Wählerbindung in Deutschland
 

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Inhaltsübersicht

1. EINLEITUNG
2. ENTSTEHEN
2.1. HISTORISCHER HINTERGRUND
2.2. DAS PARTEIENSYSTEM UND DIE PARTEIEN
2.2.1. DAS PARTEIENSYSTEM
2.2.2. DIE PARTEIEN
3.EINBINDUNG
3.1. DER SOZIALSTRUKTURELLE ANSATZ NACH LAZARSFELD
3.2. DIE CLEAVAGE-THEORIE NACH LIPSET/ ROKKAN
3.3. DER SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANSATZ NACH CAMPBELL
4. ÜBERTRAGBARKEIT AUF DEUTSCHLAND
4.1. PARTEIIDENTIFIKATION IN DEUTSCHLAND?
4.2. CLEAVAGE-THEORIE
5. FAZIT


1. EINLEITUNG

Woher kommt es, daß die Wahlergebnisse in Deutschland so ausfallen, wie sie ausfallen? Welcher Bundesbürger wählt welche Partei? Und warum wählt er sie?
Um diese Fragen zu beantworten, werde ich mich zunächst kurz mit der Entstehungsgeschichte des deutschen Parteiensystems und der Parteien auseinandersetzen. Als weiteres gilt es, verschiedene Erklärungsansätze und -theorien zu untersuchen und zu überprüfen, inwieweit diese auf das heutige Deutschland anwendbar sind, um daraus Antworten auf die oben gestellten Fragen abzuleiten.


2.ENTSTEHEN

2.1. HISTORISCHER HINTERGRUND

Um die Existenz der Wählerbindung zu verstehen, ist es zunächst sinnvoll, sich mit dem historischen Entstehungsprozeß zu befassen.
In der Geschichte der Demokratisierung und Industrialisierung nimmt Deutschland eine Sonderstellung ein. Im Vergleich zu England, wo die industrielle Revolution bereits in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts einsetzte, begann sie in Deutschland in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts sehr spät. Ähnlich verhält es sich mit der Demokratisierung. Auch hier liegt die Entwicklung zur Demokratie in England weit vor der Deutschlands. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Revolution von 1848/49, begannen sich in Deutschland Parteien zu formieren, worauf die allmähliche Bildung eines Parteiensystems folgte.
Die große Rückständigkeit wird zum Beispiel an der vorindustriellen Sozialordnung im wilhelminischen Kaiserreich deutlich, symbolisiert durch das Drei-Klassen-Wahlrecht in Preußen - welches immerhin 60% der Reichsbevölkerung betraf - , die Quasi-Palamentarisierung der Reichsverfassung und die autokratische Stellung des Kaisers ebenso wie die staatlich-bürokratische Wohlfahrtspolitik und die Kulturromantik des entpolitisierten Bürgertums.
Der Beginn der Entwicklung der Demokratie lag zeitlich zusätzlich nach dem der Industrialisierung. Die Prozesse der Nationenbildung und Industrialisierung und damit im Zusammenhang die Milieubildung finden sich zeitlich aber weit vor der Bildung eines Parteiensystems.


2.2. DAS PARTEIENSYSTEM UND DIE PARTEIEN
2.2.1. Das Parteiensystem

Das Parteiensystem ist Ausdruck und Träger bestimmter politischer Grundorientierungen, die durch soziale Strukturzusammenhänge vorgeprägt sind und konstitutive soziale Konflikte innerhalb einer Gesellschaft reflektieren. Demnach ist auch das Parteiensystem im wilhelminischen Kaiserreich stark von den bestehenden gesellschaftlichen Konflikten geprägt, welche schon vor der Gründung des Kaiserreiches bestanden.
Das deutsche Parteiensystem weist seit Gründung des Deutschen Reiches 1871 bis 1928 eine bemerkenswerte Stabilität und geradlinige Entwicklung auf. Dies scheint auf den sozialen Strukturbedingungen und politischen Ordnungskonzeptionen zu beruhen.

 

2.2.2. Die Parteien

Die Entstehung und Weiterentwicklung politischer Parteien hat in Deutschland stets an vorhandene soziale Gruppierungen angeknüpft. Gleichzeitig hat Parteipolitik, insbesondere aus der Regierungsposition heraus, zur Formierung und Befestigung von Gruppenidentitäten beigetragen. Das Ergebnis war eine politisierte Sozialstruktur und ein Parteiensystem, in dem Parteien stets auch als Repräsentanten sozialer Gruppen in Erscheinung traten.
Das sozio-kulturelle Arbeitermilieu zum Beispiel entstand aus dem Zusammentreffen agrarischer und handwerklicher Verhaltensweise unter dem Druck eines tiefgreifenden Wandels. Dies ließ eine Subkultur entstehen, die gleichzeitig Deutungsformeln für die unterprivilegierte Lebenslage wie Ansprüche auf politisch-kulturelle Emanzipation entwickelte. Aus dieser vorsozialistisch geprägten Subkultur formierte sich die politische Arbeiterbewegung, in die schätzungsweise 50% der Arbeiterschaft integriert wurde. Soweit dieses Milieu vorkonstruiert war, drang die Sozialdemokratie als dessen politischer Aktionsverband vor. Sie entstand aus dem Konflikt von Kapital und Arbeit, der sozial schweren Lage der Arbeiter und den Versuchen, daran etwas zu ändern. Aus dem Streben nach Freihandel gegen den Protektionismus gingen die Liberalen hervor, und der politische Katholizismus als Vorläufer konfessioneller Parteien stand für den Erhalt kirchlicher Privilegien im Kampf um die Trennung von Staat und Kirche. Die Zentrumspartei war keine Mitgliederpartei, sondern der politische Ausschuß der Organisationen des katholischen Deutschlands. Nicht die Zentrumsführer und ihre Politik haben die Zentrumswähler mobilisiert und integriert, sondern die Kirche und ihre Organisationen des Milieus.

 

3.EINBINDUNG

3.1. DER SOZIALSTRUKTURELLE ANSATZ NACH LAZARSFELD

An dieser Stelle ergibt sich die Frage, wie die einzelne Wahlentscheidung mit der jeweiligen Sozialstruktur zusammenhängt. Das Wahlverhalten ist geprägt sowohl von makropolitischen und makrosozialen Determinanten als auch von mikrosoziologischen und sozialpsychologischen Bestimmungsgründen. Die Determinanten wie die Gesellschaftsstruktur, das jeweilige politische System, die Struktur der Öffentlichkeit und die Medienlandschaft auf der Makroebene, die soziale Verankerung des Wählers in seinen Primär- und Sekundärwelten, sozialen und kulturellen Milieus und gesellschaftlichen Organisationen auf der Mikroebene haben einen entscheidenden Einfluß auf die Wahlentscheidung. Der soziologische Gruppenansatz oder auch sozialstrukturelle Ansatz, zuerst formuliert von Lazarsfeld und der Columbia School, sieht das individuelle Wählerverhalten als sozialstrukturell determiniert, besonders durch den sozioökonomischen Status, die Konfession, den Beruf, Stadt oder Land sowie die Gruppenbindungen in den jeweiligen Primär- und Sekundärwelten. Durch diese Faktoren werden die politischen Einstellungen des Wählers zu Sachfragen und Parteien geprägt. Je fester die sozialen und kulturellen Milieus gefügt sind, je stärker die Gruppenbindungen, je gleichförmiger folglich auch die durch Meinungsführer vermittelten Informationen sind, desto konstanter ist das Wahlverhalten. Verhaltensinstabilität, Nichtwahl und Wechselwahl erklärt Lazarsfeld unter Rückgriff auf Georg Simmels Theorie der sich kreuzenden Kreise mit cross-pressure-Situationen, denen der Wähler zum Beispiel durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen und politisch gegensätzlichen Organisationen ausgesetzt ist.


3.2. DIE CLEAVAGE-THEORIE NACH LIPSET/ ROKKAN

Die europäischen Parteiensysteme, darunter auch das deutsche, sind parallel zur Entstehung und Politisierung von vier großen gesellschaftlichen Konflikten entstanden. Dabei bildeten sich sozialstrukturell abgrenzbare Konfliktgegnerschaften heraus, die von den politischen Parteien mobilisiert werden konnten. S. M. Lipset und St. Rokkan versuchten 1967 die Zuordnung zwischen Parteien und Wählern auf der Basis von Konflikten - auch cleavages genannt - die als langfristige Hauptspannungslinien in der Sozialstruktur einer Gesellschaft verankert sind, in ihrer Cleavage-Theorie zu erfassen. Die Konflikte werden nach Lipset und Rokkan insoweit politisiert und im Parteiensystem abgebildet, als daß die parteipolitischen Eliten bestimmten sozialen Gruppen und ihren Organisationen "eine Art Repräsentationskoalition" anbieten.
Folgende vier soziale Hauptkonflikte, die in den europäischen Parteiensystemen auch heute noch - wenn auch mit unterschiedlichem Gewicht - wirksam sind, werden von Lipset und Rokkan benannt: als erster der Zentrum-Peripherie-Konflikt, weiterhin der Konflikt zwischen Staat und Kirche, der Stadt-Land-Konflikt und zuletzt der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Der Zentrum-Peripherie-Konflikt bezieht sich auf den Prozeß der Nationenbildung und die damit verbundenen Machtverschiebungen von den alten auf die neuen Willensbildungszentren. Der Konflikt zwischen Staat und Kirche spannt sich über die Konfliktfelder Säkularisierung sowie kirchlicher gegenüber staatlicher Kontrolle des Bildungswesens - sehr deutlich wird dieser am Kulturkampf zu Zeiten Bismarcks. Der Stadt-Land-Konflikt spiegelt die Differenzen in der entstehenden Industrialisierung zwischen Landbevölkerung und städtischem Bürgertum wider, welcher die Konkurrenz zwischen primärem und sekundärem Wirtschaftssektor meint. Der Klassenkonflikt Arbeit versus Kapital zwischen Arbeitern und Unternehmern ist auch heute noch in fast allen europäischen Staaten wirksam.


3.3. DER SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANSATZ NACH CAMPBELL

Im Gegensatz zu Lazarsfelds sozialstrukturellem Ansatz geht es A.Campbell in seinem individual- oder auch sozialpsychologischen Ansatz darum, das Wählerverhalten nicht lediglich auf die soziale Struktur der den Wähler umgebenden Umwelt zu beschränken. Bei ihm ist eine sehr deutliche Verlagerung der Erklärung der Wahlentscheidung von gruppenbezogen-soziologischen Faktoren hin zu individualpsychologischen Variablen zu erkennen. Basierend auf Lazarsfelds Ansatz richtet er den Blick auf die Wahrnehmung des Wählers, durch die dieser seine politische und soziale Umwelt individuell und subjektiv sieht. Aus dieser subjektiven Wahrnehmung erlangt der Wähler seine Einstellung, die seine Entscheidung bei der Wahl bestimmt. Die Sozialstruktur wirkt sich also nicht direkt auf die Wahlentscheidung aus, sondern vermittelt über politische Einstellungen. Als die drei zentralen Einstellungen, die das Wahlverhalten strukturieren, identifiziert Campbell die Konstrukte Parteiidentifkation (PID), Kandidatenorientierung und Politische Sachfragen (Issues). Die Parteiidentifikation setzt er mit einer Parteimitgliedschaft gleich, womit nicht die formale, aktive, sondern eine psychologische Mitgliedschaft gemeint ist. Sie ist eine langfristig stabile, affektive Bindung an eine Partei, die im Prozeß der Sozialisation, meist schon in der Jugend in Familie und Schule erworben und um so stabiler wird, je häufiger sich der Wähler in der Zeit bei Wahlen mit derselben Partei identifiziert. Diese Identifikation strukturiert die beiden anderen Einstellungen zu den politischen Sachthemen und Kandidaten: "Eine starke Identifikation mit einer Partei wird dazu führen, daß eine Person auch eher die Standpunkte dieser Partei zu den unterschiedlichen Sachthemen bezieht und den Kandidaten dieser Partei positiver einschätzt." Die Wahlentscheidung ist um so stabiler, je eindeutiger und konsistenter diese drei Einstellungen zusammenpassen. Die Parallele zum cross-pressure-Konzept ist offensichtlich. Allerdings mit dem Unterschied, daß Lazarsfeld keine Angaben zu den subjektiven Begründungen des individuellen Wählers macht. Dies wird im sozialpsychologischen Ansatz dadurch angenommen, daß der Wähler entweder den Kandidaten oder die vorgeschlagenen Problemlösungen einer anderen Partei höher bewertet.


4. ÜBERTRAGBARKEIT AUF DEUTSCHLAND

4.1. PARTEIIDENTIFIKATION IN DEUTSCHLAND?

Da die empirische Wahlforschung in Deutschland erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und auch dann nur mit Verzögerung begann, stand sie von Anbeginn an in der Tradition verschiedener theoretischer Ansätze. Hauptsächlich in amerikanischer Tradition aufgrund der dort früher beginnenden Forschung und durch enge Kontakte einiger Forscher in den USA, die während des Nationalsozialismus dorthin geflüchtet waren. In der deutschen Wahlforschung hat das sozialpsychologische Modell Campbells die bundesdeutsche Diskussion von Anfang an dominiert. Ein rein mikrosoziologisch orientiertes Modell des Wählerverhaltens, wie das von Lazarsfeld stand in Deutschland nie ernsthaft zur Debatte. Von Anbeginn an wurden individualpsychologische Faktoren in den theoretischen Modellen mit berücksichtigt. Somit konzentriere ich mich in diesem Abschnitt auch auf die Übertragbarkeit des Modells von Campbell am Beispiel der Parteiidentifikation.
Wie in den USA ließ sich auch in Deutschland schnell eine relativ hohe Stabilität der Wählerstrukturen feststellen. Daher gab es auch sehr früh Versuche, dieses stabilisierende Element in Gestalt der Parteiidentifikation analytisch zu bestimmen. In den Anfängen stellte sich das Problem der Fragestellung in den Umfragen. Daß diese anders lauten mußte als in den Umfragen der Michigan School und nicht einfach übernommen werden konnte, war offensichtlich. Jedoch gab es verschiedene Varianten der Fragestellung, sodaß die Umfragen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen von nur 29% Parteiidentifizierern bis hin zu 75% - was sogar über dem amerikanischen Ergebnis lag - kamen.. Dieses Dilemma kam durch eine auf der einen Seite zu "weiche", auf der anderen zu "harte" Fragestellung, die in den Umfragen zu sehr Parteipräferenten bzw. nur den harten Kern der Parteiidentifizierer ansprachen, zustande. Es wurde erst gelöst, als Gluchowski eine multiple Indikatorenanalyse 1983 anwendete. In seiner sehr genauen Analyse kam er zu dem Ergebnis, daß "bei dem Indikator Parteineigung ... 18% der gemessenen Parteipräferenzen keine Parteiidentifikation im engeren Sinne" sind.
Das Ergebnis seiner Analyse kann als starke Bestätigung des Konzepts der Parteiidentifikation für die Bundesrepublik gewertet werden, da die berichtete Meßgenauigkeit für ein sozialwissenschaftliches Konzept außergewöhnlich hoch ist.

4.2. CLEAVAGE-THEORIE

Die Cleavage-Theorie auf die Bundesrepublik zu übertragen fällt im Vergleich zum Modell der Parteiidentifikation leichter. Wie in Kapitel 3.2. schon angeklungen, haben sich die Parteien und damit im Zusammenhang das Parteiensystem auch in Deutschland entlang der Hauptkonfliktlinien entwickelt. Somit sind also die sozialen Gruppen - und damit auch die Parteien - entlang der verschiedenen Cleavages organisiert. Die Tatsache, daß die Cleavages als dauerhafte Koalition zwischen sozialen Gruppen und Parteien aufgefaßt werden, die von den Parteien nach einmaliger Festlegung nur sehr schwer wieder aufgekündigt werden können, führt zu dem Ergebnis, daß sich innerhalb dieser sozialen Milieus mit großer Wahrscheinlichkeit längerfristige Bindungen an die entsprechenden Parteien herausbilden werden. Die Cleavage-Theorie stellt so den Zusammenhang zwischen der politisierten Sozialstruktur und den individualpsychologischen Bindungen der Menschen an Parteien her. Um die Gültigkeit von Cleavages im deutschen Parteiensystem zu beweisen, möchte ich zwei traditionelle Cleavages als Beispiele heranziehen: zum einen den Klassenkonflikt und zum anderen den Konfessionellen Konflikt. In den Kieler Bundestagswahlstudien zwischen 1976 und 1987 sollten die Befragten soziale Gruppen zu Parteien zuordnen. In der folgenden Tabelle (online leider noch nicht verfügbar) sind die Ergebnisse dieser Umfrage abgebildet.

Aus dieser ist erkennbar, daß zum Beispiel 1976 die von der Wählerschaft deutlich wahrgenommene Wähler-Parteien-Koalitionen den traditionell gewachsenen entsprechen. Es ist zu ersehen, daß deutlich mehr der Befragten die SPD, aber sehr wenige die CDU/CSU und FDP als Partei angeben, die sich für die Arbeiter einsetzt. Spiegelverkehrt ist die Verteilung hinsichtlich der Unternehmer. Hier nennen nur sehr wenige die SPD, während CDU/CSU und FDP als die Parteien genannt werden, die sich für die Unternehmer einsetzt. Diese beiden Verteilungen korrespondieren mit dem zentralen, über Sozialstruktur und Parteiensystem auch heute noch wirksamen Klassenkonflikt in der Bundesrepublik. Der zweite große gesellschaftliche Konflikt, der Konfessionelle Konflikt, geht auf die Mobilisierung des politischen Katholizismus durch das Zentrum während des Kulturkampfes im Deutschen Kaiserreich zurück. Die Konfliktlinie verlief zwischen den Katholiken und den Protestanten. Durch die Gründung der CDU als überkonfessionell christlichen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich zum Repräsentanten eines religiösen Traditionalismus in allen entsprechenden Fragen gemacht. Somit existiert auch heute noch die relativ enge Zuordnung zwischen Katholizismus und CDU. Umgekehrt aber läßt sich die Zuordnung von Protestantismus und SPD nicht nachweisen. Dies läßt sich dadurch erklären, daß auch viele praktizierende Protestanten der CDU in religiösen Fragen näherstehen. Ursache ist, daß der ursprüngliche konfessionelle Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus sich zu einem Konflikt zwischen religiöser und nicht-religiöser Orientierung gewandelt hat.


5. FAZIT

Auch in Deutschland findet sich ein von Sozialstruktur und sozialen Konflikten beeinflußtes und geprägtes Wahlverhalten. Der Wähler entscheidet sich bei der Wahl für die Partei, welche er aufgrung seiner Zugehörigkeit zu sozialem Milieu und sozialer Gruppen sowie individualpsychologischen Faktoren präferiert. Der Idealfall der Parteiidentifikation - die psychologische Parteimitgliedschaft - ist in Deutschland ebenso zu finden wie auch heute noch verankerte traditionelle Wähler-Partei-Koalitionen. Trotz des Wandels vom Konfessionellen Konflikt hin zum Religiösen Konflikt kann man davon ausgehen, daß die Cleavage-Theorie auf die Bundesrepublik ohne größere Einschränkungen anwendbar ist. Die Existenz der Parteiidentifikation in Deutschland kann durch das von Gluchowski vorgeschlagene Analyseverfahren klar nachgewiesen werden.
Nachdem nun die eingangs gestellten Fragen beantwortet sind, eröffnen sich daraus völlig neue Dimensionen. Betrachtet man den aufgezeigten Zeitraum unter diesem Aspekt, stellt man fest, daß sich in dem hier diskutierten Punkt einer existierenden Wählerbindung nur wenig geändert hat. Es ergeben sich neue Fragestellungen, deren Beantwortung in einem ähnlichen Rahmen interessant wäre: Wieso gibt es in einer so schnellebigen Zeit wie der unseren noch immer eine Wählerbindung wie vor etwa 100 Jahren? Und sind die Bundesbürger, die heute so wählen, wie sie wählen, dieselben wie vor 100 Jahren? Oder haben der Wertewandel doch seine Spuren hinterlassen und die Milieuzugehörigkeiten sich geändert?

 


verwendete Literatur:

Bürklin, Wilhelm, Klein, Markus, Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, 2. Aufl., Opladen 1998

Czada, Roland, Sozialstruktur und Stimmabgabe. Parteibindungen im gesellschaftlichen Wandel, in: Wehling, Hans-Georg (Hg.), Wahlverhalten, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1991

Falter, Jürgen W., Einmal mehr: Läßt sich das Konzept der Parteiidentifikation auf deutsche Verhältnisse übertragen?, in: Politische Vierteljahresschrift, Bd.18, Opladen 1977

Gluchowski, Peter, Wahlerfahrung und Parteiidentifikation. Zur Einbindung von Wählern in das Parteiensystem der Bundesrepublik, in:. Kaase, M., Klingemann, H.-D.(Hg.), Wahlen und politisches System. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1980, Opladen 1983

Lepsius, M. Rainer, Parteiensystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Ritter, A. Gerhard (Hg.), Die deutschen Parteien vor 1918, Neue wissenschaftliche Bibliothek 61, Köln 1973

Schultze, Rainer-Olaf, Wählerverhalten und Parteiensystem, Erklärungsansätze und Entwicklungsperspektiveb, in: Wehling, Hans-Georg (Hg.), Wahlverhalten, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1991

Tabellennachweis:

Bürklin,W., Klein,M., Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung,Opladen1998, S. 77

weitere Literatur:

Campbell, Angus et al., Political Attitudes and Vote, in: Campbell, A. et al., The American Voter, New York 1960

Fenske, Hans, Deutsche Parteiengeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Paderborn 1994

Lazarsfeld, P.F. et al., The People´s Choice. How the Voter Makes Up His Mind in a Presidential Campaign, New York 1968

weitere Quellen:
Tenfelde, Klaus, Milieus, politische Sozialisation und Generationenkonflikte im 20. jahrhundert, Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 11.Juni 1997, unter:
www.fes.de/fulltext/historiker/00115.htm vom 28.8.2000

www.spd.de/partei/geschichte/index.htm vom 28.8.2000
www.liberale.de/fdpbv/selbst/geschichte.phtml vom 28.8.2000
www.bundestag.de/info/wahlhist/index vom 28.8.2000

Autor: Ricarda D. Herbrand
Hochschule: FSU Jena
Veranstaltung: Einführung in die Politikwissenschaft (PS) SoSe 2000 (D: Oppelland)
Benotung: 2,3


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