigkeit von Cleavages im deutschen Parteiensystem zu beweisen, möchte ich zwei traditionelle Cleavages als Beispiele heranziehen: zum einen den Klassenkonflikt und zum anderen den Konfessionellen Konflikt. In den Kieler Bundestagswahlstudien zwischen 1976 und 1987 sollten die Befragten soziale Gruppen zu Parteien zuordnen. In der folgenden Tabelle (online leider noch nicht verfügbar) sind die Ergebnisse dieser Umfrage abgebildet. Aus dieser ist erkennbar, daß zum Beispiel 1976 die von der Wählerschaft deutlich wahrgenommene Wähler-Parteien-Koalitionen den traditionell gewachsenen entsprechen. Es ist zu ersehen, daß deutlich mehr der Befragten die SPD, aber sehr wenige die CDU/CSU und FDP als Partei angeben, die sich für die Arbeiter einsetzt. Spiegelverkehrt ist die Verteilung hinsichtlich der Unternehmer. Hier nennen nur sehr wenige die SPD, während CDU/CSU und FDP als die Parteien genannt werden, die sich für die Unternehmer einsetzt. Diese beiden Verteilungen korrespondieren mit dem zentralen, über Sozialstruktur und Parteiensystem auch heute noch wirksamen Klassenkonflikt in der Bundesrepublik. Der zweite große gesellschaftliche Konflikt, der Konfessionelle Konflikt, geht auf die Mobilisierung des politischen Katholizismus durch das Zentrum während des Kulturkampfes im Deutschen Kaiserreich zurück. Die Konfliktlinie verlief zwischen den Katholiken und den Protestanten. Durch die Gründung der CDU als überkonfessionell christlichen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich zum Repräsentanten eines religiösen Traditionalismus in allen entsprechenden Fragen gemacht. Somit existiert auch heute noch die relativ enge Zuordnung zwischen Katholizismus und CDU. Umgekehrt aber läßt sich die Zuordnung von Protestantismus und SPD nicht nachweisen. Dies läßt sich dadurch erklären, daß auch viele praktizierende Protestanten der CDU in religiösen Fragen näherstehen. Ursache ist, daß der ursprüngliche konfessionelle Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus sich zu einem Konflikt zwischen religiöser und nicht-religiöser Orientierung gewandelt hat.
Auch
in Deutschland findet sich ein von Sozialstruktur und sozialen Konflikten beeinflußtes
und geprägtes Wahlverhalten. Der Wähler entscheidet sich bei der Wahl
für die Partei, welche er aufgrung seiner Zugehörigkeit zu sozialem
Milieu und sozialer Gruppen sowie individualpsychologischen Faktoren präferiert.
Der Idealfall der Parteiidentifikation - die psychologische Parteimitgliedschaft
- ist in Deutschland ebenso zu finden wie auch heute noch verankerte traditionelle
Wähler-Partei-Koalitionen. Trotz des Wandels vom Konfessionellen Konflikt
hin zum Religiösen Konflikt kann man davon ausgehen, daß die Cleavage-Theorie
auf die Bundesrepublik ohne größere Einschränkungen anwendbar
ist. Die Existenz der Parteiidentifikation in Deutschland kann durch das von Gluchowski
vorgeschlagene Analyseverfahren klar nachgewiesen werden.
Bürklin, Wilhelm, Klein, Markus, Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, 2. Aufl., Opladen 1998 Czada, Roland, Sozialstruktur und Stimmabgabe. Parteibindungen im gesellschaftlichen Wandel, in: Wehling, Hans-Georg (Hg.), Wahlverhalten, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1991 Falter, Jürgen W., Einmal mehr: Läßt sich das Konzept der Parteiidentifikation auf deutsche Verhältnisse übertragen?, in: Politische Vierteljahresschrift, Bd.18, Opladen 1977 Gluchowski, Peter, Wahlerfahrung und Parteiidentifikation. Zur Einbindung von Wählern in das Parteiensystem der Bundesrepublik, in:. Kaase, M., Klingemann, H.-D.(Hg.), Wahlen und politisches System. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1980, Opladen 1983 Lepsius, M. Rainer, Parteiensystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ritter, A. Gerhard (Hg.), Die deutschen Parteien vor 1918, Neue wissenschaftliche Bibliothek 61, Köln 1973 Schultze, Rainer-Olaf, Wählerverhalten und Parteiensystem, Erklärungsansätze und Entwicklungsperspektiveb, in: Wehling, Hans-Georg (Hg.), Wahlverhalten, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1991 Tabellennachweis: Bürklin,W., Klein,M., Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung,Opladen1998, S. 77 weitere Literatur: Campbell, Angus et al., Political Attitudes and Vote, in: Campbell, A. et al., The American Voter, New York 1960 Fenske, Hans, Deutsche Parteiengeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Paderborn 1994 Lazarsfeld, P.F. et al., The People´s Choice. How the Voter Makes Up His Mind in a Presidential Campaign, New York 1968 weitere Quellen: www.spd.de/partei/geschichte/index.htm vom 28.8.2000 Autor:
Ricarda
D. Herbrand
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